> > > > > 18.06.2017
Mittwoch, 18. Oktober 2017

Konzertfoto, Copyright: anonym

Konzertfoto, © anonym

'Gurre-Lieder' in der Elbphilharmonie

In lichtere Räume

Die Eröffnungsaion der Elbphilharmonie hat es in sich. Gleich zu Anfang hat man die großen chorsinfonischen Werke der Literatur aufs Programm gesetzt. Konnte das Philharmonische Staatsorchester Hamburg schon Ende April mit Mahlers Achter Sinfonie, der sogenannten "Sinfonie der Tausend" auftrumpfen und dabei von den Vorzügen der Edelakustik des Großen Saals profitieren, so stand nun mit Arnold Schönbergs 'Gurre-Liedern' ein vergleichbarer Koloss ins Haus. Der wieder gesundete Chefdirigent Kent Nagano sah eine Bühne vor sich, die beinahe bis auf den letzten Meter gefüllt war. Bei unter anderem 10 Hörnern, 8 Flöten, 6 Pauken, 3 Harfen, 7 Trompeten und 7 Posaunen sowie reichlich Streichern war das aber auch wenig verwunderlich. Direkt dahinter und erhöht nahmen nach der Pause noch der Chor der Hamburgischen Staatsoper sowie der MDR Rundfunkchor Platz, für die große, in allen Farben immer heller werdende, schließlich gleißende Anrufung der Sonne. Die Gesangssolisten waren links und rechts am Rand erhöht aufgestellt beziehungsweise Anja Silja als Sprecherin für den Schlussmonolog 'Des Sommerwindes wilde Jagd' als einzige hinten in der Mitte beim Schlagwerk.

Natürlich ist die Bewältigung eines solchen Riesenwerks schon rein koordinatorisch eine Herausforderung. Nagano und ‚sein’ Orchester sowie alle anderen wirkten jedoch gut eingespielt und aufeinander abgestimmt. Schon das anfängliche Orchestervorspiel mit seinen Flötenranken erstrahlte wie ein Farbenteppich, als hätte Wagner eine kräftige Dosis Debussy verpasst bekommen. Allein der gesamte erste Werkteil schillerte klangsinnlich hell und so gut durchhörbar wie man es vermutlich selten hört bei diesem riesenhaft instrumentierten Oratorium. Mit Hinzutreten der Chöre und einer beachtlichen Zunahme an Dynamik im dritten Teil nahm das Ganze jedoch auch schon mal gewaltsame Züge an. Der Gesang der wilden Jagd von Waldemars Mannen etwa tönte einem entgegen wie im Windkanal und ging bis an die physische Schmerzgrenze. Bei so viel Lautstärke war der Text natürlich auch nicht zu verstehen. Beim zweiten Einsatz des Männerchores verhielt es sich dann glücklicherweise entgegengesetzt.

Fehlende Abstimmung war auch bei den Gesangssolisten nie zu hören. Dorothea Röschmanns Tove steigerte sich von Einsatz zu Einsatz in Intensität und Gestaltungskraft. Auf dem Höhepunkt ('Und wenn du erwachst/bei dir auf dem Lager/in neuer Schönheit/siehst du strahlen die junge Braut') überstrahlte ihr Sopran das Orchestertutti in glanzvoller Klarheit. Thorsten Kerl als ihr Geliebter König Waldemar deklamierte zwar ähnlich gut verständlich, hatte in der Höhe jedoch mit einer gewissen Enge zu kämpfen und wirkte erst im zweiten Teil nach der Pause wirklich auf der Höhe. Insgesamt waren die Gesangssolisten aufgrund des riesenhaften Orchesterapparetes natürlich enorm gefordert. Zwar war man stets zusammen, Kent Nagano jedoch wirkte (verständlicherweise) eher in die Partitur vertieft als mit den Sängern in Verbindung, die obendrein räumlich entfernt waren. Insofern wurde auch einiges durch das Orchester verdeckt, wie etwa Wilhelm Schwinghammers Bauer, während Wolfgang Ablinger-Sperrhackes halb rezitierter, halb gesungener Klaus-Narr souverän über allem schwebte. Gleiches galt für Claudia Mahnkes erstaunliche Waldtaube, die so plastisch und befreit wirkte, als würde es das Orchester nicht geben. Anja Silja allerdings war die Anstrengung als Sprecherin dagegen leider zu sehr anzumerken. Wobei man dazu auch sagen muss, dass die Gewichtung zwischen riesenhaftem Orchestern und einzelnen Gesangssolisten ein ewiges Problem ist, dass selbst die allerbeste Akustik nicht lösen wird. Insofern war hier letztendlich alles im Rahmen. Beeindruckend und vor allem klangsinnlich überwältigend waren diese 'Gurre-Lieder' allemal.  

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Gurrelieder: Kent Nagano

Ort: Elbphilharmonie,

Werke von: Arnold Schönberg

Mitwirkende: MDR Rundfunkchor (Chor), Chor der Hamburgischen Staatsoper (Chor), Kent Nagano (Dirigent), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg (Orchester), Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Solist Gesang), Claudia Mahnke (Solist Gesang), Dorothea Röschmann (Solist Gesang)

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