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Dienstag, 19. September 2017

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Die Frau ohne Schatten_Bogdan Baciu, Linda Watson, Lise Lindstrom, Copyright: Brinkhoff_Mögenburg

Die Frau ohne Schatten_Bogdan Baciu, Linda Watson, Lise Lindstrom, © Brinkhoff_Mögenburg

Strauss' 'Frau ohne Schatten' in Hamburg

Grandiose Inszenierung

Was Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal mit ihrer 'Frau ohne Schatten' zusammenbrauten, ist musikalisch wie inszenatorisch ein gewaltiger Brocken und inhaltlich im Prinzip eine Zumutung. Von Gender keine Spur. Wir erinnern uns: Es gab eine Zeit, in der die Männer ihre Frauen noch erjagten. Rund ein Jahr lebt die Jagdtrophäe des Kaisers, die Tochter des Geisterkönigs Keikobad, nun bei ihrem Jäger, jedoch ohne einen Schatten zu werfen, respektive Verantwortung für ihr Dasein zu übernehmen. Jetzt bleiben ihr noch drei Tage, um Mensch zu werden und ihren Gatten vor der Versteinerung zu bewahren. Warum sie das tun soll, bleibt unklar, weil der ja noch immer unreflektiert - eben typisch Mann - tagesüber zur Jagd schreitet. Aber so ist es halt in Märchen: Es muss nicht alles erklärt werden. Die Amme kommt auf die Idee, der unzufriedenen Färberin den Schatten abzukaufen. Als die Kaiserin bemerkt, dass damit die Liebe und das Leben der Färberin und ihres Mannes auf dem Spiel steht, verzichtet sie und offenbart ihre wahre Menschlichkeit.

Musikalisch ist diese Oper überwältigend, inhaltlich jedoch an der Grenze des Herzzerreißenden. Das ästhetische Design dieses Werkes zu einer Zeit, als Europa in Trümmern lag, gibt Rätsel auf. Vielleicht kann die Definition des Philosophen Vilém Flusser weiterhelfen. Er definierte einmal: ‚Der Designer ist ein hinterlistiger, Fallen stellender Verschwörer!’ Nach Flusser soll eine Kunst des Designs den Weg dazu öffnen, sich ihres betrügerischen Charakters bewusst zu werden und damit Möglichkeiten für Konsequenzen geschaffen werden, gesellschaftliche Missstände zu ändern. In dieser Konsequenz ist das Schöne eben doch nichts anderes als der ‚schreckliche Anfang’.

Das mag sich auch Andreas Kriegenburg für seine Inszenierung an der Staatsoper Hamburg gedacht haben. Für ihn scheint Barak ein später Bruder des Wozzeck zu sein. Das ist so ganz neu nicht - schon einige Regisseure haben diese Oper sozialkritisch interpretiert. Aber es geht Kriegenburg um mehr. Der Clou seines Ansatzes liegt darin, das Ganze als traumatische Erfahrung der Frau des Färbers zu verstehen, dadurch wird die Unlogik dieses Werkes nicht logischer, aber nachvollziehbarer und die einzelnen Szenen gewissermaßen existentialistisch reflektiert. Der Zuschauer wird auf Distanz gehalten, und das merkwürdige Happyend wird uns in seiner ganzen Fragwürdigkeit bewusst. Das Überzeugende an Kriegenburgs Inszenierung ist, dass sie keine finalen Erklärungsmuster liefert. So plausibel wurde diese Parabel vom ‚Überleben der Menschheit‘ (Hans Mayer) selten in Szene gesetzt. Am Ende bleibt ein leuchtendes Fragezeichen, jedoch versüßt mit schönen Bildern und Musik. Die Kunst habe nicht schön, sie habe wahr zu sein, stellte Arnold Schönberg einmal fest. Jeder mag am Ende entscheiden, ob er die Schönheit dieser Oper lediglich wie ein Glas moussierenden Champagners goutieren möchte oder sich des trügerischen Seins des Gezeigten bewusst wird.

Das auf Geometrie ausgerichtete Bühnenbild von Harald B. Thor beruhte auf riesigen Stelen, die man zu Beginn als Pinsel interpretieren konnte, zumal die erste Spielebene, die sich langsam darauf niedersenkte, einer Farbpalette ähnelte. Dazu eine riesige Wendeltreppe, die die untere Ebne des Färbers Barak mit der oberen märchenhafte Ebene verband. Das bot zahlreiche Spielräume. Räumlich ausdifferenziert wurde dies durch eine subtile Lichtregie (Stefan Bolliger), die oft poetische Bilder zauberte.

Faszination auf der Bühne hinsichtlich schauspielerischer und stimmlicher Präsenz

Phänomenal Lise Lindstrom als Baraks Weib. Ihre großartige Stimme, die technische Beherrschung, die flexibel Textdeklamation, die enorme Ausstrahlung und ihre schauspielerische Bühnenpräsenz ließen ihre Gestaltung zu einem eindrucksvollen Ereignis werden. Ohne Abstriche konnte auch Linda Watson überzeugen. Sie sang eine Amme von gestalterischer Größe und stimmlicher Sensualität. Ihr stimmungsreich schattierter, aber immer überlegter Umgang mit der subtilen Logik ihrer melodischen Linien überzeugte zutiefst. Nicht ganz so ideal Andrzej Dobber als Barak; abgesehen von Problemen bei der Textdeklamation erklang seine schwere Baritonstimme auch dann oft rau und angestrengt, wo lyrischere Töne angebracht gewesen wären. Andererseits verfügte er für die großen Steigerungen im dritten Aufzug noch über genügend Kraft und Reserven. An den Grenzen ihrer stimmlichen Möglichkeiten agierte Emily Magee als Kaiserin. Die übrigen Personen wurden in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg zwar eher am Rande wahrgenommen, konnten aber stimmlich wie schauspielerisch ebenfalls überzeugen.

Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg agierte unter Kent Nagano exzellent. Es ist ja eine unablässig gespannte und nervöse Musik, deren Fiebrigkeit auf eine sehr eigene Weise zugleich etwas klirrend Kaltes an sich hat, und die in ihrer ekstatischen Sinnlichkeit doch stets ein Gefühl von Nichterfülltsein hervorruft. Wie Kent Nagano die schwierige Partitur in Klang umsetzte, wie seine analytische Scharfzeichnung die verdeckten kontrapunktischen Strukturen zu Gehör brachte - das war atemberaubend und überzeugte ohne Abstriche.Was diese Inszenierung zum Ereignis werden ließ, war die außergewöhnliche Einheit von Bühnengeschehen und Musik.

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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Die Frau ohne Schatten: Oper in drei Akten von Richard Strauss

Ort: Hamburgische Staatsoper,

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Harald B. Thor (Bühnenbild), Chor der Hamburgischen Staatsoper (Chor), Kent Nagano (Dirigent), Andreas Kriegenburg (Inszenierung), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg (Orchester), Andrzej Dobber (Solist Gesang), Linda Watson (Solist Gesang), Emily Magee (Solist Gesang), Roberto Saccà (Solist Gesang)

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