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Freitag, 24. Februar 2017

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Solist Bassam Mussad spielte Haydns Konzert für Trompete und Orchester Es-Dur, Copyright: Susanne Diesner

Solist Bassam Mussad spielte Haydns Konzert für Trompete und Orchester Es-Dur, © Susanne Diesner

Adám Fischer setzt Düsseldorfer Mahler-Zyklus fort

Titanendämmerung

Seit 2015 hat Düsseldorf erstmals seit Rafael Früheck de Burgos (1966-1971) wieder einen ‚Principal Conductor‘ (so heißt inzwischen dort der Generalmusikdirektor), welcher in der ersten internationalen Liga spielt. Das ist so, als würde Niko Kovač nicht Eintracht Frankfurt, sondern die Düsseldorfer Fortuna trainieren: Adám Fischer wurde in der Wiener Meisterklasse von Hans Swarowsky geschliffen und hat einst verschiedene Bundesliga-Posten als Nachwuchsstar (Karlsruhe, München) und als verantwortlicher Spielmacher durchlaufen (GMD in Freiburg, Kassel und zuletzt Mannheim bis 2005), international von den renommiertesten Adressen eingeladen und mit der selbstgegründeten Österreichisch-Ungarischen Haydn-Philharmonie in Eisenstadt und dem seit 1999 geführten Dänischen Rundfunk- bzw. jetzt National-Kammerorchester auf dem Tonträgermarkt höchst erfolgreich. Wie Niko Kovač (und der aktuelle Fortuna-Trainer Friedhelm Funkel) hat er auch einen ähnlich bekannten Bruder im gleichen Metier: Iván Fischer, zwei Jahre jünger und auch aus der Swarowsky-Schmiede, hat mit ‚seinem‘ Budapest Festival Orchestra bereits einige Mahler-Symphonien vorgelegt (beim Label Channel Classics), und Adám hat sich jetzt den aktuell wohl beliebtesten Symphoniekomponisten als Komplett-Projekt für Düsseldorf vorgenommen, jede Spielzeit mindestens eine Symphonie (was etwas über langfristigere Vertragsabsichten aussagt). Mahlers Siebte Symphonie ist vor einigen Monaten auf dem Label CAvi-music als Beginn einer CD-Reihe veröffentlicht worden, was dem Orchester – wiederum erstmals seit Frühbeck de Burgos‘ und Bernhard Klees Zeiten vor etwa 40 Jahren mit Chorsymphonik der Düsseldorfer Lokalheroen Mendelssohn und Schumann für EMI – auch wieder international auffälligere Tonträger-Präsenz verschafft. Die Zeichen weisen also auf eine neue musikalische Glanzzeit der altersmäßig homogen und im Bläserbereich sogar qualitativ herausragend besetzten Orchesterformation, wie die im November 2015 ebenfalls auf der Basis dreier mitgeschnittener Abonnementskonzerte erstellte CD mit der Siebten unterstreicht.

Haydn und Gershwin als Einstimmung

Mit Bassam Mussad wurde im ersten Programmteil sogleich auch eine dieser exzellenten Haus-Bläserkräfte als Solist in Haydns Trompetenkonzert präsentiert. Adám Fischer ist ja nach einer Gesamtaufnahme aus Eisenstadt als Haydn-Spezialist etabliert, dirigierte einen flott leichtlaufenden, in den Rahmensätzen rhythmisch federnd zugespitzten Orchesterpart, über den sich Mussads selbstbewusster Trompetenton souverän erhob. Mussad, aus Ägypten stammend in den USA ausgebildet und von Daniel Barenboim über das West Eastern Divan Orchestra und die Orchesterakademie der Berliner Staatsoper bis an die Mailänder Scala verpflichtet, begeisterte nicht zuletzt durch sein überaus kontrastreiches Forte- und Piano-Spiel, letzteres kantabel wie ein Gesangssolist im zentralen 'Andante', aber auch an den entsprechenden Stellen etwa des locker schwingenden Final-Rondos. Die Streicherbesetzung mit 28 Köpfen (sieben erste und zweite Violinen) wurde zwar von Fischer auf historisch angemessene ‚größere‘ Kammerorchestergröße reduziert, angesichts der recht kompakten Klangverhältnisse in der Düssldorfer Tonhalle (gerade auch im zentralen Parkett) wären vieleicht zwei bis drei Erste Violinen mehr doch akustisch angemessener gewesen, um der solistischen Strahlkraft (eines historischen Es-Trompeten-Nachbaus mit ‚deutscher‘ Ventiltechnik) noch mehr Unterbau zu verleihen. Einen solchen Unterbau lieferte dann sehr schön der erste Kontrabassist des Orchesters, Wlodzimierz Gula, als stilistisch höchst fundiert swingende Base zu Bassam Mussads ernster, versonnener Jazz-Zugabe: Gershwins 'Embraceable you' (zu Mussads Geschichte passend aus dem Musical 'East is West' von 1928) stimmte qua ‚walking bass‘ auf bestimmte Weise – wie solistisch raffiniert schon eine kleine Reminiszenz in der Solo-Kadenz bei Haydn – auf Mahlers akustisch fast szenisch inszenierten Morgenspaziergang im Kopfsatz seiner Ersten Symphonie ein.

