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Montag, 21. August 2017

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New York Philharmonic / Alan Gilbert, Copyright: Claudia Höhne

New York Philharmonic / Alan Gilbert, © Claudia Höhne

New York Philharmonic in der Elbphilharmonie

Wiederbegegnung und Entdeckung

Vom 30. März bis 4. April fand unter dem Titel "New York Stories" das Elbphilharmonie-Festival statt. Sechs hervorragend besetzte Konzerte gaben einen exzellenten Einblick in die Facetten nordamerikanischer Musik. Das letzte Konzert im großen Saal war ganz dem Schaffen John Adams’ gewidmet. Zentrales Werk des Abends war die Sinfonie 'Harmonielehre', die Adams 1985 komponierte - sicherlich eine seiner bekanntesten Kompositionen. Was die Interpretation bei diesem Konzert spektakulär machte, war die Herangehensweise von Alan Gilbert, der unter Hochspannung die Instrumentalisten des New York Philharmonic Orchestra durch die Klanggebirge führte.

Gilbert hat einen Nerv für Spannung, Rhythmik und Dynamik. Das zeigte sich schon gleich in den ersten Takten des von Akkordballungen durchsetzen ersten Satzes. Der langsame Satz ('The Anfortas Wound') wurde klar und unprätentiös genommen. Ohne Überrumplungseffekte übte er in der Sichtweise von Alan Gilbert einen überwältigenden Sog aus. Der dritte Satz mit dem ironischen Titel 'Meister Eckhardt und Quackie' lebt von feinmodellierter Orchesterbrillanz - fast mit den Händen zu greifen im schwebenden Klangnebel die mikrorhythmische Struktur, die dieser Komposition alle vorgebliche Banalität einer bloß zusammengesetzten Patchworkmusik nahm. In einer solch überzeugenden Konsequenz kann man die Musik von John Adams selten hören. Die lebhaften, stellenweise grellfarbig gemischten Motivsequenzen erschienen wie selbstverständlich aufeinander bezogene Elemente eines unter einem Mikroskop entdeckten Mikrokosmos, der quasi die Tür zu einer neuen Klangwelt öffnet. Arnold Schönberg, auf dessen Harmonielehre sich der Titel dieser Komposition bezieht, sprach von "Luft von einem anderen Planeten" und läutete damit seinen Abschied von der Tonalität ein, mit den bekannten Folgen. Vielleicht hat John Adams den Titel seiner Sinfonie aus dem Grund gewählt: nicht weil er sich klanglich auf die "Harmonielehre" Arnold Schönbergs bezog, sondern einfach die damalige Ausganssituation zum Anlass nahm, um zu zeigen, dass es auch andere kompositorische Möglichkeiten der Fortführung gibt.

Als weiteres Werk erklang das "Mega-Scherzo" mit dem Titel 'Absolute Jest' aus dem Jahr 2010. Über sechs Sätze werden Beethoven-Zitate einander gegenübergestellt, insbesondere auch aus dem Streichquartett op. 131, und verarbeitet, wie John Adams den Zuhörern in einer kurzen und amüsanten Einführung erläuterte. Der Komponist kontrastiert den sinfonischen Klang des großen Orchesters mit den feingliedrigen Strukturen eines Streichquartetts. Alan Gilbert machte durch behutsame Tempi die Beherztheit dieser Musik, Ekstatik, Versunkenheit und labyrinthische Rhapsodik, die durch die zahlreichen Zitate entsteht, deutlich und ging auch hier mit exakter Gespanntheit vor. Er meisterte glänzend die zahlreichen Rhythmuswechsel und verlor nie den Faden. Die glänzend aufgelegten Instrumentalisten des New York Philharmonic String Quartets und das New York Philharmonic Orchester verstanden sich prächtig. Hinzu kam die in der Tat phänomenale Akustik des großen Saals der Elbphilharmonie, die wie geschaffen ist, für solche monumentalen Orchesterwerke mit ihren exaltierten dynamischen und klanglichen Kontrasten.

All das hätte aber nicht funktioniert, wenn ein Dirigent mit dieser Akustik nicht umgehen kann. Alan Gilbert und das New York Philharmonic sind eine künstlerische Verbindung von Weltklasse. Sie boten einen spektakulären Einblick in das Schaffen des Komponisten John Adams, der kürzlich seinen 70. Geburtstag feierte. Witz und schillernde Ironie spielen in seinen Werken eine wichtige Rolle, sind letztendlich auch immer Zeugnis einer profunden experimentellen Haltung, die auch immer etwas Grenzüberschreitendes haben sollte. Und eben genau das wurde bei diesem Konzert in der ausverkauften Elbphilharmonie exzellent in die Tat umgesetzt.

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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New York Philharmonic / Alan Gilbert: Festival New York Stories: John Adams

Ort: Elbphilharmonie,

Werke von: John Adams

Mitwirkende: Alan Gilbert (Dirigent), New York Philharmonic Orchestra (Orchester)

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