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Dienstag, 19. September 2017

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Samuel Youn als Holländer, Copyright: Thomas Jauk

Samuel Youn als Holländer, © Thomas Jauk

'Der fliegende Holländer' an der DOB

Bejubelte Mangelware

Noch in der Ouvertüre öffnet sich der Vorhang und Thomas Blondelle alias Erik kommt in fahlem Licht unter Nebelschwaden und geisterhaftem Tropfen zum Vorschein. Vor ihm die Miniatur eines Dreimasters, die er bald an der Wand zertrümmert, ehe er sich niedergeschlagen zusammenkauert. Erik soll an diesem Abend ‚der einzig wahre und real Liebende’ sein, wie es im Zitat des Regisseurs Christian Spuck heißt, das uns auf den ersten Seiten des Programmheftes anspringt. Als Beweis ist er permanent auf der Bühne, durchlebt die ganze Geschichte und endet im Nachspiel – nachdem sich Senta in das Messer stürzt, das er ihr vorher abgenommen hat – genau dort, wo er angefangen hat: neben seinem Modellschiff. Auch wenn die Idee des ewig Zyklischen gerade gefühlt in jeder zweiten Neuinszenierung Verwendung findet, wird sie hier bedacht untergebracht: Erik durchlebt den Selbstmord Sentas durch seine Hand immer und immer wieder.

Die falsche Hauptrolle

Im Angesicht dieser pausenlosen Präsenz auf der Bühne (ohne je aus der Rolle zu fallen) ist Blondelle seine Leistung gleich doppelt anzurechnen. Beeindruckend arbeitet er feinste stimmliche Nuancen heraus und liefert eine präzise klangliche und sprachliche Artikulation, auch wenn sein Stimmfach für den Erik nicht der Norm enstpricht. Stets behauptet er sich gegen das doch oft ausufernde Tönen aus dem Graben. Dem gebrochenen Helden des Abends wurde wohl genau diese Zügellosigkeit zum Verhängnis. Samuel Youn bekam als Holländer heftige Probleme mit den schwierigen Verhältnissen. Sein unbestreitbar schöner und kräftiger Stimmklang wurde matt, gepresst in der Höhe und – nach etlichen Hustern mitten auf der Szene – schließlich brüchig. Falsche Einstellungen und Vokalfärbungen beschleunigten den stimmlichen Niedergang, sodass dem international tätigen Bassbariton mäßiger Schlussapplaus und sogar einige unfaire Buhs entgegengeworfen werden.

Stimmgewalt in hoch und tief

Ganz vorzüglich lief der Abend hingegen für Ingela Brimberg, die eine ihresgleichen suchende klangliche Wucht aufbot. Dabei blieb sie geschmeidig und exakt, setzte auf Zusammenhang statt Facettenreichtum. Schön zeichnete sie die vom ersten Erscheinen an weltferne und schließlich vollkommen entrückte Senta. Als Daland stand Tobias Kehrer auf den Brettern, der mit seiner durchdringend knarzigen Tiefe und väterlichem Timbre erneut beeindruckte. Ab der höheren Mittellage waren die Töne zwar noch präsent, jedoch durch starken Farb- und Glanzverlust beschnitten. Ebenfalls aus dem festen Ensemble stammend überzeugten Ronnita Miller als Mary mit markant direktem Mezzo und besonders Matthew Newlin, der als Steuermann einen stimmlich gefassten und verspielten Schelm charakterisierte. Während die Herren des Chores nicht durchwegs zusammenkamen, gelang den Damen eine eindrucksvolle Akkuratesse: insgesamt ein imposanter Chorklang auf der Bühne (Einstudierung: Raymond Hughes), der zeitweilig mehr Angst einflößte als die Mannschaft des Holländers über die Lautsprecher.

Nichts als Dunst

Außer der halbherzig ausgearbeiteten Perspektive Eriks schafft Spuck ein Atmosphärentheater, das mit einem statischen Bühnenbild von Rufus Didwiszus auskommt. Der Holländer schreitet durch das Plätschern der stetig wachsenden Pfützen in Begleitung einer Handvoll Kumpanen, alle gleich einer dämonischen Bruderschaft in Kutten gehüllt (Kostüm: Emma Ryott), zwischen denen er ebenso geisterhaft verschwindet, wie er auftaucht. Ein gespanntes Tuch deutet die Spinnstube an, ein wenig Helligkeit, alte schwere Gerätschaft dazwischen, ein schön geführter Frauenchor, kaum Personenregie in der Begegnung Senta/Holländer. Dafür wird die große Chorszene im dritten Akt ein nicht zur Ruhe kommendes Gewusel. Wo die Musik viel liefert, überfordert das Bühnengeschehen, in ruhigen Phasen wird man allein gelassen. Nett anzusehen ist dann noch der Lichteinfall in der Schlussszene (Licht: Ulrich Niepel). Das war‘s dann aber auch schon.

Am Ende ist es Der Holländer

Auch wenn Spuck ein erkennbares Konzept hat, dem Holländer selbst eine sphärische Aura verleiht (die Youn freilich stimmlich einfach nicht halten kann) und vereinzelt durchdachte Ideen skizziert, bleibt diese Produktion auf halber Strecke stecken. Nicht zuletzt wegen der fehlenden Motivation im Graben. Donald Runnicles schaffte es zwar, dem Getose immer wieder Einhalt zu gebieten und innerhalb des Orchesters zu balancieren, den Kollegen auf der Bühne wurde aber viel abverlangt (und Youn eben zu viel). Dazu kamen Intonationsprobleme im Blech schon ab der Ouvertüre. Das einem im triumphalen Schlussapplaus dann aus der Hinterreihe etliche Bravo-Rufe ins Ohr geplärrt wurden, zeigte einmal mehr, dass sich im Taumel der Gefühle auch eine Komposition feiern lässt.

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Kritik von Theo Hoflich

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Der fliegende Holländer: Romantische Oper in drei Aufzügen

Ort: Deutsche Oper,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Donald Runnicles (Dirigent), Christian Spuck (Inszenierung), Orchester der Deutschen Oper Berlin (Orchester), Samuel Youn (Solist Gesang)


Presseschau mit ausgewählten Pressestimmen:

Oper voller Nebel
Choreograph Christian Spuck zeigt Wagners "Fliegenden Holländer" als maritime Spukgeschichte
(Berliner Morgenpost, )

Nebel des Grauens
Premiere "Fliegender Holländer" an Deutscher Oper
(Der Tagesspiegel, )

Old-fashioned
Richard Wagners
(neue musikzeitung, )

Zweieinhalb Stunden Düsternis
Der fliegende Holländer in Berlin
(Bayerischer Rundfunk (BR), )

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