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Donnerstag, 24. August 2017

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Grigory Sokolov, Copyright: Südwestdt. Konzertdirektion Stuttgart Erwin Russ

Grigory Sokolov, © Südwestdt. Konzertdirektion Stuttgart Erwin Russ

Grigory Sokolov in Stuttgart

Neues vom "Hexer"

Nein, dies ist keine Besprechung des gleichnamigen Kriminalromans von Edgar Wallace. Attribute mit Bezug zum Übernatürlichen (Tasten-Magier, Klangzauberer, etc.) werden aber immer wieder gerne verwendet, um die Ausnahmefähigkeiten Grigory Sokolovs zu charakterisieren. Wo er gastiert, sind die Säle meist voll – so auch diesmal wieder in der Stuttgarter Liederhalle.

Gegen den Strich gebürstet

Der Hang des gebürtigen Leningraders zum Nonkonformismus ist bekannt. Eine ganze Menge davon ist in der ersten Hälfte zu hören. Mozarts C-Dur-Sonate KV 545 kennt buchstäblich jedes Kind - gerade weil die technischen Anforderungen sehr überschaubar sind, ist sie alles andere als kinderleicht zu spielen. Sowohl hier als auch in den Ecksätzen der c-Moll-Sonate KV 457 wählte Sokolov eine recht eigenwillige, extrem in die Breite gehende und beinahe zum Portato neigende Artikulation. Gepaart mit vielfach auffallend bedächtigen Tempi, lassen seine Ansätze den Hörer im Vergleich zu ausgewiesenen Mozart-Spezialisten wie beispielsweise Alfred Brendel teils etwas ratlos zurück. Besonders im Finalsatz von KV 457 wirkte Sokolovs Version agogisch etwas zerfahren und nicht ganz kohärent. Demgegenüber kann man das 'Adagio' kaum mit einer tiefer empfundenen Intensität und klanglichen Wärme und den 'Piu allegro'-Teil der c-Moll-Fantasie KV 475, die er als musikalische Einheit mit dem Schwesterwerk verbindet, kaum mit sublimerer Strahlkraft und emotionaler Zerrissenheit hören. Neue, wenn auch wiederum gewöhnungsbedürftig gegen den Strich gebürstete und nicht immer lückenlos überzeugende Mozart-Perspektiven tun sich allemal auch hier auf; viele Nebenstimmen hat man so noch nicht gehört.

Alles an seinem Platz

Ein gänzlich anderes Bild ergab sich in der ganz im Zeichen von spätem Beethoven stehenden zweiten Hälfte. An seine Deutungen der e-Moll-Sonate op. 90 und des gewaltigen Opus 111-Gipfels seines Sonaten-Oeuvres heranzukommen, tun sich selbst Referenz-Exegeten wie besagter Brendel oder Emil Gilels schwer. Ob klanggewaltiges Pathos mit raumgreifendem Volumen oder zerbrechlich fein gezeichnete Diskant-Kantabilität – hier war ohne Wenn und Aber alles an seinem musikalisch vollgültigen Platz. In keiner Sekunde wackelte der gefürchtete Endlos-Triller, vielmehr gelang er Sokolov agogisch dezidiert aufgefächert.

Es folgte die für ihn typische Zugaben-Flut: Schuberts 'Moment musical' C-Dur D 780 Nr. 1, Chopins Nocturnes op. 9/1 und 32/2 sowie das Prélude op. 28/20 und Schumanns Arabeske op. 18. Auch in der ‚dritten Halbzeit‘ erwies sich immer wieder Sokolovs unvergleichliche Meisterschaft im Abtönen klanglicher Nuancen. Alles in allem zeigte auch dieser Abend: Superlative wie in der Überschrift sind bei Sokolov nicht zu hoch gegriffen – sie sind angebracht.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Klavierabend Grigory Sokolov: Reihe Meisterpianisten

Ort: Liederhalle,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Frédéric Chopin, Franz Schubert

Mitwirkende: Grigorij Sokolov (Solist Instr.)

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