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Samstag, 25. November 2017

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vlnr.: Gabriel Böer (Yniold), Leigh Melrose (Golaud), Copyright: Ben van Duin

vlnr.: Gabriel Böer (Yniold), Leigh Melrose (Golaud), © Ben van Duin

'Pelléas et Mélisande' bei der Ruhrtriennale

Irrgarten der Wahrheiten

Bochum, Jahrhunderthalle. In einer kunstvollen, auf faszinierende Weise Videobilder, die gigantischen Dimensionen sowie ehemalige Waschkaue der einstigen Gaskraftanlage mit einbeziehenden Musiktheaterinszenierung eröffnen die Bochumer Symphoniker, Sylvain Cambreling, Krzysztof Warlikowski, Malgorzata Szczęśniak und ein fantastisch singendes und schauspielendes Solistenensemble die Ruhrtriennale 2017.

Gegeben wird Claude Debussys 1902 in Paris uraufgeführte, symbolistische Oper 'Pelléas et Mélisande'. Eingerahmt von einem meisterhaft dargebotenen, geheimnisvoll düsteren, dynamisch gleichsam wellenartig sich entwickelnden Klangstrom, der hin und wieder von jähen Ausdruckswechseln und Farbkontrasten unterbrochen wird, erzählt Regisseur Krzysztof Warlikowski von der Begegnung zwischen Mann und Frau in einer Bar. Der einsame Golaud trifft die seltsam verstört wirkende, heimatlose, schöne, traumverloren tanzende Mélisande. Sie haben Sex. Er überredet sie, mit ihm zu gehen. Sie heiraten. Als er bemerkt, dass auch sein Halbbruder Pelléas sich in Mélisande verliebt hat, wächst seine Eifersucht und kennt keine Grenzen mehr. Es kommt zum Mord.

Malgorzata Szczęśniak nutzt für das Bühnenbild die Reste der ehemaligen Waschkaue, deutet verschiedene Räumlichkeiten wie Bar, Café und Speisezimmer an, ohne die Architektur des Raumes, die Leere und Einsamkeit ausstrahlenden gigantischen Ausmaße der Jahrhunderthalle außer Acht zu lassen. Den Abschluss bildet ein gigantisches Art-Deko-Sofa, aus dessen Armlehnen Treppenaufgänge geworden sind, während die Rückenlehne sich in eine Brücke verwandelt hat. Die Sitzfläche ist dem Orchester vorbehalten. Zugleich bildet es die Bühne, vor der die Gesangssolisten - die Familie mit Großvater Arkel, Mutter Geneviève und Sohn Yniold - zu Beginn des Prologs mit dem Rücken zum Publikum Platz genommen haben. Oberhalb des Orchesters zeigt eine riesige Leinwand das Bühnengeschehen aus verschiedenen Raumperspektiven.

Warlikowski erzählt den banal wirkenden, vorhersehbaren Krimi aus dem Blickwinkel Golauds. Allerdings steht hier nicht die Handlung im Vordergrund. Vielmehr sind es die atmosphärischen Seelenbilder der Musik, die der Regisseur in differenzierte, spannungsreiche Personencharakterisierung übersetzt. Während Golaud, eindrucksvoll dargestellt und interpretiert von Leigh Melrose, sich voller Gewissensbisse zum liebenden Gewaltmenschen entwickelt, verharrt Mélisande zunächst in mitunter narzisstisch anmutender Traumverlorenheit. Klangvoll, mit zarten, zerbrechlich wirkenden Farbschattierungen und einer bis in die Augen und Mundwinkel perfekt austarierten Darbietung führt Barbara Hannigan in geheimnisvollen Andeutungen die symbolistische Mystik vor Augen. Zugleich zeigen die schwarz-weiß gehaltenen Großaufnahmen auf der Leinwand oberhalb des Orchesters ihr ausdrucksstarkes Mienenspiel.

Mélisande scheint sich zunehmend in eigene Welten zu flüchten. Dabei spielt Warlikowski meisterlich mit epischer Distanz und Nähe, kindlichem Übermut und erotischer Liebe. Mal übersetzt er die symbolistischen Märchenbilder in Trugbilder, mal in Wahrheiten. Mal sind sie sexuell konnotiert, mal nicht. Als Pelléas – Philip Addis glänzt mit tragenden Tiefen und wohlklingenden Höhen und einer zwischen lyrischen und heldenhaften Farben schillernden Interpretation – im Mondschein von Mélisandes Schönheit schwärmt, fällt eigentlich (laut Libretto) ihr Haar herab und umhüllt den berauschten jungen Mann. Bei Warlikowski hat sie ihm die Hände gebunden und ihm ihr langes, wallendes Haar als Perücke auf den Kopf gesetzt. Golaud überrascht die beiden, nennt sie Kinder, während Debussy die Szene in dunklen, geheimnisvollen Farben ausmalt.

Immer wieder zitiert Warlikowski in solchen Momenten auf einem kleinen Bildschirm den Filmausschnitt aus Alfred Hitchcocks Film ‚Die Vögel’, in dem die Schulkinder auf ihrer Flucht von den schwarzen Krähen angegriffen werden. Oder ergänzt das Bühnengeschehen mit berührenden Bildern eingepferchter Schafe, die anschließend zur Schlachtbank geführt werden. Andererseits spielt die folgende Szene, in der Golaud Pelléas den Hauch des Todes spüren lässt, anspielungsreich auf einer Brücke oberhalb des Orchesters.

So eindrücklich und ausdrucksstark - ohne aufdringlich zu sein -, so spannungsreich wie an diesem Abend die Musik Debussys, ein stets die französische Sprache in den Vordergrund rückender Gesang und die fantasievollen Regiebilder miteinander verwoben sind, fühlt man sich tatsächlich an das Gesamtkunstwerk eines Richard Wagner erinnert. Und das bei einem Komponisten, der gerade mit seinem Werk 'Pelléas et Mélisande' ein ästhetisches Gegengewicht zu Wagner schaffen wollte.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Pelléas et Mélisande: Oper von Claude Debussy

Ort: Jahrhunderthalle,

Werke von: Claude Debussy

Mitwirkende: Sylvain Cambreling (Dirigent), Krzysztof Warlikowski (Inszenierung), Bochumer Symphoniker (Orchester), Barbara Hannigan (Solist Gesang), Franz-Josef Selig (Solist Gesang)

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