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Mittwoch, 13. Dezember 2017

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Sarah Grether (Weiße Gazelle) und Camilla Nylund (Die Kaiserin), Copyright: Hans Jörg Michel

Sarah Grether (Weiße Gazelle) und Camilla Nylund (Die Kaiserin), © Hans Jörg Michel

Die Claus-Guth-Inszenierung kommt nach Berlin

'Frau ohne Schatten' als Festspielereignis

Ja, eine 'Frau ohne Schatten' gab es in Berlin seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr. Allerdings ist die Erinnerung an grandiose Aufführungen in der Hauptstadt auch nicht völlig verblasst, wie sich in Pausengesprächen herausstellte. Zuletzt setzte beispielsweise Christian Thielemann 1998 mit Deborah Voigt als Kaiserin Strauss-Maßstäbe an der Deutschen Oper Berlin, die schwer zu toppen sind. Die spacige Regie Philippe Arlauds damals hatte etwas Unterhaltendes, rückblickend. Ganz sicher wenn man Arlauds umherfliegende Bühnenlandschaften jetzt mit einer weiteren Neuauflage von Claus Guths pseudo-psychologisierendem Doppelgängeransatz vergleicht. Man kennt das ja nun wirklich hinlänglich von ihm, auch aus seiner 'Salome', unlängst an der DOB herausgekommen in ähnlichen holzgetäfelten Rundräumen.

Diesmal sind die Kaiserin und Färberin Doppelgängerinnen. Die Kaiserin hat von Anfang an einen mit Symbolen überhäuften (Alp-)Traum, aus dem sie erst ganz am Ende erwacht. Das war’s in puncto Interpretation. Mit den vielen Hofmannsthal-Stichworten zur Rolle der Frau, zu Ehe und Partnerschaft, zu künstlicher Befruchtung und Leihmutterschaft, zu sozialer Kluft und ‚weißen’ Privilegien, zu all dem hat Guth nichts zu erzählen. Absolut gar nichts. Stattdessen wandern weiße Gazellen und graue Falken durchs Bühnenbild, drehen sich Wände und fahren Krankenbetten hin und her. Das war’s. Wieso Intendant Jürgen Flimm meinte, für diese vorhersehbare 0-8-15-Deutung eine Kooperation mit dem Teatro alla Scala und dem Royal Opera House, Covent Garden eingehen zu müssen, bleibt sein Geheimnis. Nach Mailand und London kommt die Inszenierung (Einstudierung: Julia Burbach) nun auch nach Berlin, als Teil der luxuriösen Osterfestspiele zu Toppreisen.

Entsprechend wird so gut wie jeder Solist des Abends im Programmheft angekündigt mit verkaufsfördernden PR-Phrasen wie ‚eine der wichtigsten dramatischen Baritonstimmen der Opernwelt’ (Wolfgang Koch als Barak), ‚eine der führenden dramatischen Sopranstimmen ihrer Generation’ (Iréne Theorin als Färberin), ‚eine der weltweit führenden lyrisch-dramatischen Soprane’ (Camilla Nylund als Kaiserin) und ‚einer der international gefragtesten jugendlichen Heldentenöre’ (Burkhard Fritz als Kaiser). Mit Zubin Mehta am Pult der Staatskapelle Berlin sollte das Ganze ein Opernfest werden. Und man kann sagen: Im intimen Rahmen des Schillertheaters hätte diese Aufführung definitiv neue Wege beschreiten können. Denn in solch einem kleinen Theater mit seiner unmittelbaren Akustik kann man die Lautstärke des Orchesters bewusst drosseln und den Sängern einen merklich zurückgenommeneren Ton ermöglichen als in der riesigen DOB auf der anderen Straßenseite oder an der Scala bzw. Covent Garden. Aber reduziert war an diesem Abend an Phonstärke nichts. Mehta ließ es krachen, was manchmal wirkungsvoll war. Allerdings schaffte er es selten, Spannung oder Stimmung zu erzeugen, trotz einiger wunderbarer Instrumentalsoli.

