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Donnerstag, 28. Oktober 2021

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Deutsche Messe, Copyright: Marcus Lieberenz

Deutsche Messe, © Marcus Lieberenz

Das Festival Aequinox in Neuruppin

Von zirpenden Flöten und einem Telemann-Marathon

Ein kleines, aber feines Renaissance- und Barockmusik-Festival namens AEQUINOX (Musiktage zur Tag- & Nachtgleiche) hat seine Hörerinnen und Hörer am vergangenen Wochenende in der nordbrandenburgischen Kreisstadt Neuruppin beglückt. Erfreulicherweise war dies schon die achte Ausgabe des Treffens, welches vom Förderverein Siechenhauskapelle Neuruppin e.V. in Kooperation mit dem Barockorchester Lautten Compagney Berlin veranstaltet wird. Die klug-innovative Komposition des Programms unter dem Motto "Zeitreisen – Musik der Reformation", die geschickte Auswahl der durchweg akustisch und in Bezug auf ihr Ambiente überzeugenden Räume in der Fontanestadt sowie deren näherer Umgebung in Kombination mit dem Engagement hervorragender Künstler wussten durchweg zu überzeugen. Das machte den Besuch von AEQUINOX zum Genuss.

Realisiert wurde die hohe künstlerische Leistung hauptsächlich durch die fabelhaft aufgelegten Musiker der auf historischen Instrumenten musizierenden Lautten Compagney unter ihrem engagierten Leiter Wolfgang Katschner. Der griff – selbst exzellenter Lautenspieler – neben seinem Dirigat sowohl im Nachtkonzert als auch im Shakespeare-Programm "Was Ihr wollt" gleich doppelt in die Saiten. Unter dem Strich rund 1500 hochzufriedene Gäste bedeuten für das Festival AEQINOX eine Auslastung von über 90 Prozent, so die couragierte Vorsitzende des Fördervereins Siechenhauskapelle, Gabriele Lettow. Der Etat liegt samt Zuschüssen von unterschiedlichen Gebern bei wenig mehr als 60.000 Euro. Dafür bekam das Publikum viel geboten, wobei sich die Eintrittspreise für die sieben Veranstaltungen mit 15 bis maximal 25 Euro in wirklich erschwinglichem Rahmen bewegten. Ein besonderes Highlight war das sogenannte Wandelkonzert "Telemann im Kaleidoskop", das die Gäste aus nah und fern über zwölf Stationen durch die Innenstadt Neuruppins zu oftmals privaten Räumen führte, wo jeweils kleinformatige Werke Georg Philipp Telemanns von solistischer Besetzung bis hin zum Trio erklangen.

Schon der Start des Festivals in der ausverkauften Klosterkirche St. Trinitatis Neuruppin war gelungen: Das Eröffnungskonzert mit den Knaben des Staats- und Domchors Berlin, dem Vocalconsort Berlin und der Lautten Compagney Berlin unter der Leitung von Wolfgang Katschner widmete sich – gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien – dem Thema "Deutsche Messe". Luther selbst mochte das Lateinische gern, doch viele Pfarrer drängten ihn doch zu berücksichtigen, dass viele Kirchgänger der Kirchensprache gar nicht mächtig seien. Da die Menschen aber den Gottesdienst mitfeiern sollten, verstand Luther, dass da etwas verändert werden müsse und entwarf eine Gottesdienst-Ordnung in deutscher Sprache. Seinerzeit war das eine kulturelle und kirchengeschichtliche Revolution. So folgte der Ablauf des Konzertes einem genauen Plan vom Einzug des Chores durch die würdevolle Klosterkirche mit dem "Geläut zu Speyer" von Ludwig Senfl (1490-1543), über Kyrie, Vater unser, Litania bis hin zum Auszug in einem sehr gelungenen Bogen. Bezaubernde solistische Momente mit Kathleen Danke (Sopran), Georg Bochow (Altus), Dan Martin (Tenor), Masashi Tsuji (Tenor), Kai-Uwe Fahnert (Bariton) und Georg Lutz (Bass) korrelierten mit den dynamisch-agilen Musikern der Lautten Compagney. Hervorzuheben ist hier das 'Magnificat' von Johann Crüger. Da stimmten Klang und Homogenität des Vortrags vollends. Auch die jungen Sänger des Staats- und Domchores begeisterten mit ihrer schlichten, natürlichen Darstellung.

Kammermusikalischer Höhepunkt des Festivals war der Auftritt von Julia Schröder (Barockvioline), Mara Miribung (Barockvioloncello), Gerd Amelung (Cembalo/Orgelpositiv) und Wolfgang Katschner (Laute/Theorbe), ebenfalls noch am Freitagabend im "Misterio" betitelten Nachtkonzert in der Siechenhauskapelle, dem spätgotischen Kleinod der Stadt mit bezaubernder Akustik für Formationen dieser Art. Die vier Künstler glänzten mit Auszügen aus dem Zyklus der "Rosenkranz-Sonaten" von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704) in ‚unerhörter‘ Kombination mit Werken des Tango Nuevo von Astor Piazzolla. Diese scheinbar stilistisch so weit entfernten Kompositionen verschmolzen hier zu einer beseelten Einheit dank immenser musikalischer Fantasie und eruptiver Emotionalität der Ausführenden. Die CD zu diesem Programm wurde bereits für die deutsche harmonia mundi produziert und erscheint im Herbst 2017. Sowohl Schröder als auch Miriburg verfügen über glanzvolles solistisches Können und machten den Abend zu einem unvergesslichen Ereignis.

