> > > > > 31.01.2006
Samstag, 28. Mai 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Schon müde von Mozart?

Genau einen Monat währt das Mozartjahr. Um den Anlass für diesen Jahresehrungsmarathon – das Geburtsdatum des Komponisten vor 250 Jahren – gestaltet die Sächsische Staatsoper Mozart zu Ehren Festtage. Konzerte, eine Neueinstudierung ‘Le Nozze di Figaro’ und Repertoireaufführungen machen ein Programm aus, das dem Publikum gefällt. Drei konzertante Aufführungen des ‘Idomeneo’ in der Bearbeitung von Richard Strauss folgen Mitte Mai und das Inszenierungskombinat Achim Freyer verkauft seine ‘Zauberflöte’ im Juni nach Dresden. Bereits 1993 hatte ‘Don Giovanni’ unter der Regie von Willy Decker, im Bühnenbild Wolfgang Gussmanns, in Dresden Premiere und erfuhr seitdem durch wechselnde Dirigenten und Sänger unterschiedliche Gestaltung. Auch in der 69. Aufführung im Rahmen der Festtage bewährt sich die so gediegene wie gästefreundliche Inszenierung.

Immer wieder ist es von hohem ästhetischem Reiz, das Spiel zwischen Himmel und Erde, zwischen gestern und heute. Es bleibt ein Theater auf dem Theater, ein Bild von der Wirklichkeit, die sich immer möglichst weit von sich weg träumt. Am Ende sind alle nicht wirklich froh, dass wenigstens einer von ihnen zur Hölle gefahren ist, während sie wohl oder übel weiter spielen müssen. Deckers klare, ganz auf die singenden Menschen gestellte Inszenierung ist deshalb so ansehenswert geblieben, weil er der Versuchung widerstanden hat den musikalisch erzählten Mythos mit dem Leben zu verwechseln. Wie sich das Leben aber im Mythos spiegelt, das hat er in höchst theaterwirksame Formen gebracht. Dazu reicht ein schräg in das Universum gestellte Brett mit Weltbedeutung, geradezu frei schwebend im gestirnten Kosmos, beschrieben mit Namen der Eroberungen Don Giovannis. Ziemlich schaurig das Ganze, denn die Assoziationen reichen von der Trophäensammlung über den Grabstein bis hin zu Erinnerungsstätten mahnenden Charakters.

Zur Dresdner Festtagsaufführung des ‘Don Giovanni’ hatte man Wolfgang Rennert als Dirigenten verpflichtet. Aber schon als die Ouvertüre breit und behäbig geriet legte sich so etwas wie dicker, dämpfender Nebel über das Orchester, wollte auch nicht weichen und jenes Licht aufleuchten lassen, das der klare und hell strahlende Klang dieses Orchesters oft in Aufführungen der Opern Mozarts zum funkelnden Fundament des Abends hatte werden lassen. So blieb der Abend arm an Spannung, zerfiel in einzelne Teile, Auftritte und Abtritte, artig ausgeführte Gänge und Haltungen der Sängerinnen und Sänger, sehr lustlos wirkten die Ausführenden der Bühnenmusik. Zwischen Orchester und Bühne gab es einige Differenzen, knappe Ausstiege im Sängerensemble.

Hellen Kwon – wie der Abendzettel mitteilt – für ‘N.N.’ herbeigeeilt blieb den Abend lang im Hader mit der Intonationshöhe. Ihren Bräutigam Don Ottavio, müde und schleichend von der Regie her angelegt, gibt Martin Homrich auch gesanglich etwas matt. Nicht nur wegen ihres leuchtend roten Kostüms sondern vor allem mit dem so frischen wie entzündenden Klang ihrer blühenden Sopranstimme und sinnlichem Gesang bringt Kyung-Hae Kang Lust und Leidenschaft in das Gefüge des Damentrios, zu dem sich Christiane Hossfeld als zuverlässige Zerlina gesellt. An ihrer Seite, oder auch nicht, der junge Christoph Pohl, handfest, kernig in Spiel und Gesang, als Bauer Masetto und gehörnter Bräutigam.

Etliche Erfahrungen im Gepäck mag der Leporello des Reinhard Dorn haben, gewitzt, hellhörig und ein wenig verschlagen hat ihn das Leben gemacht, seine Liebenswürdigkeit hat er nicht verloren und etwas Humor glücklicherweise auch nicht. So gibt er auch gesanglich mit kleinen Schwachstellen, einen rund und wohlig klingenden Diener des Don Giovanni. Diesen Herrn der Verführungskünste, selbst ein verführter, Jäger und Gejagter, gibt Jochen Kupfer für den erkrankten Michael Volle. Da betritt ein hoch gewachsener junger Mann die Bühne. Ganz in weiß, als wäre einer von den unzähligen Sternen des Bühnenuniversums nun wirklich auf die Bretter gekommen um am Traum von der unstillbaren Lebenslust am Ende auch von diesen Theaterbrettern verschlungen zu werden. Es ist, als würde hier einer, der das Theater mit dem Leben verwechselt durch dasselbe damit bestraft eine ewige Theaterfigur zu bleiben. Wenn das nicht wahrhaft die Hölle ist.
Kupfer kann auftrumpfen, kann sonderbar unsportlich über die Bühne fegen, auf die Friedhofsmauer springen, sich mit der schlaksigen Ungelenktheit eines mannkindlichen Jünglings den drei Damen nähern und seine Verführungskunst sogar mit dem Cherubino-Trick aufbessern.

Darstellung und Erscheinung steht die gesangliche Leistung des Abends, nach kurzer Irritation zu Beginn, nicht nach. Jung und weich, nicht ohne feste Grundierung, klingt die Baritonpartie bei ihm. Auch zarte, leise Töne tragen. Überhaupt – was gerade in den Rezitativen bestens gelingt – seine Lust am leichten Parlandostil kommt dem Abend zugute. Entscheidende Akzente nämlich, Vorgaben und angemessene, anspornende Begleitung für das gesamte Ensemble gehen an diesem Abend von der Continuogruppe mit Hans Sotin, Hammerflügel und Frank-Michael Gutmann, Violoncello, aus.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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Dresdner Festtage - Wolfgang Amadeus Mozart: Sächsiche Staatsoper - Semperoper

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Mitwirkende: Wolfgang Gussmann (Bühnenbild), Wolfgang Rennert (Dirigent), Willy Decker (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Wolfgang Amadeus Mozart (Regie), Christoph Pohl (Solist Gesang), Kyung-Hae Kang (Solist Gesang), Jochen Kupfer (Solist Gesang), Christiane Hossfeld (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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