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Donnerstag, 21. September 2017

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Der Kabarettist Christian Ehring moderiert fünf Mal pro Spielzeit seine Reihe "Ehring geht ins Konze, Copyright: Susanne Diesner

Der Kabarettist Christian Ehring moderiert fünf Mal pro Spielzeit seine Reihe "Ehring geht ins Konze, © Susanne Diesner

Christian Ehring geht in Düsseldorf ins Konzert

US-Klassiker nebst Tagespolitik

Auch in der Düsseldorfer Tonhalle gibt es betreutes Hören für alle Altersklassen. Das im alltäglichen Polit-Diskurs stehende Publikum kann einen der aktuell beliebtesten Kabarett- bzw. Comedy-Stars – die Grenze ist ja fließend - sogar im Abo buchen: Viermal geht Christian Ehring, einst Inventar des Düsseldorfer Kom(m)ödchens, aktuell Sideman der Heute-Show und als EXTRA3-Moderator Kult, diese Konzertsaison in die Tonhalle ins Konzert. Und den gestandenen Kabarett-Liebhabern tut ein Abo inzwischen not, denn ausverkauft war es, so beliebt ist die seit 2015 gepflegte Reihe mit thematischen Konzerten am Sonntagnachmittag um halb fünf.

Und natürlich freute sich Ehring diesmal über das "prophetische Geschick" der Programmplaner, denn in Woche 2 der Ära Trump in den USA bot ein Programm mit symphonisch-konzertanten Klassikern US-amerikanischer Komponisten einen idealen Aufhänger. Wobei es sich ja keineswegs um Randrepertoire handelt: Schon beim Thema aktuelle Präsidenten-Erlasse dieser Woche - Ehring fragte im Kern zurecht, warum das Einreiseverbot aus gewissen islamischen Staaten nicht auf Saudi-Arabien ausgedehnt wurde - hätte Barbers ultimativ trauriges "Adagio für Tränen" (Ehring) verdient gehabt, womöglich passender als die Anmoderation zum "Gemütsmenschen" Martin Schulz, dem die ironisch-ruckelige Ragtime-Rumba der "Jazz Symphony" von George Antheil (1900-1959) möglicherweise besser zugestanden hätte als Barbers vietnamkriegsfilmerprobte Streicher-Elegie.

Zu "Bad Boy of Music" Antheil hatte dann Dirigent Jesko Sirvend als Ehrings Gesprächspartner ebenso unterhaltsam tatsächlich Werkbezogenes zu sagen, indem er zwar auf die gespielte, 1955 gewissermaßen bürgerlich bereinigte Spätfassung des Stücks hinwies, aber auf die radikaler bruitistische Frühfassung von 1925 (u.a. mit drei Klavieren) neugierig machte und deren Verbindung über Bandleader Paul Whiteman zur von diesem in seinen "Experiment in modern music"-Konzerten etwas früher popularisierten 'Rhapsodie in blue' herstellte (charmanterweise betreut Sirvend ja auch die ausgezeichneten "cross-medialen" Düsseldorfer Jugendkonzerte unter dem Titel #IGNITION). Zwei starke Moderatoren also, bewundernswert Ehrings Geschick, den nicht immer gegebenen Bogen zwischen Heute-Schau und Musik-Show der Düsseldorfer Symphoniker dennoch irgendwie zu errichten: Das Publikum im vollen Hallen-Rund nahm grundsätzlich alles gerne und begeistert wahr, auch die Frage, ob neben deutschen Autos nun auch Brahms- und Beethoven-Exporten Strafzölle drohen und der heutige Import - Gershwin ist sicher für viele attraktiver als ein Cadillac - das bereits zum Teil ausgleicht. Intellektuelle und ästhetische Reize Hand in Hand.