Ein Erlebnis ganz anderer Art war die Shakespeare-Revue "Was Ihr Wollt" im historischen Kornspeicher Neumühle zu Alt-Ruppin. Unter dem Dach dieses Antiquitäten-Eldorados samt Kaffeebar und Konzertsaal hatten die Musiker der Lautten Compagney gemeinsam mit der Sopranistin Susanne Ellen Kirchesch wieder das Sagen. Als sonorer Sprecher der Shakespearschen Texte agierte Schauspieler Wolfgang Maria Bauer virtuos und raumfüllend. Der gebürtige Münchner bewies, dass er nicht nur für sonoren Klang in der Stimme steht, sondern auch Humor hat. So begaben sich die Akteure auf einen Pfad des Lebens: Musik und Liebe, Fortbestand und Nachkommen, Zeit, Vergänglichkeit und Sehnsucht waren die großen Themen, die gestreift wurden und die Gemüter des Publikums erhitzten. Musikalisch reichte der Bogen von filigranem Pizzicato, Flautando bis hin zu durchdringendem Flötengezwitscher. Die Musiker der Lautten Comagney gingen da höchst professionell zu Werke und bedienten alle Stiltraditionen der barocken Aufführungspraxis. Gestimmt wurde fast immer, gesäuselt, geprustet, gefieselt, aber auch mal gehörig zugelangt, wenn es um derb-frivole Texte wie in John Eccles "My Man John Had A Thing" ging. Das Publikum zeigte sich von der scharfen Konturierung begeistert und erfreute sich daran, dass es den zweiten Teil des Konzertes quasi selbst – via Wahlzettel und Wahlleiter David Ortmann – bestimmen durfte. Hier passte vieles zusammen und wirkte ausgefeilt trotz improvisatorischer Momente. Das war eine poetisch hochklassige, literarisch-intellektuell angefüllte Matinee, deren Neuauflage am Sonntag keinesfalls eine reine Wiederholungstat war. Künstlerisch ist man eben so luxuriös unterwegs, dass man sich nicht zu wiederholen braucht.

Ein gewollter Kontrapunkt zur Luther-Thematik im Eröffnungskonzert des AEQUINOX-Festivals war die Vorstellung gegenreformatorischer musikalischer Ansätze der sogenannten Scuola Romana beim Konzert "Ad Arma, Fideles! ", welches die Gast-Truppe Concerto Romano aus Rom mehr als köstlich servierte. In der kleinen klassizistischen Kirche (Baujahr 1834) machte vor allem das Gesangstrio mit Antonio Orsini (Altus), Luca Cervoni (Tenor) und Giacomo Nanni (Bass) Furore. Die drei Sänger steigerten sich mehr und mehr in den Rausch der Klänge und wurden heftig beklatscht. Auch die Musik im Originalklang unter der Leitung von Alessandro Quarta, der das Ensemble Concerto Romano 2006 aus der Taufe hob, konnte sich hören lassen. Die Musiker waren firm und formten edle Klänge, schließlich gaben sie bereits 2009 ihr Deutschlanddebüt im Rahmen der Tage Alter Musik in Herne und waren zu Gast in vielen Zentren Alter Musik wie Köln, Graz, Wien, Halle , Stuttgart oder Amsterdam.

Im Zentrum der Langen Nacht am Samstag stand Georg Philipp Telemann (1681-1767), der rund 300 Gäste über vier Stunden auf Trab hielt. Schließlich begeht die Musikwelt in diesem Jahr seinen 250. Todestag. In 12 Gruppen à 25 Personen eingeteilt, durften die neugierigen Besucher mit kompetenten Stadtführern zwölf fußläufige Orte im Stadtgebiet ansteuern und wurden dort mit Theater, Lesungen und natürlich bezaubernder Kammermusik erfreut. Fast alle Gesichter der Ausführenden waren den Dauergästen des Festivals schon bekannt, so trat Susanne Ellen Kirchesch (Sopran) begleitet am Cembalo mit der Kanarienvogel-Kantate auf oder Julia Schröder mit Telemanns Fantasie für Solovioline. Zwischendurch raunte Schauspieler Wolfgang Maria Bauer, der aus Telemanns Anstellungsgesuch in Frankfurt rezitierte. Dabei ging es auf einer straff durchorganisierten Tour durch wunderschöne Räume Neuruppins wie das Atelier Cornelia Felsch, die Galerie Bernd Weimar, das B&B Fiddler's Inn oder Olaf's urige Werkstatt. Start- und Zielpunkt der Tour war jeweils das Kulturhaus Stadtgarten, in dem zu Beginn das Schulorchester der Kreismusikschule den Abend mit einer Serenade von Telemann eröffnete und am späten Abend die Lautten Compagney ebenfalls mit Telemann den Abend beschloss. Eine ohne Einschränkung runde Sache.

Das nächste Festival ist schon terminiert: Es wird vom 16. bis 18. März 2018 wieder in Neuruppin stattfinden. Dazwischen gibt es noch ein Mini-AEQUINOX im Herbst. Schließlich gibt es die Tag- und Nachtgleiche ja zweimal im Jahr, betont Wolfgang Katschner bei der abschließenden Pressekonferenz: Am 10. September ab 16 Uhr spielt das Ensemble Il Quadro Animato das Programm "Telemann pur" in der Siechenhauskapelle Neuruppin. Wir sind gespannt auf die Preisträger des Gebrüder Graun Wettbewerbs 2016.

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Kritik von Manuel Stangorra

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Telemann im Kaleidoskop: Wandelkonzert

Ort: Kulturhaus,

Werke von: Georg Philipp Telemann

Mitwirkende: Wolfgang Katschner (Dirigent)

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