> > > > > 26.03.2006
Sonntag, 29. Mai 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

“Die Frau ohne Schatten“ in Nobelbesetzung

Lärmender Koloss oder klingendes Meisterwerk?

Vor knapp zehn Jahren erst wurde es möglich, in der ‘Strauss-Stadt’ Dresden dieses Werk, das ganz sicher zum bedeutendsten und fesselndsten, auf jeden Fall aber höchste Ansprüche stellenden im Schaffen von Richard Strauss gehört, auf die Bühne der Semperoper zu bringen. Jetzt erst, fast elf Jahre nach der Wiedereröffnung des berühmten Opernhauses, waren die technischen Möglichkeiten da, den Orchesterraum so zu erweitern, dass ein Orchester mit den Dimensionen dieser Partitur auch darin Platz fand.

Nach den beiden zu ihrer Zeit musikalisch wie szenisch aufsehenerregenden Einstudierungen des Werkes im Osten an der Leipziger Oper und der Berliner Staatsoper unter den Linden in den legendären Inszenierungen von Joachim Herz bzw. Harry Kupfer, mit Dirigenten wie Paul Schmitz und Otmar Suitner, war die Spannung in Dresden enorm. Giuseppe Sinopoli entfachte mit der Dresdner Staatskapelle ein euphorisch bejubeltes, rauschhaftes und jäh auffahrendes Klangereignis. Hans Hollmanns unspektakuläre Personenführung im artigen Bilderbuchdesign der dem Dekorativen verhafteten Künstlerin rosalie stießen auf Ablehnung. Seit der Premiere 1996 gab es 25 Vorstellungen mit wechselnden Gästen in den Hauptpartien, auch mit sehr unterschiedlicher Qualität, was das Szenische und Musikalische anging. Bei mitunter äußerst schwergewichtigen Darstellern mutierte die Aufführung zum kostümierten Konzert in einer Szenerie, die aus Sicherheitsgründen wegen der Übergewichte nicht mehr ihren ursprünglichen Ideen gemäß genutzt werden konnte.

Fast eine Premiere

Jetzt aber einmal die Augen schließen, manchen Verdruss vergessen und an die Schönheiten des gigantischen Werkes denken, die Augen wieder aufmachen, die Ohren zumal, in der Semperoper gibt es mit der 26. Aufführung wieder eine Aufführung, die sich nahezu rundum hören und sehen lassen kann, die das klingende Meisterwerk erstrahlen und den lärmenden Koloss verblassen, die feingliedrige Seelenmotorik der Partitur in elegante Bewegungen versetzt und tönenden Stillstand keine Chancen bietet.

Ein (fast) neues Ensemble

Doris Soffel ist die Amme dieser aufpolierten Vorstellung. In Dresden singt sie diese Wahnsinnspartie zum ersten mal. Ein außergewöhnlicher Einstand. Sie betont weniger die teuflischen Anteile der Partie, eher die menschlichen, die spielerischen, die tragischen auch. So ist sie fast wahnsinnig vor sklavischer Anhänglichkeit ihrer Herrin gegenüber, verstrickt sich in Bewahrungskünsten wo sie dem ‘Kind’ die Freiheit der eigenen Entscheidung schenken sollte. Gesanglich kann Doris Soffel sehr zart sein, dann aber unvermittelt wild und dramatisch auftrumpfen. Exakt ist ihr Spiel, tänzerisch sogar. Hellwach beherrscht sie die Szene. Das ist großer dramatischer Gesang, emotional und genau mit dunklem, mutig eingesetzten Mezzo, kräftigen Tiefen, triumphalen Höhen und enormer Textverständlichkeit.
Mit ihrem Rollendebüt und zum ersten Mal in Dresden, Catherine Forster als Kaiserin. Die britische Sopranistin ist im Spiel zurückhaltend, überzeugt aber durch ihre sicheren und leuchtenden Höhen, durch die Stetigkeit des Klanges ihrer gut geführten Stimme durch alle Lagen und wahrhaft majestätischen Soprantönen. Durch weitere Nuancierungen, einige Verschattungen, mehr Verinnerlichung, kann ihre jetzt bereits beiendruckende Gesamtgestaltung nur gewinnen.

