> > > > > 13.09.2003
Dienstag, 1. Dezember 2020

Anton Bruckner

Ein Konzert des Brandenburgischen Staatsorchesters

Gähnende Leere

Wagner, Strauss, Bruckner – was will man programmatisch mehr vom ersten Abonnement-Konzert einer wichtigen Kulturstätte erwarten? Was in anderen Städten den Saal aus allen Nähten platzen lassen würde, scheint in der Brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam so nicht zu funktionieren. Gerade einmal die Hälfte aller Plätze im Nikolaisaal waren zum ersten Sinfoniekonzert der neuen Saison besetzt. Offensichtlich haben weder das Programm, noch der Solist des Abends – kein geringerer als Deutschlands populärster Oboist Albrecht Mayer – die Potsdamer hinter dem Ofen vorlocken können.
Das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt/Oder gestaltete unter der Leitung seines Chefdirigenten Heribert Beissel den ganz im Zeichen der Spätromantik stehenden Abend und ließ dabei mehr Wünsche offen, als es erfüllen konnte. Schon die eröffnenden Vorspiele zum ersten und dritten Aufzug aus Richard Wagners ‚Lohengrin’ zeigten dem Klangkörper seine klangtechnischen und auch manch technische Grenze auf. So kämpften Holzbläser wie Streicher in den wahrlich komplizierten Akkordstaffelungen der Lohengrin-Ouvertüre mit Intonationsproblemen, die sie leider nicht in den Griff bekamen. So geht hier viel von den gleichermaßen spannenden, wie in ihrem Charakter unerreichten Orchestrationsbesonderheiten Wagners verloren. Auch Heribert Beissel zeigt sich eher von seiner nüchternen Kapellmeisterseite, die große dynamische Abstufungen und Klangfarbenreichtum nicht zulässt.

Hiernach folgte das Oboen-Konzert von Richard Strauss, dass dieser 1945, nach Ende des Weltkriegs, auf Anregung eines Amerikanischen Alliierten, der daheim in Pittsburg Solooboist des dortigen Symphony Orchestras war, schrieb. Das Werk steht ganz in spätromantischer Tradition, der sich Strauss zeitlebens verschrieben hatte. Die Oboe kann technisch, wie auch musikalisch glänzen. Dabei ist es erstaunlich, wie altmodisch Strauss in Bezug auf Harmonie und Melodik dieses Konzert komponierte; besonders wenn man es mit den nur kurze Zeit später entstandenen ‚Vier letzten Liedern’ und dem zweiten Hornkonzert vergleicht .
Albrecht Mayer, der sich offensichtlich auf Werbetour für seine gerade neu erschienene CD mit Bach-Transkriptionen befindet, ist mit dem Strauss’schen Werk bestens vertraut. Er entlockt seinem Instrument eine Vielzahl von Klangfarben, weiß dabei auch, mit artikulatorischer Vielfalt und vor allem Präzision zu überzeugen. So kommt trotz mancher kompositorischer Längen in Strauss Konzert nie das Gefühl von Langeweile auf, bleibt der Hörer von der ersten bis zur letzten Note ‚bei der Sache’. Das Potsdamer Publikum dankte es dem Berliner Philharmoniker mit viel Applaus, der sich wiederum mit einer Zugabe von seiner neuen Platte revanchierte und in der Pause fleißig Autogramme schrieb.

