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Freitag, 19. August 2022

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Terry Wey (Athamas), Ks. Edward Gauntt (Cadmus / Priester), Dilara Baştar (Ino), Jennifer Franc, Copyright: Falk von Traubenberg

Terry Wey (Athamas), Ks. Edward Gauntt (Cadmus / Priester), Dilara Baştar (Ino), Jennifer Franc, © Falk von Traubenberg

Glanzvolle Eröffnung der 40. Händel-Festspiele

Semele-Mythos auf amerikanisch

Schluss mit der Opera seria! Die Botschaft des englischen Publikums an Georg Friedrich Händel war eindeutig. Wenn Oper überhaupt, dann nur die leichte Muse. So reagierten die Londoner um 1737. Händel ging mit seinem Opernunternehmen bankrott, erlitt einen Schlaganfall, erholte sich wieder und erfand das englische Oratorium. In dieser Zeit entstand 'Semele', aber nicht nach einer geistlichen Handlung, sondern basierend auf einem Libretto, in welchem William Congreve Ovids ‚Metamorphosen‘ verarbeitete, mythologischen Stoff also und doch so irdisch und lebensnah, wie es jetzt das Premierenpublikum zur Eröffnung der 40. Händel-Ffestspiele in Karlsruhe feierte.

Nur nebenbei sei erwähnt, dass das englische Publikum mit 'Semele' nichts anfangen wollte, vielleicht auch noch nicht konnte. Von Händels Verpackung – er bezeichnete es zur Uraufführung 1744 als ‚after the Manner of an Oratorio‘ – lies es sich nicht täuschen. Für eine englische Oper dieses Formats war es nicht bereit. Einer konzertanten Wirkung von 'Semele' fehlte zudem trotz dramaturgisch abwechslungsreicher Anlage zwischen melodienreichen Soli und ausdrucksstarken Chorpartien jenes Spielfeld, das das Medium Oper ermöglicht, um auszubreiten, was Händel so genial in den psychologischen Subtext seiner Musik packte.

Der Mythos ist schnell erzählt. Juno weiß, dass ihr Gatte Jupiter in die schöne sterbliche Semele, Tochter des Königs Cadmus von Theben, verliebt ist, und setzt alles daran, sie zu vernichten. So überzeugt Juno den König, Semele mit dem Prinzen Athamas zu verehelichen, rechnet aber nicht mit Jupiters Handlungsentschlossenheit. In menschlicher Gestalt entführt er sie mitten aus der Hochzeitszeremonie in sein Reich und verführt sie. Also nimmt Juno Gestalt von Semeles Amme an und flüstert der mittlerweile Schwangeren ein, dass sie Unsterblichkeit erlangen könne, wenn sich Jupiter in seiner göttlichen Gestalt zeige. Semele fordert von Jupiter, ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Das erweist sich als Falle. Elendig verbrennt sie im göttlichen Feuer zu Asche. Ihr Kind wird gerettet. Als Bacchus soll er den Menschen Freude bringen. So verkündet es der Chor und deutet den Verlust in einen Gewinn für die Menschheit um.

Regisseur Floris Visser sieht darin eine Allegorie auf das wahre Leben und übersetzt seine Deutung in eine amüsante Reality-Story nach bester amerikanischer Hollywood-Machart. Jupiter und Juno verleiht er menschliche Gestalt als Präsidentenehepaar Bill und Hilary Clinton, die im Licht der Öffentlichkeit selbst hinter geschlossenen Schlafzimmertüren stehen. Gideon Davey entwarf als Spielort einen pantheonartigen Kuppelbau mit Insignien, die eindeutig das Oval Office kennzeichnen. An drei Seiten befinden sich Schwingtüren, eine Seite ist bühnenweit geöffnet. Aufgebaut auf einer Drehbühne gelingen Ortswechsel mit beeindruckender Rasanz. Büro, Kirchenraum, Versammlungshalle, Liebesnest und Schaltzentrale der Macht sind durch typische Requisiten gekennzeichnet. Ein Ring um die Drehbühne gestattet sogar, dass die Präsidentenlimousine mit Bodygards imposant vorbeirollt.

Während das Orchester mit der Ouvertüre auf Händels Klangwelt einstimmt, zeigt Visser mit komödiantischem Esprit, was der Story vorausgeht. Der testosterongesteuerte Bill Clinton jagt seiner Bürokraft hinterher. Gattin Hillary tobt und schwört Rache. Doch zunächst beeindruckt Bill die kleine Schöne mit seinem Machtapparat. Spektakulär zieht die Sondereinheit ihre Entführung durch, in verführerischem Kerzenlicht erstrahlt das Wellness-Liebesnest, allgegenwärtig bewacht von den Sicherheitsbeamten, aber auch verfolgt von den Paparazzis, die in ihrer Gier auf die besten Fotos immer wieder Material für die Regenbogenpresse erhaschen. Der Skandal ist in den Zeitungen schnell verbreitet, während Hilary alle Kanäle der CIA wie der modernen Technologie nutzt, um das Liebchen zu zerstören.