Ging heut‘ morgen über‘s Feld

Adám Fischer führte sein Düsseldorfer Publikum an diesem Sonntagmorgen keineswegs über eine gemütliche Mahler-Route, in einen jener zuletzt von Valery Gergiev oder Yanick Nézet-Seguin (u.a. in der Kölner Philharmonie) eher versöhnlich, ja weichgespülten Durchgänge des Mahler-typischen Klang-Kosmos mit seinen durchaus recht grellen Stationen. Die Symphoniker boten dank Krawattenfreiheit der Herren – einer bunten Farb- und Muster-Schau aus geschätzt vier Jahrzehnten, welche die eher dezenten Damenmoden ergänzte – zwar ein freundliches Gruppenbild, aber in allen Sätzen kaum eine klangliche Komfort-Zone: Bereits das regelmäßig flirrende Streicher-Flageolet, bereits Vorbote diverser filmmusikalisch stechender Sonnenlichtvisionen, erhielt durch die im Saal gut vernehmbaren schleifenden Produktionsgeräusche bereits einen spannenden rauheren Nebenton: Ein fein geschliffener oder voluminös-satter ‚Wiener‘ Streicherton ist wahrlich keine unabdingbare Voraussetzung, um die in allen Sätzen forcierten Übungen gerade des dramatisch ungeheuer präsenten Violinen-Chors ausdrucksvoll zu machen.

Fischer führte das vor allem in der kraftvoll gespielten Volkstanz-Burleske des zweiten Satzes vor, immer zu Höchstdruck auf die Saiten animierend, dem vor allem die kämpferischen Cellisten engagiert nachkamen. Die Geigen der Düsseldorfer Symphoniker wirken hingegen, verglichen zu den sportlichen Darbietungen vieler anderer Orchester, zumeist fast etwas zu ruhig, diszipliniert, aber auch etwas zu distanziert; voll, satt und warm wurde ihr Ton so richtig erst im Finalsatz, aber das gehört wohl auch zum ästhetischen Kalkül des Dirigenten, der höchst ökonomisch Zeichen gibt und im Vertrauen auf den selbstverständlichen Fluss der Musiker den Takt nicht immer durchschlägt (kleine Asynchronitäten im Strich der Violinen sind bei Höchsttempo dann doch die Folge). Fischer präsentiert flotte Tempi und unbeirrbare Großrhythmen ohne Sehnsucht nach agogisch extremen Brems- und Beschleunigungspassagen, einen ‚sachlichen‘ Mahler mit Blick eher auf die spieltechnische Klangfakturen als extreme emotionale Ausdruckstexturen. Darin ähnelt er dem ‚audiophilen‘ Zuschnitt Mahlers in der fast militärisch organisierten Glanzwelt seines älteren Landsmanns Georg Solti mit dem Chicago Symphony Orcehstra, Gegenentwurf etwa zu Leonards Bernsteins exaltierter Leidenschaft mit ihrer Dehnbarkeit der Tempi.

Fischer nutzt allerdings auch konsequent – vor allem im mitreißend gespielten Finale – die Größe des Düsseldorfer Bläsertons, die glänzenden Hörner-Jubilen, den inneren Kampfgeist, der bereits im Kopf- und im Tanzsatz die durchgehend heftig geforderten Streicher auszeichnet (und das nötige Nachstimmen vor dem Trauermarsch verständlich macht). Und er zeigt die selbstsicher hervortretenden Solisten in der Totenmarsch-Kapelle des dritten Satzes, angefangen wieder bei Gulas Solo-Kontrabass über die im ungarischen Csárdás ganz idiomatischen Klarinetten bis hin zum Fagott-Solo als schönem Momentum der vielen feinen Final-Übergänge, wo die wiederkehrende Erinnerung an das schleifende Frühlingserwachen des Kopfsatzes kurzzeitig doch die letzten Huster im Publikum bannt. Dass einzelne Zuhörer schon während der Vorstellung den Saal flohen, kann nicht an der immer spannenden musikalischen Reise durch Mahlers in Musik gebaute ‚Welt‘ gelegen haben (vielleicht schon eher an der rheinischen Grippewelle und Sascha Maxims unnütz-befremdenden Blicken im Programmheft auf andere Weltenbauer von Ludwig dem XIV. bis Ikea: in gezwungenem Kom(m)ödchen-Ton nicht immer witzig). Fluchtverhalten, von der bemerkenswerten Gesamtleistung her gänzlich unangemessen, zeigt aber auch der bescheiden-scheue Chefdirigent, der immer wieder nach kurzer Applauszeit mit kleinem Diener vor dem Orchester durch die Streicherreihen davonhuscht, die langen Ovationen fast verlegen quittierend. Das macht eine solche Vorstellung, die Mahlers Symphonien in ihrer überwältigenden Größe des orchestralen Ausdrucks und Eindrucks aktuell ganz zeituntypisch ihre performativen Härten und Schwierigkeiten belässt, doppelt sympathisch. Mahlers ironisch-titanisches Ringen (im Geiste Jean Pauls) bekommt durch ihn wohl weiterhin konsequent einen klassischen ‚apollinischen‘ Gegenpol verordnet: Im März wird Fischer – seines jüngst verstorbenen Kollegen und Bruders im Klanggeiste, Sir Neville Marriner gedenkend – mit einem reinen Mozart-Programm wiederkehren.

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Kritik von Dr. Hartmut Hein

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Mahler-Zyklus Adam Fischer: Düsseldorfer Symphoniker im Konzert

Ort: Tonhalle Düsseldorf,

Werke von: Gustav Mahler, Joseph Haydn

Mitwirkende: Adam Fischer (Dirigent), Düsseldorfer Symphoniker (Orchester)

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