> > > > > 16.01.2006
Sonntag, 29. Mai 2022

1 / 5 >

Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Daniele Gatti und die Sächsische Staatskapelle

Den musikalischen Himmel entdecken

Die Zusammenarbeit der Sächsischen Staatskapelle mit dem italienischen Dirigenten Daniele Gatti kann man in Dresden mit Fug und Recht als eine der fruchtbringendsten und künstlerisch anspruchvollsten der letzten Jahre bezeichnen. Die bisher gemeinsam erarbeiteten Opern- und Konzertabende sind auf ungewöhnlich hohem und eigenständigem Niveau, das nicht nur so manche Mittelmäßigkeit des Dresdner Kulturlebens überstrahlt. Gattis phänomenale Verdi Dirigate einiger ‘Falstaff’-Aufführungen und seine Neueinstudierung des ‘Macbeth’ in dieser Spielzeit, setzten im lange Zeit künstlerisch sträflich vernachlässigten italienischen Repertoire der Semperoper Maßstäbe für die er von Publikum und Presse zu Recht frenetisch gefeiert wurde. Nun kehrte er für drei Konzerte und eine sich daran anschließende Orchestertournee in die Elbmetropole zurück, diesmal mit deutschem Repertoire: Richard Strauss und Gustav Mahler.

Ideales Zusammenwirken

Das Faszinosum der Zusammenarbeit zwischen Gatti und der Sächsischen Staatskapelle liegt für den Hörer in einem großen, gemeinsames Verständnis für Klänge und Klangfarben begründet. Ein Verständnis das sich organisch aus dem typischen Klang der Staatskapelle entwickelt und doch eigene, unverwechselbare Ausformungen gestattet.

Strauss’ frühe Tondichtung ‘Tod und Verklärung’ erwächst so aus fast unhörbaren Pianoabstufungen. Gatti reiht die ersten Themenfragmente aneinander, formt Parzellen und entwickelt einen großen, die gesamte Werklänge umfassenden Spannungs- und Steigerungsbogen. Die variablen Klangfarben dominieren dabei immer wieder das Geschehen, rücken gelegentlich in die Nähe impressionistischer Farbtupfer Debussys. Mit äußerster Präzision werden die tutti-Passagen musiziert, der volle Streicherklang ist dabei in der Balance ebenso präsent wie die Bläsergruppen. Die dynamischen Spannungsbögen werden voll ausgereizt, von den pianissimo Stellen der Kontrabässe und dem Schnarren des Kontrafagotts bis hin den fest formierten Bläserchorälen – und dennoch ist es die letzte tutti-Stelle im forte, die den endgültigen Höhepunkt formuliert. Das Klangbild bleibt dabei stets voller Wärme und verfällt nicht dem Pathos, dem die Straussschen Partitur in ihrer Liszt-Nähe so leicht verfallen kann. Bei Gatti sind die Abstufungen wohl gesetzte, ihre Wirkung genau kalkuliert und dennoch vermittelt sich der Eindruck einer natürlichen Entwicklung des Geschehens. Den naturalistischen Schilderungen des Todeskampfes, den das Programm dieser Tondichtung beschreibt, wird im Sinne akustischer Gestaltung, nicht aber im Sinne naturalistischer Imitation Raum gegeben. So wird ‘Tod und Verklärung’, bis hin zur spannungsvollen Ruhe im Auditorium nach den letzten Akkorden, zum emotionsgeladenen Tongemälde, zur Beschreibung innerer Zustände, nicht aber äußerer, plakativer Befindlichkeiten.