Die Texte, die Händel vertonte, sind oft sehr knapp und wenig aussagekräftig gefasst; sie ergehen sich zudem noch in Wiederholungen, während die Musik viel Spielraum für eine vielschichtige tiefenpsychologische Sicht und Deutung der Charaktere und Situationen lässt. Dieses Vakuum nutzt Visser für eine überaus kluge und scharfsinnige Personenregie, und fokussiert, was die Charaktere der einzelnen Protagonisten wie der Gesellschaft dominiert: eine Melange aus purem Egoismus und übersteigerter Eitelkeit, die wahre Gefühle nicht zulässt und die Gier des Volkes nach Sex & Crime-Storys unersättlich nährt.

Welche krankhaften Formen diese Übersteigerung des Selbstwertes annehmen können, verkörpert Jennifer France als Semele in allen Facetten ihres darstellerischen wie sängerischen Könnens. Schwierigste Koloraturen übersetzt sie in extreme Gefühlsausbrüche und besticht dabei in ihrem Gesang stets durch solide Technik, ungeahnte Kraft, klare Konturen und strahlende Weichheit. Beharrlich schleift und schleppt sie das Brautkleid mit sich herum als Schlüssel ihrer ehrgeizig betriebenen Ebenbürtigkeit und versinkt am Ende mit einem sanften Lamento in der skandalsüchtigen Menge. Ed Lyon in der Rolle des Jupiter beherrscht das bleckende Präsidenten-Strahlemanngesicht noch perfekter als seine Partien, die er aber solide intoniert. Am Ende eher nebensächlich, doch im ersten Teil des Abends für die Handlung bedeutend tritt Terry Wey als geprellter Möchtegernehemann Athamas auf. Als Semele entführt wird, ergeht sich der Counter stimmlich in selten so göttlich schmerzlich erstrahlendem Selbstmitleid. Um so schärfer tritt der Kontrast zur energisch um ihn werbenden Schwester von Semele, Ino, auf. Dilara Bastar verleiht dieser Partie eine herbe Nüchternheit. Edward Gauntt füllt die Rolle des korrumpierbaren Vaters aus. Eine besondere Überraschung bietet Yang Xu als Somnus. In der perfekten Maske des durch amerikanische Filme geprägten Abbilds eines typischen Nerds kann man von seinem tiefen wie leichtschwingenden, volumenreichen Bass nur begeistert sein. Katharine Tier geht in der Rolle einer Hilary Clinton völlig auf. In Ausdruck und Stimme unterstreicht sie ihre Entschiedenheit zur Macht mit allen verfügbaren Mitteln so überzeugend, dass man daraus Vissers Wink lesen wollte, sie sei nicht unbedingt die bessere Wahl in Amerika gewesen.

Vollkommen unaufgeregt gestaltet Christoph Moulds vom Dirigentenpult aus Händels Musik vom Feinsten. Der Händel-Festspielchor, einstudiert von Carsten Wiebusch, wurde für das 40. Jubiläum der Händel-Festspiele eigens zusammengesetzt. Diese 25 ausgesuchten jungen Sängerinnen und Sänger bewegen sich auf der Bühne so überzeugend wie im Gesang. In wechselnden Rollen als zeitungslesendes Publikum, als bunte amerikanische Gesellschaft oder Blitzlichtgewitter auslösende Paparazzis faszinieren sie die Besucher mit einem dynamischen, in sich geschlossenen, satten und fundierten Chorklang. Das Orchester, die Deutschen Händelsolisten, durchweg Profis auf ihrem Gebiet, musizierten mit hörbarer Lust und Hingabe und doch so differenziert, wie es eine dramatisch ausgeleuchtete Interpretation erfordert. Das Publikum feiert diese Jubiläums-Produktion mit nicht enden wollendem Applaus.

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Kritik von Christiane Franke

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Semele: Händel-Festspiele Karlsruhe

Ort: Badisches Staatstheater,

Werke von: Georg Friedrich Händel

Mitwirkende: Deutsche Händelsolisten (Orchester), Ed Lyon (Solist Gesang), Terry Wey (Solist Gesang)


Presseschau mit ausgewählten Pressestimmen:

Karlsruher Händel-Festspiele mit Semele eröffnet
(Pforzheimer Zeitung, )

Der Gott – ein Schnösel
Die Karlsruher Händel-Festspiele begannen mit "Semele"
(Badische Zeitung, )

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