Evelyn Herlitzius birst vor Energie und Darstellungsdrang. Passion in Gesang und Spiel zeichnen sie aus. Die Partie der jungen Färberin ist eine Herausforderung für alle Sängerinnen, die bereit sind sich in die Grenzbereiche des Singbaren zu wagen. Evelyn Herlitzius wagt mit ihrem Rollendebüt viel und gewinnt nicht nur das Publikum, sondern auch Sing- und Sichtweisen, die dieser Partie einer zutiefst zerrissenen Persönlichkeit entsprechen. Alles Flirren und Flackern, alles Auf und Ab, die Stürze von den Höhen des Gefühls in die Tiefe der Depression, Verführbarkeit und die Keuschheit zugleich, kann sie durch Klänge und Körpersprache adäquat zum Ausdruck bringen.

Grundhebers memento des Humanen

Mit beseelten, warmen Herzenstönen und berührender Darstellung erfreut Franz Grundheber, wie zur Premiere, in der Partie des Färbers Barak. Er stellt eine so anrührende, menschliche Gestalt auf die Bühne, ein memento des Humanen, dass sich in der Ausstrahlung einer solchen Künstlerpersönlichkeit alle Aufgeregtheit, alle Volldampfdramatik erst einmal brechen, dann messen lassen müssen, um im Lichte so verinnerlichter Gestaltungskraft erst ihre eigenen Wert zu erhalten.
Der Tenor Stephen Gould schmettert nicht und stemmt keine Spitzentöne um ihrer selbst willen. Kraft hat er schon, aber er setzt sie ein, um seine Partie mit weichen Tönen auszustatten, mit Schattierungen zu versehen, Differenzierungen der Emotionen in das heldische Fach zu bringen, was eine außergewöhnlich schöne Gestaltung der Rolle des Kaisers ergibt.

Hans-Joachim Ketelsen gibt bewährt und dienstbar den Geisterboten. Für die knappen Partien aus dem Off mit Sabine Brohm als Stimme des Falken, Christa Meyer als Stimme von oben Gerald Hupach als Erscheinung des Jünglings stehen mehr als lediglich bewährte Kräfte des Ensembles zur Verfügung. Unverständlich und empfindlich störend in diesem glücklichen Gesamtgefüge, zu dem sich noch etliche sichtbare und unsichtbare Geister, Stimmen, Wächter, Dienerinnen und Brüder gesellen, der so unsichere Auftritt und Gesang Christiane Hossfelds als Hüter der Schwelle.

Das Gold im Graben

Die Musizierkunst der Staatskapelle ist das Fundament dieses außergewöhnlichen Opernabends. Die Gegensätze der Geister- und Menschenwelt erfahren farbreiche Kontrastierungen, das Geschehen der drei monumentalen Akte klanglich geistvolle Kommentierung in den Zwischenspielen. Von kammermusikalischer Noblesse und Sinnlichkeit die Violin- und Violoncellosoli von Roland Straumer und Yves Savary. Für ungewöhnliche Experimente ist Michael Boder am Pult nicht der Mann, dafür ein nicht hoch genug zu schätzender Anwalt des Taktes, was auch meint, dass er denselben wohl zu wahren weiß wenn es gilt, die Solisten zu behüten und den Strauss´schen Ausuferungen Einhalt und Maß zu gebieten.
Dresden feiert in diesem Jahr das 800jährige Stadtjubiläum. Die Kunst- und Musikgeschichte dieser Stadt ist aufs Engste mit der Oper und der Sächsischen Staatskapelle verbunden, nicht zuletzt durch die Erfolge der Werke von Richard Strauss, die von hier aus um die Welt gingen. ‘Die Frau ohne Schatten’ wurde 1919 in München uraufgeführt. Die derzeitige Dresdener Aufführung, die noch zwei mal am 1. und 5. April, in dieser Saison zu erleben ist, dürfte aber schon jetzt eine der vornehmsten musikalischen Gaben zur Feier des Jubiläums der Stadt sein.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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Dresden, Semperoper: Richard Strauss, Die Frau ohne Schatten

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Michael Boder (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Doris Soffel (Solist Gesang), Evelyn Herlitzius (Solist Gesang), Stephen Gould (Solist Gesang), Franz Grundheber (Solist Gesang), Hans-Joachim Ketelsen (Solist Gesang), Sabine Brohm (Solist Gesang), Gerald Hupach (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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