Die Solisten ließen es ihrerseits ordentlich krachen, was gleichfalls vielfach wirkungsvoll war, jedoch kaum über Routine hinauskam. Vielleicht lag es an der langweiligen Traumdeutungsregie und unatmosphärischen Beleuchtung (Licht: Olaf Winter)? Jedenfalls konnte mich Camilla Nylund als Kaiserin nicht so vom Hocker reißen wie ehemals Deborah Voigt bei Thielemann, ein Stimmphänomen. Nylund, die fast pausenlos auf der Bühne hin und her irrt, ist engagiert, auch gut, lyrisch, ausgeglichen, warm im Ton - aber ein Phänomen ist sie nicht. Das könnte man, wenn überhaupt, nur von Michaela Schuster als Amme im Mephisto-Look sagen. Sie spielt als Einzige packend und mit Charakter, zudem wagt sie intimste Töne, die zum besonderen Raum des Schillertheaters passen. Das war großartig!

Am Ende gab es für alle Solisten und den Dirigenten ekstatischen Beifall, am lautesten von Intendant Jürgen Flimm selbst, der jedesmal Bravo schrie, sobald Zubin Mehta irgendwie in Erscheinung trat. (Ansonsten fand es Flimm, direkt hinter mir sitzend, scheinbar okay, durchweg mit seiner Sitznachbarin zu diskutieren, egal was für Musik gerade aus dem Graben kam.) Fürs Regieteam gab es erst ernüchterten Beifall, dann Buhs. Klar und deutlich. Aber die interessierten niemanden ernstlich. Es sollte ja schließlich eine Festaufführung sein, mit internationalen Gästen. (Wieso die Übertitel dann nur auf Deutsch waren, ist auch ein Flimm-Geheimnis.) Und das Publikum interpretierte sich das Ganze in der Tat zur Festaufführung zu recht, genauso vorhersehbar wie Guth sich die Geschichte als Doppelgänger-Story zurechtgelegt hatte.

Wieso die Färberin im Finale des zweiten Aufzugs plötzlich Barak mit anderen Augen sieht – was zur entscheidenden Wende in der Geschichte führt und den gesamten dritten Akt erklärt –, interessiert Guth nicht. Über solche und andere Details ließ die Regie einfach hinweg spielen. Die Erklärung im Programmheft lautet, man solle sich von der Märchenmetapher der Handlung nicht täuschen lassen, sondern alles als ‚Fallbeispiel der Traumdeutung’ à la C. G. Jung sehen. Dem kann ich nur hinzufügen: Jung und Freud ist bei ihrer Traumdeutung deutlich mehr Erhellendes und Spannendes eingefallen als Guth. Und in der 'Frau ohne Schatten' steckt im Idealfall mehr als fahrende Krankenbetten vor brauner Holzvertäfelung. Ein bisschen mehr Originalität täte der selbsterklärten Opernhauptstadt bei Strauss-Aufführungen schon gut, auch was die Sängerbiografien im Programmheft angeht. Ob man in 20 Jahren auch noch so nostalgisch verklärt von dieser Premiere sprechen wird wie von Thielemann/Arlaud/Voigt? (Oder der älteren Produktion mit Gwyneth Jones als Färberin?)

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Die Frau ohne Schatten: Oper in drei Akten von Richard Strauss

Ort: Deutsche Staatsoper,

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Zubin Mehta (Dirigent), Claus Guth (Inszenierung), Staatskapelle Berlin (Orchester), Iréne Theorin (Solist Gesang), Wolfgang Koch (Solist Gesang), Roman Trekel (Solist Gesang), Michaela Schuster (Solist Gesang), Camilla Nylund (Solist Gesang), Burkhard Fritz (Solist Gesang)

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