Heute-Show trifft US-Klassik-Hits

Bemerkenswert zuallererst ist, über welch hervorragende Bläser das Düsseldorfer Tonhallen-Orchester verfügt: Nicole Schrumpf startete mit Aaron Coplands Klarinetten-Konzert (entstanden 1947 bis 1949) ganz engagiert und in Spiel, Bewegung und Ausdruck überzeugend. Die Streicher des Orchesters durften ihre Kantilenen im ersten Satz bereits quasi Barber-elegisch einbetten, flankiert von Harfenklängen. In den Bann ziehend dann Schrumpfs körperlich vermitteltes Spiel in der zentralen Solo-Kadenz, der Orchester-Einstieg in den rhythmisch vertackteren "Jazz"-Finalsatz - Benny Goodman spielte 1950 die Premiere - geriet dann allerdings zunächst etwas holprig: verunsichert das Hervortreten der Kontrabässe, die Streicher bis auf den agilen Konzertmeister noch etwas lethargisch wie im ruhigen ersten Teil, aber zunehmend von Dirigent und vor allem Solistin zum "Mitswingen" animiert.

Im zweiten Copland-Werk zu Beginn der zweiten Konzerthälfte bliesen Alan Lee Kirkendale (Trompete) und Manfred Hoth (Englisschhorn) in der pastoralen 'Quiet City' schöne, von den Streichern nun wieder sanft gebettete Wechsel-Dialoge, interpretatorisch vielleicht der überzeugendste Beitrag des Abends. Denn Barbers allbekanntes 'Adagio for Strings' zeigte leider auch die Schwächen dieser Formation: Gerade die dramaturgisch so eindrucksvollen Brüche, die vielsagenden Pausen im Streicherströmen gerieten im mehr oder minder plötzlichen Absetzen nicht homogen, unorganisch, obwohl die bekannten Effekte der Streichorchesterfassung gegenüber dem Streichquartett-Original ausgespielt wurden: Der dynamischen Klimax hin zum füllig-schmerzhaften Streichersound blieben Dirigent und Musiker nichts schuldig, der recht kompakte und mitunter problematische Mischklang der Tonhalle kam dem Gesamteindruck hier einmal zusätzlich zugute.

Weniger allerdings der 'Rhapsody in blue' als vermeintlichem Höhepunkt und Rausschmeißer des Programms: Das Klavier war sechs Reihen vom Podium entfernt im vollen Orchesterklang kaum mehr wahrzunehmen. Die wiederum herausragenden Bläser - dankbar die erste Klarinette und die schon bei Antheil wunderbar gedämpfte Trompete - spielten ihre Melodien ganz eindringlich mit einem Legato, das dem Vortrag der Koreanerin Sukyeun Kim in allen kantableren Solo-Passagen fast völlig fehlte. Kim pflegte eher durchgängig ein perlendes, aber auch etwas substanzloses Non-Legato bis Staccato, das dem Perkussiven eher gerecht wurde. Im gemeinsamen Spiel hörte sie nicht immer auf das von Jesko Sirvend einfühlsam und grundsätzlich rücksichtsvoll geleitete Orchester: Im Zupacken ergaben sich mitunter merkwürdige rhythmische Akzentverschiebungen und leichte, eher Insidern auffällige Fehlgriffe und insgesamt ein eher wenig auratischer und überzeugender Vortrag. Vereinzelte, verwundernde Bravo-Rufe. Diese und anhaltender Applaus hoffentlich zu Ehren des in anspruchsvollem Programm mit wahrscheinlich nur wenig Probenzeit überwiegend überzeugenden Orchesters (dessen Haus-Pianistin bei Copland und Antheil mehr Eindruck hinterließ). Und Ehring hat das alles offenbar auch sehr gerne gehört, oft mit einem Schmunzeln, und wird sicherlich im Mai zum Thema "Unendliche Geschichten" mit genügend Trump-Stoff wiederkommen.

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Kritik von Dr. Hartmut Hein

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Ehring geht ins Konzert: Swingende Logik

Ort: Tonhalle Düsseldorf,

Werke von: George Antheil, Aaron Copland, Samuel Barber

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