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Freitag, 15. Dezember 2017

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Joel Prieto (Belmonte), Copyright: Jochen Quast

Joel Prieto (Belmonte), © Jochen Quast

'Entführung aus dem Serail' an der Semperoper

Keine Entführung riskieren

Als Schmankerl der in Dresden laufenden Mozart-Tage 2017 präsentierte die Sächsische Staatsoper eine Neuinszenierung der 'Entführung aus dem Serail' und vervollständigt somit die über die letzten Jahre neu aufgelegte Reihe großer Bühnenwerke des musikalischen Genius par excellence. Eines ist klar: Kein Opernkomponist dominiert schon so lange und so konsequent das Repertoire. 226 Jahre nach seinem Tod gilt vielleicht mehr denn je: Mozart sells! Wie das nach so langer Zeit dann auf der Bühne aussieht, gestaltet sich freilich höchst unterschiedlich. Als Hausdebütant probierte sich nun der niederländische Regisseur Michiel Dijkema.

Clowns statt Heroik

Noch in den ersten Takten der pfiffigen Ouvertüre lüftet sich der Vorhang und Belmonte wird – durch einen Sumpf watend – von einem herantrabenden Krokodil überrascht. Erste Lacher. Sofort wird ersichtlich, dass die Regie sich und den Stoff nicht so richtig ernst nimmt. Gut so! Denn die ernsthafteren Elemente des Werkes sind durchaus nicht seine Stärke. Mit dem Augenzwinkern rechtfertigt sich sogar die phasenweise beinahe erschreckend klassische Umsetzung Dijkemas. Der inhaltliche Wert des ‚türkischen‘ Singspiels wird ordentlich auf die Schippe genommen. Belmonte steht als halbe Heldenpersiflage im Zentrum, etwa wenn er wenig später bis zum Hals im Schlamm steckt und seinen Diener mehrmals rufen muss, bis dieser ihn bemerkt und mit reichlich Wurzelwerk herauszieht. Pedrillo ist sowieso als Buffo angelegt, und Manuel Günther gelingt nicht nur darstellerisch, sondern auch stimmlich diese heiter-komische Partie überzeugend. Joel Prieto erfreut sich, den charmant-humorvollen Belmonte selbstbewusst und agil darzubieten. Anfangs etwas eng in der Höhe sammelt er sich allmählich auch stimmlich und harmoniert in den Ensembles, dabei stets präsent.

Ein versumpfter Hof

Bald stellt sich heraus, dass hier kein Prunk kommt. Die tölpelhaften Soldaten des Bassa bewachen in ihrem belustigenden Aufzug einen nur angedeuteten Palast mitten im Dreck. Auch die farbenfrohen Kostüme – von Claudia Damm und Jula Reindell als historisierte Parodien entworfen – bleiben kaum davon verschont. Zwischen dem umherfahrenden Gestrüpp bewegen sich auch die gefangenen Frauen. Vielleicht hat diese Ödnis Konstanze derart verwirrt, dass sie ihrer eigenen Aussage zum Trotz den Bassa küsst. Stimmtechnisch macht Simona Šaturová alles richtig. Trotzdem packen ihre Arien nicht vollends; es fehlt noch ein Stückchen Zielstrebigkeit und Feuer. Diese hemmt auch die verwaschene Aussprache in allen Lagen (nicht nur in den Höhen, was vertretbar wäre), so dass teils nur noch Einheitsvokale und Schluss-Ts zu hören sind. Vollkommen präzise und akzentfrei gelingt hingegen Tuuli Takala die Blonde. Als Mitglied des jungen Ensembles der Semperoper muss sie sich kein Stück verstecken. Im Gegenteil! Ihre Stimme wirkt eher zu groß für das Blondchen, zu kernig und dunkel. Die hoch gelegenen Spitzen strahlen außerdem zu wenig, und alles in allem deutet das doch eher eine dramatische Stimmausprägung an. Den Bassa Selim spielt Erol Sander selbstverständlich blendend, auch wenn er bei den ersten Sätzen akustisch untergeht (das oft albern wirkende gestützte Reden der Opernsänger hat wohl seinen Nutzen). Ob wirklich ein so erfolgreicher Filmschauspieler vonnöten ist oder ob zumindest ein großer Name auf der Bühne Publikum locken sollte, sei dahingestellt.

Teufel ohne Tiefe

Osmin wird von Dimitry Ivashchenko stimmliche Fülle und gekonnte Spielfreude verliehen. Schon zuvor und ganz besonders in der großen Schlussarie 'O, wie will ich triumphieren' wird deutlich, dass die Tiefe aber überhaupt nicht ausreicht. Selbst über ein Mezzopiano des Orchesters ist er nicht mehr hörbar – nicht nur wenig, sondern gar nicht. So kann man eigentlich nicht besetzen. Vielleicht wäre die Ambivalenz des Komisch-Fürchterlichen, welche die Regie mit allerlei Folterinstrumenten im Finale zeichnet, mit ordentlicher Stimmgewalt deutlicher geworden. So bleibt es bei Schwarzem Humor der seichten Art.

Gewitzte Witze

Durchaus gelingen viele kleine Gags und Lacher, und die Musikalität des auch als Pianisten ausgebildeten Regisseurs bringt einen ordentlichen Zug ins Geschehen. Dass in der Graben-Bühnen-Koordination dennoch so viel auseinanderfällt, hat Christopher Moulds zu verantworten. Unter seiner Leitung zaubert die Staatskapelle Dresden zwar brillante Klänge, die Tempi werden aber einfach zu langsam geschlagen – und das bei Mozart. Zum Schluss wird nochmal tief in die Trickkiste gegriffen mit Einbezug des Saallichts (Licht: Fabio Antocci) und rapidem Wechsel der Szenerie (Bühnenbild vom Regisseur). Das als Effekthascherei zu beezichnen, wäre etwas zu hart, denn es finden sich intelligente Regieeinfälle. Ein restlos überzeugendes Konzept wird jedoch nicht präsentiert, dafür werden die Ansätze zu inkonsequent verfolgt.

Nur kein Aufsehen

Michiel Dijkemat arbeitet pragmatisch eine Inszenierung aus, die um (aktuelle) Brisanz und Politik weitestgehend einen Bogen macht, zwar ein paar Mal unter die Oberfläche taucht, aber schnell wieder zwinkernd hervorlugt. Daraus ist kaum ein Vorwurf zu formulieren. Als es vor der Schlusshöllenfahrt heißt: "Jetzt geht es um Leben und Tod, die Türken kennen keinen Spaß!", muss gar nicht mehr gesagt werden, um Gelächter hervorzurufen. Die bitter-harte Präsenz der aktuellen Türkeipolitik dürfte für jeden spürbar gewesen sein. So sitzt das Hochkulturpublikum beisammen, betrachtet und amüsiert sich. Zur Verdrängung der Sorgen wurde über manches inzwischen genug gelacht. Vielleicht schon zu viel.

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Kritik von Theo Hoflich

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Entführung aus dem Serail: Singspiel in drei Akten von W. A. Mozart

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Sächsischer Staatsopernchor Dresden (Chor), Christopher Moulds (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Joel Prieto (Solist Gesang), Simona Houda Saturová (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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