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Montag, 29. Mai 2017

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Jonas Kaufmann, Copyright: Wilfried Hösl

Jonas Kaufmann, © Wilfried Hösl

'Andrea Chenier' in München

Musikalische Höhenflüge

Mittwochabend vor der Bayerischen Staatsoper herrscht großes Gedränge. Es ist die erste Aufführung von 'Andrea Chénier' nach der Premiere. Erstmalig erklingt diese Historienoper des italienischen Komponisten Umberto Giordano nach einem Libretto von Luigi Illica in diesem Haus. Und das mit Starbesetzung, wie so vielfach zu lesen und zu hören ist: Eine glänzend disponierte Anja Harteros als Maddalena di Coigny, Jonas Kaufmann verkörpert die Titelfigur Andrea Chénier in seinem Comeback mit stimmlichen Stärken und Schwächen wie sie geblieben sind, dazu der Bariton Luca Salsi, klangschön, kraftvoll, volumenreich in den Höhen wie Tiefen und dazu als Charakterdarsteller prädestiniert. Die Rolle des Dieners Carlo Gérard, der während der Revolution zum Vertrauten Robespierres aufsteigt und damit zum mächtigen Mann wird, kommt ihm entgegen. Luca Salsi zeichnet dieses Charakterprofil scharf nach. Das darf man nicht verpassen. Alle Aufführungen sind ausverkauft, Restchancen bieten die Opernfestspiele im Sommer.

Auch Regisseur und Bühnenbildner Philipp Stölzl hat sich erfreulicherweise keine moderne Deutung einfallen lassen, hört man hier und da im Foyer. Also Operngenuss pur in einer störungsfreien Kulisse? Die Erwartungen sind gespannt.

Noch bevor die Musik startet, tänzelt Matthieu (Tim Kuypers) als Clown über die Bühne. Seine Maske deutet auf den Joker aus Christopher Nolans ‚Batman‘, unter Opernregisseuren landauf, landab derzeit sehr beliebt, um das sadistisch Unbarmherzige zu kennzeichnen. Seinen Körper hüllt Matthieu als personifizierte Darstellung des revolutionären Frankreichs in eine durchlöcherte, blutbefleckte Trikolore, auf seinen Lippen ein Tralala, das er später zur Marseillaise weiterspinnt.

Verismo pur aus dem Orchestergraben

Nur wenige Sekunden dauert dieser Singsang, während sich der Vorhang hebt. Dirigent Omer Meir Wellber zaudert nicht. Wuchtig setzt die Musik ein. Wellber scheut nicht den Schmelz, aber mit einer deutlichen Spur an Kühle und Distanz. Selbst die Soli wirken gradlinig, fast scharf, die Tempi sind straff, die geballte Klangwucht klar konturiert und transparent, dabei ungebremst gewaltig, imposant und aufpeitschend. Versimo pur eben, denn was der Zuschauer sieht und hört, soll unter die Haut gehen.

Simultan erzählt in Bildern

In vier Bildern erzählt Giordano das Schicksal des französischen Dichters André Chénier, der 1794 mit 31 Jahren auf der Guillotine endete. Stölzl nähert sich dieser Bebilderung aus seiner vielfach erfolgreich erprobten Perspektive des Historiendramen-Filmers. Gewohnt mit unterschiedlichsten kurzen Einblendungen und aus verschiedenen Perspektiven einen nach allen Seiten ausgeleuchteten, psychologisch packenden narrativen Handlungsstrang zu knüpfen, bietet er und Heike Vollmer an seiner Seite als Bühnenbildner einen Querschnitt durch die Häuser. Puppenartig drapiert setzen sich die Figuren in diesem Bilderkaleidoskop auf ein vereinbartes Zeichen in Bewegung und erzählen simultan ihre Geschichte. Allerdings sehr plakativ. Eine in Details differenzierte Personenregie wäre in dieser Bilderflut allerdings auch Verschwendung.

Während die Adeligen im feudalen Rokokosaal feiern, verrichten die Bediensteten ihre Arbeit im Keller. Hier ist es dunkel, modrig, stickig und eng. Die Botschaft ist eindeutig. Der Luxus weniger lastet auf den Schultern vieler Ausgebeuteter. Die Ankündigung der Revolution wird in diesem Kellerloch als Befreiung gefeiert.

Luca Salsi erweckt Gérard zum Leben

Die folgenden Bilder erzählen von den Zuständen nach dem Sturm auf die Bastille 1789. Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Szenen in Schreibstuben, Bordellzimmer, Krankenlager, Gefängniszellen bilden ungeschminkt die Realität ab. Der Adel ist ermordet oder auf der Flucht, die Gesellschaft ist verroht. In Katakomben werden die Verwundeten gepflegt. Verräter, Adelige und Kriminelle sitzen hinter Gittern. Auch Chénier. Er verkörpert bei Giordano den ewigen Außenseiter. Mit patriotischen Versen revoltierte er in der adeligen Gesellschaft. Weil er die Radikalisierung ablehnt, flieht er jetzt vor den Jakobinern und Revolutionären. Sein Tod auf dem Schafott ist mit seiner Verhaftung beschlossene Sache. Maddalena will ihn davor bewahren. Einst war sie das gehütete Mädchen im adeligen Haus, jetzt ist sie von den Ereignissen traumatisiert. Chénier verköpert für sie Halt und Zuflucht. Daher will sie ihn retten und sich schlimmstenfalls Gérard hingeben. Gérard war schon immer in sie verliebt, früher, als er in ihrem Zuhause als Diener arbeitete, jetzt, da Gérard Herr über Leben und Tod ist. Dennoch verzichtet er. Diese Szene, in der er mit sich ringt, ist die spannendste in Stölzls Inszenierung. Luca Salsi zeichnet glaubwürdig mit packender expressiver Stimmkraft und Ausstrahlung Gérard als einen zwischen Gier, Hass und Liebe Zerrissenen.

Schmerzvoll schönes Liebesduett

Die innigste Szene folgt bald darauf, wenn Maddalena und Chénier nach allzu affektiert verkünstelten Umarmungsversuchen eng umschlungen und voller Verzweiflung und Todesangst in schönsten Tönen ihr Liebesduett singen und später auch den gemeinsamen Tod beschließen. Hier verzückt Anja Harteros mit ihrer vollendeten Stimmklangkunst, überaus strahlend weich und schmerzvoll schön, was Jonas Kaufmann mit seinem schwachen Piano nicht erwidern kann, dafür aber im Forte umso dramatischer aufblüht.

Das Publikum spart nicht mit Szenenapplaus und dankt am Ende für diesen großen Sängerabend, wozu unter anderen auch J´Nai Bridges als Zofe Bersi und Bordellmädchen und Elena Zilio in der ergreifenden Szene der halb erblindeten Mutter Madelon beitrugen.

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Kritik von Christiane Franke

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Andrea Chenier: Oper von Umberto Giordano

Ort: Bayerische Staatsoper,

Werke von: Umberto Giordano

Mitwirkende: Chor der Bayerischen Staatsoper München (Chor), Omer Meir Wellber (Dirigent), Philipp Stölzl (Inszenierung), Orchester der Bayerischen Staatsoper (Orchester), Christian Rieger (Solist Gesang), Doris Soffel (Solist Gesang), Anja Harteros (Solist Gesang), Jonas Kaufmann (Solist Gesang)

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