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Montag, 29. Mai 2017

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Der Kaufmann von Venedig - Björn Waag (Shylock), Melanie Kreuter (Die Maske); Opernchor, Copyright: Bettina Stöß

Der Kaufmann von Venedig - Björn Waag (Shylock), Melanie Kreuter (Die Maske); Opernchor, © Bettina Stöß

Reynaldo Hahns 'Kaufmann von Venedig' in Bielefeld

Menschlicher Unmensch

Die große Oper wird nicht als sein Metier betrachtet, und Reynaldo Hahn (1874–1947) hat das selbst gewusst. Man werde ihn wohl nach seinem Tod als Salonmusiker ansehen, meinte der Komponist, und so ist es auch gekommen. Für hübsche Kleinigkeiten und süße Melodik kennt man ihn vielleicht noch, aber sein 'Kaufmann von Venedig' ist in Deutschland noch nie gespielt worden, und vermutlich auch anderswo nicht gerade oft. Doch nun hat das Theater Bielefeld die 1935 in Paris uraufgeführte Oper des in Caracas geborenen Sohn einer venezolanischen Katholikin und eines deutschen Juden im Spielplan.

Dass diese Oper, wenigstens teilweise, in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs entstanden ist, kann man ihr nun wirklich nicht anhören, ebensowenig verrät die Musik allzu deutlich ihren Ursprung im 20. Jahrhundert. Ein Saxophon ist als besondere Farbe im Orchester immer wieder mal zu hören, sonst überlässt Hahns Orchester den Sängern weitgehend das Feld. Pawel Poplawski dirigiert die Bielefelder Philharmoniker, die die Sänger klanglich niemals erdrücken, doch leider kommt in dieser zweiten Vorstellung nicht alles ganz sauber aus dem Orchestergraben.

Das Solistenensemble ist in dieser Produktion erstaunlich ausgewogen, die Leistungen alle auf gutem Niveau. Die bemerkenswerteste Vorstellung liefert als Gast der Norweger Bjørn Waag, allerdings singt er auch die bemerkenswerteste Rolle, die des Shylock nämlich. Dem schrieb Reynaldo Hahn zwei große Arien, die deutlich herausstechen. Die dämonisch-zornige Arie 'Ich hasse sie' im ersten Akt, die vielleicht ganz entfernt an einen anderen Shakespeare-Schurken erinnert, den Jago in Verdis Vertonung, sowie eine zweite Arie kurz vor Schluss, wenn Shylock nach seiner Verurteilung sein Schicksal beklagt und man auf einmal mitfühlt mit einem plötzlich ganz menschlichen Unmenschen. Ein Coup ist Hahn damit gelungen, und Bjørn Waag vermag die Figur in Raserei und Verzweiflung überzeugend darzustellen.

In Hahns Partitur sind dies die Höhepunkte, ansonsten bleibt sie, bei allen Schönheiten, etwas pauschal. Zwar gibt es immer wieder wunderbare, betörend süße Melodien, die dann etwa von Bassanio (Frank Dolphin Wong), Antonio (Moon Soo Park mit angenehm sanfter Stimme), Jessica (Nienke Otten mit leichtem Sopran), Lorenzo (Lianghua Gong mit sehr hellem Tenor) oder Portia (Sarah Kuffner, im dritten Akt überzeugender als im zweiten) gesungen werden, ferner eher dezent eingesetzten Exotismus, wenn im zweiten Akt zunächst ein marokkanischer, dann ein spanischer Prinz um Portia werben. Leider ist Reynaldo Hahns Vertonung bzw. das Libretto von Miguel Zamacoïs aber durchaus nicht ganz frei von einigen Längen.

Der spanische Prinz wird in der Inszenierung (Klaus Hemmerle) ziemlich deftig auf die Bühne gebracht: Mit einem männlichen Gefolge in Flamenco-Röcken (Kostüme: Yvonne Forster), was die Episode ziemlich albern wirken lässt. Die Inszenierung betont ansonsten die Zeitlosigkeit des Stoffes, in dem die Kostüme der drei Akte aus drei verschiedenen Epochen stammen, der Entstehungszeit der Komödie Shakespeares, der der Oper und der Gegenwart. Während der Ouvertüre werden die Rollen verteilt, die die Sänger spielen sollen, und leider ist dies mit einem Eingriff in die musikalische Gestaltung verbunden, eigentlich ein Sakrileg: Die Auslosung geschieht durch das Spiel ‚Reise nach Jerusalem’, folglich wird die Musik, wie es das Spiel verlangt, alle paar Takte unterbrochen.

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Kritik von Jan Kampmeier

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