Konzert für Orchester

Die sich nach der Pause anschließende Lesart von Mahlers 4. Sinfonie, die kein explizites Programm hat, führt diesen Ansatz konsequent fort. Das was dem Hörer mit den vielen imitierenden Bläsereinwürfen, den Harfenglissandi und Streicherakkorden an dieser Sinfonie als Naturschilderung gelten mag, rückt Gatti in die Nähe eines ‚Konzerts für Orchester’. Die einzelnen Solostellen, und seien sie noch so klein, erhalten bei ihm eine solistische Bedeutung, weil sie sich in Bezug zum restlichen Geschehen setzen und nicht in selbigem mitschwimmen. Diese Präzision, die jeder Phrase, jedem Takt inne wohnt, knüpft an Lesarten der Sinfonie an, wie man sie beispielsweise von Barbirolli oder gar den frühen Mengelberg-Aufnahmen her kennt. Es in dieser detailgenauen Gestaltung gelingt zweierlei: die facettenreiche Offenlegung der polyphonen und polyrhythmischen Strukturen der Sätze, sowie die gleichzeitige kontrastierende Wirkung der unterschiedlicher Stimmungen, die die gesamte Sinfonie quasi programmatisch durchziehen.

Gleich der ungeheuerlich komplexe Auftakt des ersten Satzes mit seinem Glissando und dem Ritardando der Violinen gelingt mit selten gehörter Eindringlichkeit und Transparenz zugleich. Man könnte von analytischer Durchdringung dieses vielstimmigen ersten Satzes sprechen, wenn dies nicht so ein trockener Begriff wäre. Denn die Wärme, die grade die langsameren Abschnitte ausstrahlen, steht in effektvollem Kontrast zu den schnelleren, pointiert bis in die Nähe der Groteske geführten Abschnitte. Dynamik ist bei Gattis nicht nur eine weite Bögen umfassende Gestaltungsmöglichkeit, sondern auch innerhalb einzelner Phrasen formbar, was diesen ebenso Energie verleiht, wie die kleinen Tempoverzögerungen und -beschleunigungen der tänzerischen Rhythmen. Gerade den polyphonen Aspekten des zweiten Satzes verleiht dies eine große Übersichtlichkeit. Die (um einen Ganzton tiefer gestimmte) Solovioline, von Konzertmeister Matthias Wollong ebenso meisterhaft wie unaufdringlich gespielt, erweitert in dieser Lesart vor allem das Klangfarbenspektrum. Die plakative Überschrift des ‘Freund Hein spielt auf’, die Mahler-Deuter gerne über diesen Satz setzen, wird belanglos, angesichts der Deutlichkeit, mit der die vielfältigen harmonischen Bezüge hier transparent gemacht und dabei Haupt- und Nebenstimmen in Beziehung gesetzte werden. Das Adagio schließlich wird in seinen Variationsteilen konsequent, über am Rande des Hörbaren gespielte und dennoch voller Intensität steckende Pianissimo-Stellen, zu einem Höhepunkt geführt, der richtigerweise kurz vor Satzende mit deutlich als Soli wahrnehmbaren Pauken und Blech erreicht wird. Das hat vom ersten Takt an eine bezwingende Spannung.

Gattis Tempogestaltung mag eigenwillig sein, doch niemals ist sie willkürlich oder aufgesetzt. Das wird gerade im letzten Satz mit seiner strophischen Abfolge deutlich, der dem Hörer ja durch seine klaren Zäsuren und variierten Wiederholungen den Vergleich der einzelnen Abschnitte einfach macht. Ruth Ziesak singt hier mit ihrem kleinen Sopran voller Wärme vom ‘irdischen Leben’, fast schüchtern zunächst in den ersten, tiefer liegenden Strophen, dann mit strahlender Reinheit am Ende. Die knappen Zwischenspiele zwischen den Strophen haben in ihrer Attacke Schärfe und einmal mehr Präzision, mit hervorragenden Holzbläsern und detailgenau gesetzten Streichern. Der Schlusspunkt bleibt dem Klang selbst überlassen, der hier in den Harfenglissandi nochmals ins Endlose hinüberzuwachsen scheint. So kann man den Himmel musikalisch entdecken – in doppelter Bedeutung.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


6. Sinfoniekonzert - Strauss, Mahler: Sächsische Staatskapelle, Dirigent: D.Gatti

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Gustav Mahler, Richard Strauss

Mitwirkende: Daniele Gatti (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (5/2022) herunterladen (2400 KByte) Class aktuell (4/2021) herunterladen (7000 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich