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Donnerstag, 14. Dezember 2017

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Don DeLillo, BL!NDMAN Johan Simons: Cosmopolis, Ruhrtriennale 2017, Copyright: Ben van Duin/Ruhrtriennale 2017

Don DeLillo, BL!NDMAN Johan Simons: Cosmopolis, Ruhrtriennale 2017, © Ben van Duin/Ruhrtriennale 2017

'Cosmopolis'-Uraufführung in Bochum

Von Aktienmärkten und Überdruss

Johan Simons verabschiedet sich von seiner Ruhrtriennale-Intendanz mit einer eigenwilligen, fantasievollen, faszinierenden Produktion und Regie in der Jahrhunderthalle Bochum, die auf Don DeLillos im April 2000 erschienenen Roman basiert. 'Cosmopolis“ beschreibt die Lebenswelt des unvorstellbar Reichen, intelligenten Börsenspekulanten Eric Packer, der sich eines Morgens in seiner weißen Stretchlimousine auf den Weg zum Friseur seiner Jugend macht. Die Straßen sind aufgrund von Demonstrationen und Präsidentenbesuch verstopft. Packer begegnet daher Angestellten und Ehefrau auf der Straße. Elsie de Brauw ist Ehefrau, Kunsthändlerin, Finanzchefin und Oberste Theoretikerin. Mandela Wee Wee spielt Sicherheitschef, Berater, Arzt und Friseur.

Wirtschaftsnachrichten, Aktienpreise und Währungsmärkte – bei Johan Simons entwickeln sich der genau getaktete Arbeitstag des Protagonisten sowie die Dialoge mit den Spielgefährten zu einer subtilen, einfühlsamen Charakterstudie, die Packer als Heimatlosen auf der Suche nach sich selbst zeichnet, als Mensch zwischen Berechnung und Zufall, Spiel, Langeweile und Überdruss. Elsie de Brauw und Mandela Wee Wee wechseln dabei punktgenau ihre Rollen, scheinen mehr Werkzeug im Selbsterkenntnisprozess Packers als eigenständige Persönlichkeiten zu sein.

Bettina Pommer hat den morbiden Charme der Halle 4 in einen Spielplatz verwandelt, der mit diversen Spielgeräten wie Gruppenschaukel, Sandkasten, Halbarena und Schaukelpferden ausgestattet ist. An de Mol hat für das hervorragende  Schauspielensemble Kostüme entworfen, die den heutigen, zwischen Erwachsen- und Kindsein changierenden Kinderkleidungsstil widerspiegeln. So trägt Pierre Bokma als Eric Packer zwar Schlips, Hemd und Jackett, aber seine weiße Dreiviertel-Hose gibt ihm eine naive, lächerliche Erscheinung. Packers Mörder, den Bert Luppes darstellt, ist ein ehemaliger Angestellter mit prolligem Hawaihemd und Kuschelhose, der sich plötzlich entscheidet, aus seiner Weltabgeschiedenheit an das Licht der Öffentlichkeit zu treten. Zu Beginn der Aufführung sitzt er einsam im Sandkasten und spielt. Von einer Art Kletterturm, das als Musikstudio Bejamin Dousselaeres mit Keyboards, Laptops, Moog-Synthesizer und Theremin dient, erklingt ein Ausschnitt der 'VexationI' von Erik Satie.

'Cosmopolis' ist kein Musiktheater wie angekündigt, sondern ein Schauspiel mit Instrumentalmusik, die neben dramatisierender, atmosphärischer Ausgestaltung auch kommentierende, handelnde Aufgaben übernimmt. Ob Bl!ndman, ein Saxophonquartett aus Sopran (Koen Maas), Alt (Pieter Pellens), Tenor (Piet Rebel) und Bariton (Raf Minten) harmonisch, rund und ausgewogen mit an Johann Sebastian Bach erinnernden Choralfantasien die Situation beruhigt oder witzig als eingreifende Demonstranten mit unvermittelt ausbrechenden, expressiven, virtuosen, freejazzigen Improvisationen den Spielplatz stürmt - die Kompositionen und Bearbeitungen Eric Sleichims erweitern Packers Alltag um bereichernde, emotionale, neuartige Dimensionen. Sie berühren ihn, aber erschüttern nicht seine Resistenz gegenüber warnenden Hinweisen.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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