> > > > > 29.06.2017
Donnerstag, 23. November 2017

Daniel Barenboim, Copyright: Felix Broede

Daniel Barenboim, © Felix Broede

Barenboim dirigiert Bruckner in Hamburg

Ausbrechendes Gleichmaß

Die Kombination Wagner und Bruckner ist so naheliegend, dass man sie vergleichsweise selten im Konzertsaal antrifft. Es muss schon Daniel Barenboim mit ‚seiner’ Staatskapelle Berlin in die Elbphilharmonie kommen, bevor Vorspiel und ‚Liebestod’ aus 'Tristan und Isolde' ohne Pause auf Bruckners Neunte Sinfonie in d-Moll trifft. Barenboim gilt als Spezialist für beide Komponisten, so brachte der Abend einige Erkenntnisse hervor.

Deutlich wurde beispielsweise, wie sehr der Beginn des 'Adagios' in der d-Moll-Sinfonie trotz ‚Dresdner Amen’ und Nähe zum 'Parsifal' nach ‚Liebestod’ klingt. Genau so aber wurde wieder einmal klar, dass man Bruckner nicht unbedingt einen Gefallen erweist, wenn die Gesangsgruppen im Kopfsatz so angegangen werden wie eine unendliche Melodie, mit den Streichern als alles dominierender Kraft - besonders in der Reprise. Überhaupt ergab sich klangästhetisch ein komplett anderes Bild, als es Iván Fischer mit dem Konzerthausorchester Berlin einige Tage zuvor in der Elbphilharmonie gezeichnet hatte. Wo Fischer ein maximal klarer Gestalter ist, der akribisch in einzelne Gruppen abtaucht, wirkt Barenboim wie der romantisierende Tutti-Dirigent, der weniger auf Details denn aufs Ganze sieht. Dementsprechend hatte er oft beide Armee ausgebreitet oder ‚schaufelte’ mit einer Hand über das Orchester hinweg. Bei Wagner hat das unbestritten seine Vorteile, denn so gelangt das melodische Fließen der Phrasen und Farben wunderbar zum Vorschein. Dem Klangsog der Streicher konnte man sich kaum entziehen. Auf der anderen Seite geht im Gleichmaß des Dauertuttis auch einiges verloren. Einzelfarben stechen selten wirklich hervor, und es entsteht auch bei Bruckner das für Wagner typische Wabern eines sinnlich flackernden Gleitklangs, der zugleich betört und nivelliert.

Gerade im ausgedehnten Kopfsatz der Neunten war das doch eher schade, weil trotz des Klasseniveaus der Berliner Staatskapelle ein Eindruck von Routine und Überspieltheit des Werks entstand. Da hat das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Herbert Blomstedt in der Elbphilharmonie mit Bruckners Fünfter zuletzt eine stärkere Leistung gebracht. Erst mit der Kopfsatzcoda änderte sich dann dieses von Zeit zu Zeit ausbrechende Gleichmaß der Behandlung, sodass das Konzert quasi in zwei Hälften zerfiel. Die Coda wurde vom leisen Paukenwirbel zu Anfang bis zum Katastrophentutti schrittweise eindrucksvoll ausbuchstabiert. Und auch im A-Teil des Scherzos, der so wummernd gegeben wurde, dass man sich fast im Berghain glaubte, wurde die sonst häufig zugedeckte Gegenstimme in den Celli hübsch freigelegt. Den besten dramatischen Effekt aber sparte sich Barenboim für den Schluss auf: So verlängerte er die Generalpause nach der letzten dissonanten Tutti-Ballung um das Doppelte und verstärkte so die Wirkung immens. Lauter Applaus an diesem Abend, der Licht und Schatten aufwies.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Staatskapelle Berlin: Daniel Barenboim

Ort: Elbphilharmonie,

Werke von: Anton Bruckner, Richard Wagner

Mitwirkende: Daniel Barenboim (Dirigent), Staatskapelle Berlin (Orchester)

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