Dann sollte Heribert Beissel mit seinem Frankfurter Klangkörper die Chance erhalten, die Wagner-Enttäuschung vom Konzertbeginn wett zu machen. Doch es folgte eine ernüchternde Stunde Musik, in der zwar die Noten Bruckners erklangen, seine Musik jedoch irgendwo in den Garderoben vergessen worden sein muss.
Anton Bruckners dritte Sinfonie durchlebte drei intensive Überarbeitungen durch den Komponisten und nahestehende Freunde, so dass die am Samstag dargebotene dritte Fassung von 1889 sogar noch nach der offiziellen Achten Sinfonie fertig gestellt wurde. Von der Erstfassung, entstanden 1873, ist nicht viel übrig geblieben. Bruckner hat viele rhythmische und harmonische Schwierigkeiten in dieser Drittfassung geglättet und so den Musikern und dem Publikum seiner Zeit sicher einen Gefallen getan. Wer heute die Erstfassung kennt, weiß um den Verlust an musikalischen Potential, den die Sinfonie hierdurch erlitten hat. Trotzdem bleibt es ein Werk mit vielen berührenden Momenten, das auch heute noch als Hommage an Richard Wagner verstanden werden muss – nicht zuletzt wegen der vielen Motive aus Wagner-Opern, die Bruckner in sein Werk einarbeitete.
Leider gehen diese intimen Momente in Beissels Interpretation gänzlich verloren. Er beschränkt sich darauf, seine Musiker so gut wie möglich zusammen zu halten – im wörtlichsten Sinne. Diese haben mit den technischen Herausforderungen dieser Sinfonie genug zu kämpfen. Einzig Trompeten und Posaunen können als harmonisches Ensemble auftreten, die trotz der Exponiertheit ihrer Stimmen weder dynamisch noch agogisch überziehen. Warum der Solo-Hornist sich in einem solchen Werk im Tutti nicht verdoppeln lässt, bleib wohl sein Geheimnis; seine Konditionsprobleme waren jedoch spätestens im dritten Satz unüberhörbar und verhinderten einen ausgewogenen kammermusikalischen Satz von Holz und Hörnern, der gerade bei Bruckner unverzichtbar ist. Leider hatten auch die Holzbläser wie schon im Wagner mit Intonationsproblemen zu kämpfen, die von Beissel leider nicht korrigiert wurden.

Als Chefdirigent seit zwei Jahren im Amt, hat er dem Orchester das Spätromantische Repertoire wieder näher gebracht, kommt dabei jedoch nie über ein biederes Kapellmeisterniveau vergangener Tage hinaus. Er arbeitete einen Teil der großen, übergeordneten Linien in Bruckners Dritter zwar heraus, vergisst aber, die einzelnen Teile spannungsreich und schlüssig miteinander zu verbinden. So verpuffen nicht nur die vielen Wagner-Zitate unerkannt beim Hörer, auch die vielen spannenden satztechnischen Highlights, wie bspw. die große Fugen-Durchführung im abschließenden Allegro, rauschen bedeutungslos an Dirigent und Besucher gleichermaßen vorbei; ganz zu schweigen von den vielen Nebenstimmen, die im Gesamtsatz von enormer Wichtigkeit für die komponierte Klangfarbenvielfalt sind. Auch dynamische Differenzierungen sind Beissels Sache nicht – ein wirkliches Pianissimo sucht man ebenso vergeblich, wie ein kultiviertes Fortissimo, dass durch Volumen und weniger durch Schärfe überzeugt. Beinahe schien es so, als schlage sich die Leere der Besucherränge auf Beissels Brucknerinterpretation nieder.

So bleibt ein sichtlich erschlagenes Publikum nach gut 60 Minuten Krach zurück, dass nicht recht weiß, ob es sich freuen oder ärgern soll. Zugegeben - der Nikolaisaal ist von der Optik her sehr gelungen, akustisch erweist er sich als kompliziert für große Orchesterbesetzungen, lässt Hall missen und neigt zur Übersteuerung. Kein leichtes Unterfangen für die Frankfurter Musiker und den Dirigenten, die nun aber schon zwei Spielzeiten Zeit hatten, sich auf die akustischen Besonderheiten des Neubaus einzustellen.
Vom größten Klangkörper des Landes Brandenburg muss man eine höhere musikalische und technische Qualität erwarten können, als die in diesem Konzert präsentierte. Nicht nur wegen der großen Konkurrenz aus der nahen Bundeshauptstadt, sondern auch ob der hervorragenden Interpretationen der Kammerakademie Potsdam, die im Wechsel mit den Frankfurtern die Sinfoniekonzertreihen des Nikolaisaals bestreitet.
Die Spielzeit ist noch jung, die Hoffnung auf Besseres also durchaus begründet. Dann lohnt es sich auch künstlerisch für die Potsdamer, ihren Konzertsaal wieder öfter zu besuchen.

Kritik von Frank Bayer



Kontakt zur Redaktion


Nikolaisaal Postdam: 1. Abo-Konzert

Ort: Nikolaisaal,

Werke von: Richard Wagner, Richard Strauss, Anton Bruckner

Mitwirkende: Heribert Beissel (Dirigent), Brandenburgisches Staatsorchester Frankfurt (Orchester), Albrecht Mayer (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Musikfestspiele Potsdam Sanssouci

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