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Samstag, 24. Juni 2017

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Szenenfoto, Copyright: Matthias Heyde

Szenenfoto, © Matthias Heyde

Neues Lund/Zaufke-Musical in Berlin

Das Lied von der sexuellen Orientierung

Es scheint, dass Musiktheaterstücke über ‚Teenage Angst‘ derzeit populärer sind denn je. In Halle erlebte gerade 'Frühlingserwachen' in der Musical-Version von Duncan Sheik/Steven Sater eine weitere erfolgreiche deutsche Neuproduktion, nachdem das Werk unlängst auch am Broadway spektakulär wiederaufgenommen worden war. Ebenfalls am Broadway stürmte 'Dear Evan Hansen' von Benj Pasek/Justin Paul/Steven Levenson auf eine Spitzenposition der Beliebtheitsskala. Da kommt ein neues Musical von Thomas Zaufke (Musik) und Peter Lund (Text) mit Titel 'Kopfkino' gerade richtig. Auch hier geht es um junge Menschen, die sich verloren fühlen, ins Internet abtauchen und teils nicht mehr wissen, was echt und was digital ist; die ihren Lebensweg nicht finden zwischen Drogen- und Alkoholabstürzen, Liebesstress, Geldnöten, Verarbeitung dysfunktionaler Familiengeschichten und Fragen nach der eigenen sexuellen Orientierung.

Regisseur Lund hat das Stück im Laufe eines Jahres mit zehn UdK-Musicalstudenten entwickelt. Sie sollten jeweils zehn Bekannte fragen, was deren zentrale Sorgen und Probleme sind. Die 100 Rückmeldungen hat Lund dann mit den Studenten zu einer WG-Geschichte in Berlin verdichtet. Dort zieht der junge Lennard (Markus Fetter) aus dem Raum Baden-Baden ein und trifft auf Fine (Lina Hartmann) und Ben (Jonathan Francke). Letzterer läuft wiederholt nackt durch die Wohnung zum Kühlschrank und versteht nicht, wieso Lennard das merkwürdig findet. Ben legt auch alles flach, was ihn auf dem Weg zum Kühlschrank kreuzt. Das ist sowohl sein Freundin Fine und später Lennard. Dann Lennards Schwester Mona (Lisa Maria Hörl). Die hatte Lennard eigentlich für tot erklärt – ‚vom Sparkassenturm in Pforzheim gesprungen, weil sie’s nicht mehr ausgehalten hat in unserer Familie‘ –, aber das entpuppt sich als Lüge. Nun wird Lennard mit der Wahrheit und mit der Realität konfrontiert, die beide komplizierter sind als seine Fantasie. Außerdem wird er mit verschiedenen Stimmen in seinem Kopf konfrontiert, die allesamt Familienmitglieder repräsentieren, inklusive seiner selbst in jugendlicheren Versionen (Nico Went als Baby Theo und Helge Mark Lodder als verklemmter und hypervorsichtiger Jugendlicher Jürgen). Diese imaginären Figuren wandern wie Gespenster durchs WG-Geschehen und kommentieren die Handlung, wie der Chor in der antiken Tragödie.

Starker Tobak

Apropos Tragödie: Was da an Familien- und WG-Geschichte verhandelt wird, ist tragisch. Lennards Eltern trinken sich in sexuelle Erregung und ins Delirium (Adrian Burri als sexy Vater Boris, Lisa Katharina Toh als genauso sexy Mutter Helena), erpressen ihre Kinder emotional, vernachlässigen sie gleichzeitig, überlassen sie der pragmatisch zupackenden Tante Sophia (Jasmin Eberl), die nebenbei ihrerseits mit Boris eine Affäre hat. Das ist starker Tobak - dem hier vor allem in fetzigen Tanzsequenzen eine Art ‚comic relief‘ entgegengesetzt wird. Die Choreografie hat Neva Howard übernommen, im grandiosen Bühnenbild von Daria Kornysheva, das die Gemeinschaftsküche, den Flur und Lennards Zimmer im Breitwandpanorama zeigt. Pittoresk angeranzt, wie sich das für ein hippes Berlin-Musical gehört seit den seligen Tagen von 'Linie 1'.

Was neu am Stück ist, ist der Ansatz, das Ganze als Film zu konzipieren. Denn der Untertitel lautet ‚Ein musikalisches Filmprojekt. Oder ein filmisches Musical‘. Alle Szenen sind nicht nur Szenen, sondern ‚Takes‘ an einem Set. Das wird immer wieder thematisiert: Alle spielen Rollen und manche beklagen sich über ihren Part (‚Ich hasse meine Rolle!‘). Irgendwann stoppt die Handlung komplett, und die Darsteller fragen, wie es nun eigentlich weitergehen soll, nachdem alle erschossen wurden. Die Darsteller diskutieren und einigen sich schließlich auf ein Happy End. Perfekte Dekonstruktion, wie sie derzeit en vogue ist. (Erst vor zwei Wochen war genau das Gleiche im neuen Musical 'Hermann der Matrose' von Michael Bellmann /Ralf Rühmeier zu erleben.)

Lund geht allerdings einen Schritt weiter: seine Charaktere spielen nicht nur Film und Dekonstruktion, sie werden als Darsteller ab nächster Woche tatsächlich einen Film drehen, am Set in der Neuköllner Oper sowie draußen auf den Straßen von Berlin. Bereits jetzt gibt es ausgedehnte Videosequenzen, für die Kameramann Richard Marx zuständig ist. Sie sind sehr sehenswert und ziemlich witzig, besonders wenn man die Nebendarsteller erkennt, fast alles UdK-Dozenten.

