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Mittwoch, 22. Januar 2020

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Yannick Nézet-Séguin, Copyright: Hans van der Woerd

Yannick Nézet-Séguin, © Hans van der Woerd

Nézet-Séguin und Buniatishvili in Essen

Kaleidoskop Amerika

Ein Klang- und Gefühlstableau aus Romantik und Leidenschaft, dramatischer Spannung, verspielter Leichtigkeit, rhythmischer Energie und ungewöhnlichen solistischen Farben – so könnte man das Konzertprogramm mit Werken aus dem Amerika des 20. Jahrhunderts zusammenfassen. Oder sollte man lieber von faszinierenden Einblicken in die Jazzeinflüsse der amerikanischen Kunstmusik sprechen? Denn auch das ist ein roter Faden des stimmig ausgewählten Konzertprogramms, das Chefdirigent Yannick Nézet-Séguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra sowie die Solistin Khatia Buniatishvili in der Essener Philharmonie präsentierten.

Es begann und endete mit Leonard Bernstein. Zu Beginn seine selten gespielte, 1955 entstandene symphonische Suite 'On the Waterfront'. Die Suite geht zurück auf die Filmmusik des ein Jahr früher erschienenen, gleichnamigen Films mit dem deutschen Titel ‚Die Faust im Nacken‘. Er beschreibt die sozialpolitischen Auseinandersetzungen der Hafenarbeiter New Yorks in den 1930er Jahren. 'On the Waterfront' ist keine breite, in Ruhe sich ausbreitende sinfonische Dichtung, sondern hier fließen kurze, immer wieder gebrochene, präzise Milieuschilderungen und Spannungsverläufe atemlos ineinander und zeichnen den Filmverlauf nach. Während zerbrechlich zarte Violinpassagen und ausdrucksvoll singende Celli die Liebesromanze schildern, greift Bernstein Jazzelemente und verschiedene Stile der klassischen Moderne auf, um Kriminalität, Gewalt und Großstadt vor Augen zu führen. Dabei machten Yannick Nézet-Séguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra nicht nur das breite Ausdrucksspektrum von Filmmusik deutlich. Man spürte geradezu die Lebendigkeit und Freude am Musizieren, die Freude daran, Kontraste aufeinanderprallen zu lassen, präzise und differenziert in Tempo und Dynamik zu gestalten.

Temperamentvoll und virtuos ging es mit Gershwins Klassiker 'Rhapsody in Blue' weiter. 'Rapsody in Blue' ist ein frei komponiertes, ungewöhnliches Klavierkonzert mit jazzigen Orchesterfarben wie Banjo und drei Saxophonen, Blue-Note-Harmonien und Dirty Intonation. Mit dieser 1924 entstandenen Komposition fand der Jazz Eingang in die Konzertsäle. Khatia Buniathisvili zeigte Leidenschaft und Virtuosität, konzertierte mal rhythmisch swingend, mal perkussiv hämmernd mit dem Orchester und sprühte in den kadenzartigen Solopassagen nur so vor virtuoser Lebensfreude. Kontrastierend zu Gershwins Klangwelt, wunderbar zart und verhalten, innig impressionistisch schloss sie mit Claude Debussys 'Claire de Lune' aus der 'Suite Bergamesque' als Zugabe.

Nach der Pause dann der Höhepunkt des Abends: Sergej Rachmaninoffs 1940 im amerikanischen Exil komponierte 'Sinfonische Tänze'. Von der Erfolglosigkeit, die die Komposition bei der ein Jahr später erfolgten Uraufführung erlebte, war an diesem Abend nichts zu spüren. Russische Folklore, orthodoxer Kirchengesang und Zitate aus eigenen Werken – die ehrliche Begeisterung, mit der Nézet-Séguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra das musikalische Testament Rachmaninows inszenierten, sprang über. Die vielfältigen Anspielungen im marschartigen, ersten Satz, der fantastische Walzer im zweiten Satz, die variative Verquickung von ‚Dies irae‘ und russisch-orthodoxer Auferstehungsliturgie – mit gestenreichen Bewegungen hielt Nézet-Séguin den Spannungsbogen hoch, inszenierte zusammen mit dem Rotterdam Philharmonics agogisch die Übergänge, sprüht nur so vor Musikalität und Begeisterung.

Als Beweis für das, was man auf der Bühne erleben durfte, dankte das Publikum mit Bravi und Standing Ovations. Und schließlich revanchierten sich auch Maestro Nézet-Séguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra mit einer Orchesterzugabe, die stark an Rachmaninoffs 'Sinfonische Tänze' erinnerte: Leonard Bernsteins Ouvertüre zu seinem 1974 komponierten Musical 'Candide'.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Yannick Nézet-Séguin / Khatia Buniatishvili: Rotterdam Philharmonic Orchestra

Ort: Philharmonie Essen (Alfried Krupp Saal),

Werke von: Leonard Bernstein, George Gershwin, Sergej Rachmaninoff

Mitwirkende: Yannick Nézet-Séguin (Dirigent), Rotterdam Philharmonic Orchestra (Orchester)

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Bisherige Kommentare:

  1. Tolle Kritik
    Diese Kritik ist wie alle Kritiken sein sollten. Sachlich und eine professionelle, genaue Beschreibung von dem, was ich erlebt habe, ohne Buniatishvillis Kleid zu erwähnen. Ich finde es auch sehr gut, daß Sie auch mitteilen, welche Zugaben gespielt wurden. Claire de Lune habe ich sofort erkannt. Die Musik aus Candide kannte ich gut, hatte aber nicht in Erinnerung, wie das Stück heißt. Jetzt weiß ich es. Haben Sie vielen Dank für diese tolle Kritik.
    Nutzer_ZAXZXYZ, 22.03.2017, 09:40 Uhr

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