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Mittwoch, 28. Juni 2017

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SWR Symphonieorchester Dirigent: Christoph Eschenbach, Copyright: © SWR/Markus Palmer

SWR Symphonieorchester Dirigent: Christoph Eschenbach, © © SWR/Markus Palmer

Barto, Eschenbach und das SWR Symphonieorchester

Wilde Kombination

Das fünfte Abokonzert des SWR Symphonieorchesters im Freiburger Konzerthaus bot eine wahrlich wilde Mischung – und das in vielerlei Hinsicht. Da war zum einen das Programm, bestehend aus Werken von Mozart, Rihm, Strauss und Beethoven; der Großteil – bis auf den Beethoven nach der Pause – bestand aus Werken für Klavier und Orchester, durchaus ungewöhnlich für ein Sinfoniekonzert. Aber an den Tasten saß auch niemand Geringerer als der "Artist in residence" dieser Saison, der US-amerikanische Pianist Tzimon Barto. Dieser polarisierende Künstler ist selbst eine wilde Mischung: Seinem muskelgestählten Äußeren stehen eine verblüffend klangfarbensinnliche Zartheit des Anschlags und eine hohe Kunst der Artikulationsdifferenzierung gegenüber. Um die wilde Mischung allerdings auf die Spitze zu treiben, entschieden sich Barto sowie Christoph Eschenbach am Pult des SWR Symphonieorchesters, die musikalischen Charaktere bis in die Extreme auszureizen.

Voran wälzender Strom

Das war in dem Eingangsstück, Wolfgang Rihms Klavierkonzert Nr. 2 (2014) noch nicht so offenkundig. Das Werk trägt heftige Kontraste schon in sich, da fällt die Erkundung von Extrempositionen nicht sehr auf. Anfangs zeigte sich das Klavier eingewoben in die orchestrale Textur, machte sich kaum solistisch bemerkbar, doch allmählich gewann es an Individualität, und es entspann sich ein konzertantes Interagieren, das die Möglichkeiten des Mit- und Gegeneinanders erkundete. Immer wieder entfacht Rihm Mahler’sche Größe in Aufschwüngen und Abgründen, stellenweise gerät die Musik in einen sich langsam, aber unwiderstehlich voran wälzenden Strom, als blicke hier und da Einojuhani Rautavaara durch die Fluten. Und doch trägt das alles in manchen Berg-Anlängen, den suggestiven Momenten klanglicher Entladung oder höchster Klangsinnlichkeit im Nachlauschen von Dreiklangsverschiebungen im Pianissimo eindeutig erkennbar die Handschrift von Wolfgang Rihm. Barto, der sogar noch Zeit fand, seine Notenblätter selbst umzuwenden, erwies sich als formidabler Interpret, indem er das Gestische hervorhob und den einzelnen Charakteren plastische Gestalt verlieh. Zusammen mit dem famos agierenden SWR Symphonieorchester, das sich unter Anleitung von Eschenbach kopfüber in jeden Schrund stürzte und auch den effektvollen Pianissimo-Klängen sehrende Intensität verlieh, gelang eine Darstellung, die keine Wünsche offen ließ. Die Extreme, die wilde Mischung – hier war sie am rechten Platze und wurden mit Hochspannung erfüllt.

Eigenmächtigkeiten

Mozarts recht selten zu hörendem Rondo A-Dur für Klavier und Orchester KV 386 bekam diese Lesart weit weniger gut. Freilich, man kann Bartos minutiöse Formung jeder Phrase, ja fast jedes Einzeltons bewundern, seinen Mut, jeder Note eine eigene Färbung abzulauschen und manches aus dem fließenden Strom herauszuheben, um es mal von dieser, mal von jener Seite zu betrachten. Doch wirken derlei Eigenmächtigkeiten auf die Dauer recht manieriert. Mozart so anzugehen, als sei er Debussy, gewinnt der Musik zwar eine eigene Deutung ab. Aber es wird die galante Beschwingtheit der rhythmisierten Melodie, die freie Bewegung und vor allem das Schlichte erdrückt: Mozart, umnebelt von schwerem Parfum. Wobei das Orchester diese spätromantische Deutung mit erlesener Klangkultur unterstützte.

Kraftstrotzend

Auch in der Burleske für Klavier und Orchester von Richard Strauss ging es wild zu. Dieses feurige Werk des adoleszenten Strauss hat einiges zu bieten, angefangen bei einem Paukensolo, das an Graupner oder Druschetzky erinnert, über einen fordernden, zum Teil donnernden Solopart fürs Klavier bis hin zu unterschiedlichsten musikalischen Idiomen, in denen schon versammelt scheint, was Strauss später erst entfaltete und zu voller Blüte brachte: hier ein wenig 'Rosenkavalier', dort ein wenig 'Heldenleben', um die Ecke schaut 'Till Eulenspiegel', ach, und dort reckt 'Don Juan' den Kopf empor … Barto und Eschenbach setzten auf Extreme. Der kraftstrotzenden Virtuosität wurde Barto hochenergisch vollauf gerecht (wobei man auf sein mit der Zeit wirklich störendes Luftausstoßen gerne verzichtet hätte), und wie von ihm zu erwarten, nahm er sich für die lyrisch-innigen Passagen sehr, sehr viel Zeit und kostete das Kantable bis zum Letzten aus, bis zum Übertritt ins Sentimentale. Ebenso das SWR Symphonieorchester, das sich unter Eschenbachs Leitung zu gesammelter Energie zusammenfand, stellenweise wie entfesselt dahin jagte und das Burleske deutlich in Richtung des Dämonischen verschob – man musste nur mal hören, wie gewaltig Eschenbach gerade die tiefen Hörner an den Höhepunkten das Klangfarbenbild bestimmen ließ. In den lakonischen Schlussgesten reichten sich Anfang und Ende des ersten Konzertteils, Rihm und Strauss, die Hand – ebenso wie am Ende des ausgedehnten ersten Teils Eschenbach und Barto, zwei Musiker, die sich offensichtlich bestens verstehen und mit ihrer Ausdrucksintensität für sich einnehmen können.

Expressionistisch

Trotz fehlender Beteiligung von Tzimon Barto blieb es auch in der zweiten Hälfte mit Beethoven Achter Sinfonie wild und dämonisch. Eschenbach heizte dem Orchester mit groß auffahrenden Gesten ein und bekam sein Engagement mit einer kantigen, scharfen, in Teilen beinahe expressionistischen Beethoven-Deutung belohnt. Das Orchester spielte straff zupackend, mit Biss und höchster Spannung – und gab sich den von Eschenbach geforderten Ausdrucksextremen willentlich hin. Es erwies sich als glänzende Entscheidung, hier Naturtrompeten einzusetzen, um das Klangbild zu schärfen. Eschenbachs Zugang, der sich in die Interpretationsgeschichte der Beethoven-Sinfonien gar nicht so richtig einordnen lässt – am ehesten vielleicht als Beethoven mit dem Wissen um Mahlers Abgründe –, unterstützte der scharfe Klang aufs Trefflichste. Zum Schluss lang anhaltender Beifall für einen Dirigenten, der für das fusionierte Orchester momentan offenbar der richtige ist.

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Kritik von Dr. Tobias Pfleger

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Freiburger Abo-Konzert 5: SWR Symphonieorchester

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Wolfgang Rihm, Richard Strauss

Mitwirkende: Christoph Eschenbach (Dirigent), SWR Symphonie Orchester (Orchester), Tzimon Barto (Solist Instr.)

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