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Montag, 23. September 2019

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Szenenfoto, Copyright: Forster

Szenenfoto, © Forster

Verdis 'Otello' an der Semperoper Dresden

Bilder von vor einem Jahr

Vincent Boussards 'Otello'-Inszenierung von den Salzburger Osterfestspielen aus dem letzten Jahr erfuhr nun ihre Premiere in Dresden. Wie Dramaturg Stefan Ulrich in der Einführung erklärte, wurden einige Änderungen vorgenommen, um das Bühnenbild (Vincent Lemaire) an die neuen Raumverhältnisse und die Kostüme (Christian Lacroix) an die teils neuen Größenverhältnisse der Darsteller anzupassen. Die große Mehrheit der Mitwirkenden war indes bei der äußerst gemischt aufgenommenen eigentlichen Premiere im letzten Jahr bereits dabei, schließlich war die Kooperation mit der Semperoper von Anfang an geplant. Die wesentliche Änderung bestand nun in der Neubesetzung von Otello und Jago. In Salzburg gab es für beide kurzfristige Einspringer, und so wollte man diesmal auf Nummer sicher gehen und engagierte ganz neu. Auch soll wohl ein inszenatorischer Feinschliff durch das Regieteam erfolgt sein.

Mehr Bilder als Taten

Zur Salzburger Premiere vor einem knappen Jahr gab so gegensätzliche Urteile wie selten, eine Zusammenschau der kritischen Stimmen zeigt das überdeutlich. Was sich herauslesen lässt und nach der Dresdner Premiere feststeht: Bildsprache ist zweifellos Boussards Steckenpferd. Teilweise funktioniert die ansonsten sehr starke Reduktion auch, wenn z. B. die Musik schon so viel macht, dass großer Tumult auf der Bühne alles nur ins Lächerliche ziehen würde. Trotzdem ist besonders in der ersten Hälfte einfach zu wenig inszeniert im Sinne von Personenführung und origineller Aktion auf der Bühne. Hervorzuheben ist die technisch versierte Verwendung des Lichtes: durch einen Rahmen am Bühnentor, der Richtung Zuschauersaal blendet, ohne dabei zu stören, werden die Darstellenden nur allmählich sichtbar und der eigentliche Auftritt bleibt im Dunkeln.

Und doch schon früh ein paar Perlen

Raffiniert erfolgt ein Umbau während des Zwischenspiels bei geschlossenem Vorhang. Das Bild zum Liebesduett, welches den ersten Akt beschließt, ist beeindruckend gelungen. Ein durch Spiegel reflektiertes Sternenmeer lässt die räumliche Orientierung verlieren. Man wähnt sich schon beinahe in Tristans Liebesnacht, gerade wegen Thielemann am Pult und Stephen Gould auf der Bühne. Der macht seine Arbeit übrigens ausgesprochen gut! Nachdem er sich in den ersten Phrasen warmgesungen hat, zeigt der amerikanische Heldentenor – aktuell einer der angesagtesten Wagnersänger überhaupt – eine kraftstrotzende und sich über all das andere Tönen erhebende Stimme. Das macht ihm bei dieser Partie kaum jemand nach.

Ausgewogener Facettenreichtum

Überlasten muss sich sowieso keiner, denn die Staatskapelle Dresden balanciert unter Thielemanns Führung hervorragend mit Soli und Chor, wodurch auch eine durchdachte und für diese Musik so wichtige dynamische Schattierung möglich wird. Nicht umsonst hat Verdi in der Partitur bis zu sechsfaches Pianississimo gesetzt; er wusste, dass sich ohne Übersteigerung niemand daran halten wird. Lautheit lebt vom Kontrast. Die immer wieder neu beeindruckende Akustik des Saals lässt außerdem eine bestechend klare Differenzierung im Orchester zu. Verdis Schwung ist im 'Otello' ohnehin rar, aber wo man ihn hätte entfachen können, hätte Thielemann noch etwas mehr zulassen können.

Die Alten und die Neuen

Vor nicht einmal zwei Wochen wurde Dorothea Röschmann mit dem Grammy ausgezeichnet; mag sein, dass ihr das Selbstbewusstsein gegeben hat. In jedem Fall ist sie professionell genug, um nach sogar einigen Buhs in Salzburg bei dieser Premiere eine mitreißende und auf sämtlichen Ebenen überzeugende Leistung zu liefern. Stets bleibt sie dem Gedanken der Musik treu, bringt aber gleichzeitig eine prägnante eigene Note hinein. Andrzej Dobber als Jago, in Dresden neu dabei, bewältigt die in vielerlei Hinsicht teuflische Partie wacker, haushaltet gut, muss allerdings auch gerade am Anfang bei den Höhen tricksen, um im späteren Verlauf noch die ganz große Dramatik aufzufahren. Den diabolischen Gestus vermittelt er ohne unnötige Übertreibungen. Robin Yujoong Kim tut sich in der Rolle des Rodrigo leider oft schwer, durchzukommen. Cassio wird von Antonio Polli mit anmutigem Tenor gegeben, Montano mit sattem Bass von Martin-Jan Njihof, Emilia mit tragfähigem Legato von Christa Mayer und Lodovico von Georg Zeppenfeld, der ja ohnehin bei jedem seiner Auftritte ein reinster Ohrenschmaus ist. Die umfangreichen Chöre wurden ebenso imposant gemeistert, dem Kinderchor gelang eine lupenreine Intonation.

Stützhilfen zur Deutung

In Einführung und Programmheft macht es Dramaturg Ulrich klar: Es geht um den Konflikt zwischen dem alten (religiösen) Wertesystem Otellos und dem (gottlosen) postmoralischen Handeln Jagos. Behält man dieses Deutungsmodell im Hinterkopf, kann man so einiges finden: das anfangs besungene bald erlöschende Feuer als (ewiges) Licht, im dirtten Akt zu Kerzen domestiziert auf dem Tisch; der wiederum erinnert stark an die Tafel des letzten Abendmahls, und hier wirft Otello Desdemona Verrat vor; die Kinderchor-Ministranten, welche ihr mit Tüchern einen Wink zur Vorsicht geben; schließlich der allmähliche Niedergang des von der Regie hinzugefügten Engels (Sofia Pintzou); er wird von Jago misshandelt, fängt später sogar Flammen, kauert niedergeschlagen am Boden und stirbt schließlich mit Otello. Dieser bringt zuvor Desdemona mit einem etwas unbeholfenen Umarmungswürgegriff um, der seine Aussage nicht verfehlt. Herausgearbeitet wird der Zusammenbruch des religiös-normativen Wertesystems, wie er sich genau zur Entstehung des Werks im späten 19. Jahrhunderts und dem anschließenden Fin de siècle abspielte. Metaphorisch gesagt zeigt die Inszenierung, wie Gott stirbt. Ein eigentlich kluger Ansatz, der auch mit technischen Raffinessen umgesetzt wurde. Aber auf der Bühne stehen eben auch lebendige Menschen, und die kommen zu kurz.

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Kritik von Theo Hoflich

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Otello: Lyrisches Drama in vier Akten von G. Verdi

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Christian Thielemann (Dirigent), Vincent Boussard (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Martin-Jan Nijhof (Solist Gesang), Georg Zeppenfeld (Solist Gesang), Dorothea Röschmann (Solist Gesang), Andrzej Dobber (Solist Gesang), Stephen Gould (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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