> > > > > 21.09.2017
Donnerstag, 14. Dezember 2017

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Szenenfoto, Copyright: Caroline Seidel

Szenenfoto, © Caroline Seidel

"Homo Instrumentalis" bei der Ruhrtriennale

Mensch und Maschine

Silbersee ist der Name eines niederländischen Zentrums für experimentelles Theater und Musiktheater. In ihrem neuesten Werk, das auf der Ruhrtriennale 2017 erstmalig der Öffentlichkeit präsentiert wird, haben sich vier Komponisten, vier Sängerinnen, vier Tänzerinnnen und Tänzer, Video- und Lichtkünstler, Bühnen- und Kostümbildner mit dem Spannungsverhältnis von Mensch und Maschine auseinandergesetzt.

'Homo instrumentalis', so der Titel des Werkes, besteht aus vier recht zusammenhanglos aneinandergereihten Akten, die schlagwortartig das vorindustrielle, industrielle, digitale Zeitalter und schließlich die Zukunft mit der Frage ‚Jenseits des Menschen?’ beleuchten.

Aufführungsort ist die Gebläsehalle des ehemaligen Stahlwerks im Landschaftspark Duisburg-Nord, ein zum Theaterraum umfunktioniertes, industriearchitektonisches Museum aus der Gründungsphase des Werkes Anfang des 20. Jahrhunderts. Bevor man den eigentlichen Theaterraum betritt, erklingt zunächst Wouter Snoeis Komposition 'Soundscape Foyer'. Eingebettet in das atmosphärisch ausgeleuchtete Maschinenfoyer mit seinen ehrfurchtsgebietenden Turbinen und Gehäusen auf schwarz-weißem Fliesenboden begleitet eine stimmig platzierte, leise Soundcollage aus verschiedensten Fabrik- und Arbeitsgeräuschen, Stimmen, Presslufthämmern, Wasser und Sägen den musealen Weg in den eigentlichen Theaterraum.

Auf der Bühne kein Orchester, kein Dirigent. Stattdessen stehen rechts und links zwei Tonmeister vor ihren Laptops und ein warm ausgeleuchteter Chor aus vier Frauenstimmen (Eleonore Lemaire, Sopran; Michaela Riener, Mezzosopran; Fanny Alofs, Alt und Claire van der Hart, Sopran). In beigefarbenen, langen, unförmigen Leinenkleidern kommentieren sie moralisch - ähnlich den homophonen Chören der griechischen Tragödie - die Anfänge der Entwicklung. 'Ode to Man, part I' von Yannis Kyriakides ist eine zeitgenössische, elektronische Sprachkomposition. Während der Sophokles-Antigone-Text auf seitlichen Projektionsflächen in englisch und deutsch wiedergegeben wird, rückt die Komposition von Kyriakides die Klangqualitäten der Sprache aus reibenden, knallenden Lauten in den Vordergrund.

Die szenische Einbindung erfolgt auf der Hinterbühne. Während vorne die Sängerinnen Klangbänder von reibenden, knallenden Sprachlauten kakophonisch und statisch aneinanderreihen, binden hinten spärlich beleuchtete Bilder im Vintagestil Text und Musik szenisch ein. Floriaan Ganzevoort hat eine funktionale Bühnenbild- und Lichtkonstruktion entworfen -  eine große, schiefe, durchsichtige und unterteilte Wand, die faszinierend die Ebenen räumlich trennt und in geheimnisvolle historische Ferne rückt. Schemenhaft zeichnen sich im ersten Akt 'Der schaffende Mensch' zwei muskulöse, den rechten Arm schwingende Gestalten ab, während im Rhythmus der Bewegung eine Windmaschine erklingt.

Im zweiten Akt 'Der industrielle Mensch' fällt der unscharfe Blick auf das flackernde Licht einer möglichen Baustelle unter Tage. Zu Luigi Nonos Klangcollage 'La fabbrica illuminata' von 1964 verlassen gebeugte Gestalten die Hinterbühne und schleppen sich und andere eindrucksvoll als Schattenfiguren von rechts nach links, während die Sopranistin Eléonore Lemaire oben auf einer mit einer Glühbirne spärlich beleuchteten Treppe einsam verharrt und die Gefahren für den Menschen wie giftige Gase, Hitze, Explosionen besingt. In einer gespenstisch wirkenden, alptraumartigen Nachtszene spitzen sich die Verhältnisse zu. Zum Lamento der Sopranistin im Schlafgewand vermischen sich auf der Hinterbühne aufblitzende Funken und Haufen toter Körper. Das abschließende Bild zeigt rauchende, blühende Industriestädte aus der Vogelperspektive, während die Darsteller als Werktätige in verschiedenen Gesten symbolisch die Trennwand stemmen. 'Non sarà'. Es wird nicht immer so bleiben.

Nach diesem ernsthaft gestalteten Akt folgt - unvermittelt verspielt und surreal - 'Der Cybermensch'. Der Akt widmet sich dem Thema der technologischen Singularität. A impliziert B, B ist in C verwickelt etc. Es kommt immer wieder zu absurden, zusammenhanglos aneinandergereihten Begegnungen und Kommunikationssituationen, die sich wiederholen. Witzig die Szene, in der sich Beine virtuos in der Luft drehen und im Rhythmus der Drehung von aufbrausendem Motorengeheul untermalt wird.

Ein Tonmeister mischt sich in das Geschehen ein und erteilt Anweisungen, deren mehr oder weniger erfolgreiche Ausführungen von der Gruppe argwöhnisch beäugt werden. Körperglieder zucken und scheinen selbstständig zu werden, organisches und mechanisches Leben sich zu vermischen.

Es ist wahrlich schwer, für die Komplexität der theoretischen Frage, ob Maschinen denken können, angemessene Bilder zu finden. Wie soll man tänzerisch darstellen, dass sich Maschinen mittels künstlicher Intelligenz rasant weiterentwickeln und uns über den Kopf wachsen? Die Komposition von Georges Aperghis, 'Machinations' (2000, Version 'Silbersee' 2017) antwortet darauf mit künstlichen, vokalen Urlauten, die er selbst als Vorläufer der menschlichen Sprache bezeichnet. Mal formen sie sich zu verständlichen Worten, mal glaubt man Wutausbrüche zu erleben oder eine Krähe krächzen zu hören. Eine eher unbefriedigende, lächerlich wirkende Antwort, die mir als nicht sachkundige, kunstinteressierte Zuschauerin die Brisanz und Komplexität der Thematik nicht zugänglich gemacht hat.

Der letzte Abschnitt 'Jenseits des Menschen' kehrt zu Yannis Kyrikides’ 'Ode to Man, part II' zurück. Der Chor ist verschwunden. Vor leerer, nebelverhangener Bühne strömt ein komprimiertes, undefinierbares Klanggemisch und verklingt.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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