Guilty Pleasures

Was für Musik erklingt zu diesem Selbstfindungsdrama? Komponist Zaufke beschreibt sie so: ‚Ein Mix aus Singer-Songwriter-Elementen und Deutschpop, mit ein paar ‚Guilty pleasures‘’. Das passt als Erwachsenenperspektive aufs jugendliche Gefühlsdurcheinander gut. Die Partitur enthält auch einige tolle Einzelnummern wie zum Beispiel 'High, high, high' à la Katy Perry, wo Lennard und Fine in den Drogenrausch abtauchen. Ein Rausch, der sich als keine gute Idee entpuppt.

Da die Partitur allerdings wie üblich von der gleichen kleinen Sechsmannband rund um Hans-Peter Kirchberg (musikalische Leitung) gespielt wird, klingt vieles wie immer. Und das ist bedauerlich. Es gibt einige alles überstrahlende E-Gitarrenmomente, ohne dass es eine echte Rock-Partitur wäre wie 'American Idiot' von Green Day, obwohl Anklänge vorhanden sind. Am besten funktionierten für mich die leiseren Passagen mit einfacher Gitarrenbegleitung, etwa das Ensemble 'Hör ihm zu', bei dem echte Introspektive aufkommt. Das Orchester von 'Dear Evan Hansen' ist vermutlich auch nicht viel größer als die 'Kopfkino'-Band, aber dort wird ganz anders mit elektronischen Klangeffekten und -farben gespielt. Das wären Effekte und Farben, die auch gut zu 'Kopfkino' passen würden.

An vielen Stellen wird das Individuelle und Beängstigende der Handlung auch von der Standard-Choreografie plattgemacht. Ja, es wird teils bravourös getanzt – besonders von Jasmin Eberl, die einen atemberaubenden Tango hinlegt mit Helge Mark Lodder und dafür zurecht Ovationen bekommt –, aber bei dieser intimen Geschichte hätte eine individuellere Form des Tanzens gefunden werden können, die nicht nur bewährte Versatzstücke aneinanderreiht, die man aus den letzten UdK-Studentenmusicals von Peter Lund kennt. Da fehlte mir mehr Einfühlungsvermögen, und das obwohl ich Neva Howards Tanzarrangements normalerweise sehr schätze.

20-jähriges Jubiläum

Im Wesentlichen konzentriert sich das Stück auf die WG-Geschichte rund um Lennard, Fine, Ben und Mona. Markus Fetter macht seine Sache als Lennard überzeugend und weckt Sympathien für seine verunsicherte Figur. Besonders die Art, wie er die Gefühlsverwirrung spielt, nachdem ihn Ben unverhofft geküsst hat, ist anrührend. Auch Jonathan Francke als manipulatives ‚Arschloch‘ Ben ist grandios in seiner Widersprüchlichkeit. Für einige der Nebenrollen sind die Darsteller teils arg jung. Das lässt sich bei einem Studentenprojekt aber kaum vermeiden. Dafür singen aber alle famos, auch Friederike Kury als Tess, eine jugendliche Punkversion von Schwester Mona.

Als Talentschau war die Uraufführung eindrucksvoll. Und als schauspielerische Leistung ist das, was die zehn Jungdarsteller da singend und tanzend vermitteln, gleichfalls beachtlich. Besonders wenn man es mit dem platten Musical-Melodrama 'Der Glöckner von Notre-Dame' vergleicht, das eine Woche zuvor Premiere im Theater des Westens feierte. Man darf gespannt sein, wie das alles in der Filmversion aussehen wird und wo der Film Premiere haben wird. Und man darf neugierig sein, wie die Studenten in den kommenden Vorstellungen stärker in ihre Rollen hineinwachsen werden. Das Projekt, als Koproduktion der Neuköllner Oper und der UdK Berlin, markiert das 20-jährige Zusammenarbeitsjubiläum. In diesen 20 Jahren sind viele eindrucksvolle Stücke herausgekommen mit ebenso vielen eindrucksvollen Jungdarstellern, die später große Karrieren hatten. Bei der Premiere waren etliche von ihnen anwesend, etwa Nicky Wuchinger (unlängst das Phantom der Oper in Hamburg) oder Jan-Philipp Rekeszus, im Kino neben Joyce di Donato in ‚Die Florence Foster Jenkins Story‘ zu bewundern. Auch Devi-Ananda Dahm war da, die als Rotkäppchen in 'Grimm' so sensationell war und die Rolle im Juli im Berliner Admiralpalast nochmals spielen wird. Oder Christian Miebach, demnächst am Staatstheater Karlsruhe zu sehen.

Next Stop: Hollywood

Eine Bekannte nannte beim Rausgehen 'Kopfkino' ein ‚Best of‘ von Peter Lunds bisherigen Arbeiten, mit Anklängen an 'Leben ohne Chris', 'Mein Avatar und ich' und vor allem 'Stimmen im Kopf'. Ist nach 20 Jahren ein Punkt erreicht, an dem einfach alles schon mal gesagt und besungen wurde? Irgendwie ja, könnte man sagen. Andererseits findet Peter Lund mit seinen verschiedenen Komponisten doch immer wieder neue Geschichten, wegen denen es sich lohnt, den Zyklus fortzusetzen. 'Kopfkino' ist ein Zwischending, bei dem das wirklich Neue erst noch als Film entstehen muss. Eine kreative Herausforderung, der die Darsteller gewachsen sein dürften. Und: Musical-Filme sind derzeit natürlich auch populär in Hollywood. Warum also nicht ebenso in Berlin-Neukölln? (Vielleicht überarbeitet Thomas Zaufke für den Filmsoundtrack auch noch mal die Orchestrierung, damit seine 18 Songs maximale Wirkung entfalten und keinen Broadway- oder Hollywoodvergleich scheuen müssen?)

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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