> > > > > 07.04.2017
Donnerstag, 27. April 2017

NDR Elbphilharmonie Orchester, Copyright: Michael Zapf

NDR Elbphilharmonie Orchester, © Michael Zapf

Eschenbach dirigiert Mahler in Hamburg

Überwältigungen

Es geschah zu Beginn der Durchführung des Kopfsatzes: Als die Holzbläser Triller wie ein Spielmannszug von sich gaben, grundiert vom ‚schrubbenden’ Marschrhythmus in den Bässen, Trommel und Xylofon, und die Streicher in hoher Lage das ‚Alma-Thema’ weiterspannen, da rasteten alle Hebel ein und die geballte klangästhetische Kompetenz des NDR Elbphilharmonieorchesters trat hervor. Und mit ihr die stilistische Einzigartigkeit der Sinfonik Gustav Mahlers, geschult an dirigentischen Größen wie Klaus Tennstedt oder Alan Gilbert, und nicht zuletzt natürlich Christoph Eschenbach.

Gehört die Sechste Sinfonie in a-Moll für rund 110 Musiker zu den nicht ganz so häufig aufgeführten Mahler-Sinfonien, erstrahlte an diesem Abend im Großen Saal der Elbphilharmonie ihre instrumental-formale Pracht in aller Empfindsamkeit, expansiven Brutalität und Modernität. Das Optimum zwischen chaotischem Brodeln und interpretatorischer Kontrolle wurde ein ums andere Mal erreicht. Erst an solchen Abenden erscheint die Rede vom klingenden Universum der Sinfonik Mahlers zwingend. Nicht nur die drei Hammerschläge im Finale trafen dank der überdirekten Akustik der Elbphilharmonie in die Magengrube, auch das instrumentatorische Genie Mahlers entfaltete sich in unzähligen Farben. Der allgemein von der Kritik vorgebrachte Eindruck, dass die Elbphilharmonie genau für diese Klangspektakel in großer Besetzung gedacht ist, bestätigte sich hier ein weiteres Mal auf überwältigende Weise. Dementsprechend lautstark fiel am Ende der Applaus aus.

Dass Eschenbach ein Meister in der Herausarbeitung durchbrochener Arbeit ist, seine Expertise dazu in der Spätromantik liegt, macht ihn zum idealen Mahler-Exegeten. Und so hörte man viele Dinge, die ansonsten unter den Tisch fallen (auch wenn die Exposition im Kopfatz noch unter Warmspielen fiel. Die Pizzicati im zweiten Thema waren kaum zu vernehmen. Die Wiederholung fiel dann um einiges souveräner aus). Wie Eschenbach gegen Ende des 'Andante moderato' die sich hochschraubenden Hörner abdämpfte, nur damit die hohen Streicher sich im Anschluss mit subtilem Ritardando umso klarer aussingen konnten – das klang plötzlich wie das Streichervorpiel von 'Im Abendrot', das Richard Strauss erst rund 40 Jahre später komponierte. Man konnte förmlich hören, wie auf der Alm die Sonne durch die Wolken brach, um die orchestrale Szene in Licht zu fluten. Daneben wurden Epsioden wie das wunderbar ‚schiefe’ Duett zwischen Solo-Violine und Solo-Horn kurz vor dem ersten Einsatz der Herdenglocken im Kopfsatz mustergültig ausgeführt. Es verwunderte darum nicht, dass die erste Hornistin Claudia Strenkert am Ende den lautesten Applaus bekam, auch wenn es in der Sechsten so viele Instrumentalsoli gibt (auch die erste Oboe stach ein ums andere Mal mit Glanzleistungen hervor), dass die Grenze zwischen Solo und Gruppe häufiger verschwimmt.

Mehr unter ferner liefen fiel in der ersten Hälfte das am Abend zuvor uraufgeführte 'Shirim' für Bariton und Orchester von Matthias Pintscher, ein Auftragswerk für die Elbphilharmonie. Zwar deklamierte Bo Skovhus mit seinem mächtigen Bariton den hebräischen Text der ersten zwei Kapitel des ‚Hohelieds‘ Salomons eindrucksvoll. Auch das Orchester unter Eschenbach wirkte höchst wach. Gleichwohl festigte sich während der Aufführung der Eindruck, dass sich das 30 Minuten lange Werk unter Einsatz von Stereotypen Neuer Musik mehr oder weniger am Text entlang hangelt, trotz schicker Koloraturen und Messa di voce. Dass es sich bei der Vorlage um einen hoch sinnlichen, ja erotischen Text handelt, der gleichzeitig natürlich ein religiöser ist, schlug sich in der Musik zudem nicht wirklich hörbar nieder. Trotz Anwesenheit des Komponisten war der Publikumsapplaus daher eher höflich.  

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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NDR Elbphilharmonie Orchester: Pintscher: Uraufführung / Mahler: 6. Sinfonie

Ort: Elbphilharmonie,

Werke von: Gustav Mahler, Matthias Pintscher

Mitwirkende: Christoph Eschenbach (Dirigent), NDR Elbphilharmonieorchester (Orchester)

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