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Donnerstag, 13. August 2020

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Das SWR Symphonieorchester im Konzerthaus Freiburg, Copyright: SWR/Wolfram Lamparter

Das SWR Symphonieorchester im Konzerthaus Freiburg, © SWR/Wolfram Lamparter

Renaud Capuçon und das SWR Symphonieorchester

Elektrisierende Fahlheit

'Lumière et pesanteur', Licht und Schwere. So lautete der Titel des ersten Werkes, mit dem das SWR Symphonieorchester das Freiburger Konzerthaus bei seinem sechsten Abokonzert in ein Kaleidoskop unterschiedlichster Leuchtgrade orchestraler Klangfarben und -intensitäten verwandelte. Andere Gegensatzpaare würden den Abend noch treffender charakterisieren, etwa: wonniges Licht und fahle Düsternis. Oder mollige Wärme und klamme Eiseskälte. Vermittelt wurden diese Polaritäten von dem jungen Dirigenten David Afkham, der vom ersten Moment an gelassene Spannung verbreitete und das Orchester zu der bislang ausgewogensten, feinsten und energetischsten Leistung in dieser Spielzeit führte.

Kühl-kristalline Wogen

Von ersten Noten des Orchesterstücks 'Lumière et pesanteur' der finnischen Komponistin Kaija Saariaho an konnte der Eindruck entstehen, Afkham steuere eine (schon lange andauernde, bislang aber ungehört gebliebene) in langsam hin und her schwappenden Wogen dahingleitende Musik mit Saariaho-typischen kühl-kristallinem Oberflächenglanz, getragen aber von einer satten, auf langem Atem ruhenden Grundbewegung, die der mittlerweile mit einigen hochkarätigen Auszeichnungen versehene junge Dirigent mit weit ausholdenden, runden Bewegungen ohne Taktstock evozierte. Das Stück, ein rund sechsminütiges Extrakt für Esa-Pekka Salonen aus Saariahos ‚weltlicher Passion‘ mit dem Titel 'La Passion de Simone' wurde ganz aus dem Wechselspiel der irisierenden Klangfarben entwickelt – und wie entzückend dies gelang! Von dem zart intonierten Trompetensolo bis hin zu den ätherischen Celesta-Klängen wurde vieles aufgeboten, was sich in den letzten Jahren zu Klangsignets des Orchesterschaffens von Kaija Saariaho entwickelt hat. Das Orchester agierte höchst spannungsvoll in aller Gelassenheit, als durchströme es ein gemeinsamer Atem, der jede instrumentale Aktion, jede Phrase mit aufblühendem Beginn und behände austariertem Abschluss in einen wogenden Puls integriert. Schade nur, dass dieses Klangfarbenvergnügen schon so schnell vorbei war; diese silbrigen Klangwogen hätten gut und gerne auch doppelt so lange dauern dürfen ohne dass es eintönig geworden wäre.

Zuhause im breiten Strömen

Es war nur ein äußerliches Zeichen, aber ein umso deutlicher ins Auge und Ohr fallendes: David Afkhams Dirigat war immer dann von bezwingender Spannung in den weit ausholenden Spannungsbahnen, wenn er den Taktstock beiseiteließ, um mit seinen Armen und Händen die orchestralen Energieströme zu lenken, die unter den Musikern mit viel Blickkontakt und manch freudestrahlenden Kontaktaufnahmen verstärkt wurden. So machte David Afkham in der Zweiten Sinfonie D-Dur op. 73 von Johannes Brahms das 'Adagio non troppo' zum emotionalen Zentrum des Werkes. Er ließ von den sichtlich mit Herzenswärme und Engagement musizierenden Orchestermitgliedern Melodiebögen blühend aussingen und hatte bei aller Sorge um die spannungsvollen Aggregatzustände des Moments doch einen klaren Überblick des Gesamtsatzes, der ihm erlaubte, auf dramatische Höhepunkte planvoll zuzusteuern und diese mit gebührender Intensität auszubreiten. Afkhams Zugang unterwirft sich nicht dem auf äußerste Transparenz zielenden Schlankheitswahn, der seit einigen Jahren auch vor den Brahms-Sinfonien nicht haltmacht und das Lineare dieser kompositorisch-strukturellen Prachtexemplare sinfonischer Kunst betont, nicht selten auf Kosten der schieren Klangsinnlichkeit. Afkham aber spürte der in spätsommerlichen Farben gehaltenen Klangwelt der D-Dur-Sinfonie sensibel nach und führte das Orchester zu einer klangfarblich äußerst feinen Deutung, dabei die komplexe Überlagerung der Stimmen sowie das stete Weiterentwickeln und charakterliche Verändern der musikalischen Gedanken geschickt mitdenkend. So gelang eine überwiegend verhalten sonnige Deutung mit Kraftreserven am Ende, die aber das Brüchige dieser Spätsommer-Idylle, die dunklen heraufziehenden Wolken keineswegs aussparte und so zu einem absolut schlüssigen, beeindruckenden sinfonischen Bild geriet, dessen Farbgebung ganz entscheidend von den famosen Holzbläsern geprägt war. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, das Orchester habe zur Vorbereitung erst einmal in den Brahms-Serenaden die Leuchtkraft der Bläser ausprobiert, um sie dann in der D-Dur-Sinfonie - wie strahlend die Flöten, wie weich und keck die Klarinetten, was für ein ergreifendes Legato im Solohorn des Kopfsatzes! - prachtvoll zu entfalten.

Erbarmungslos und elektrisierend

Zum Höhepunkt des Abends wurde indes Schostakowitschs düster verhangenes Violinkonzert Nr. 1 a-Moll op. 77, bei dem der französische Solist Renaud Capuçon mit einer an subtilen Klangeinfärbungen selbst innerhalb einzelner Phrasen äußerst reichen Schattierungskunst und vehementer Ausdrucksintensität so für sich einnahm, dass nach der angestauten Spannung am Ende des vierten Satzes ein wahrer Befreiungsapplaus aufbrandete. Capuçon fand für die eisigen Stimmungen des zu Anfang des Konzertes stehenden 'Nocturne' fahle, sehr intensive Klänge, die im Dialog mit dem erstklassig und sowohl im Klangfarblichen wie Gestischen grandios agierenden SWR Symphonieorchester mit ungeheurer Intensität entwickelt wurden. Das bitterbös klappernde Scherzo entfachte solche Bewegungsenergie, dass der Solo-Violinist mitunter den Eindruck machte, ihn durchführen die Impulse mit solcher Vehemenz, dass sie seinen Körper blitzartig durchzuckten – was allerdings auch in der erbarmungslos grauen, melancholischen 'Passacaglia' für elektrisierende Momente in dem aschfahlen Dämmerlicht dieser Musik sorgte. Capuçon erwies sich als Virtuose, der seine ganze Sensibilität für Phrasierung und Farbgebung in den Dienst des Ausdrucks stellt und so auch in der 'Burlesque' den Schmerz dieser bärbeißigen Schmissigkeit hervorzukehren wusste. Er verabschiedete sich von dem tief bewegten Publikum mit Glucks 'Reigen seliger Geister', ebenfalls eindringlich, aber zart gesungen auf der Violine mit wunderbarem Sinn für dynamische Spannungen. Was diese Spielzeit an Glanzlichtern vielleicht noch bringen mag – dieser Abend wird im Rückblick als Sternstunde in Erinnerung bleiben.

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Kritik von Dr. Tobias Pfleger

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Freiburger Abo-Konzert 6: Werke von Saariaho, Schostakowitsch und Brahms

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Kaija Saariaho, Dimitri Schostakowitsch, Johannes Brahms

Mitwirkende: David Afkham (Dirigent), SWR Symphonieorchester (Orchester), Renaud Capucon (Solist Instr.)

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