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Dienstag, 20. August 2019

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Das Lied von der Erde, Ballett von John Neumeier, Copyright: Kiran West

Das Lied von der Erde, Ballett von John Neumeier, © Kiran West

Neumeier vertanzt 'Das Lied von der Erde'

Der lange Abschied

John Neumeier und Gustav Mahler sind schon lange viel mehr als nur gute Bekannte. Insgesamt 15 Ballette hat der Ballettintendant und Chefchoreograf des Hamburg Balletts zur Musik von Mahler, der vor über 100 Jahren an gleicher Stelle als Kapellmeister wirkte, nun schon geschaffen. Passend zur allgegenwärtigen Abschiedsthematik in 'Das Lied von der Erde' soll Neumeiers Ballett zu Mahlers Liedsinfonie nun auch der "Abschluss eines Zyklus" sein, der 1974 seinen Anfang nahm. Auch auf der Bühne stehen die Zeichen schon im Prolog auf Abschied: Die drei namenlosen Hauptfiguren (Hélène Bouchet, Alexandr Trusch, Karen Azatyan) tanzen teils unbegleitet, teils zu Auschnitten aus dem Klavierauszug des letzten Satzes 'Der Abschied'. Insbesondere die kreisförmige Anfangsfigur dieses Satzes ('Ewig ... Ewig ...'), wie sie später im Orchester dann zuerst in der Oboe erklingen wird, hört man hier häufig. Der Kreis sowohl der losen Handlung als auch der Musik wird hier also mit dem Ende eröffnet - und führt dann naturgemäß am Schluss auch wieder dorthin zurück. Der Zyklus kommt also gleich in dreifacher Weise zum Abschlus. Da bei Mahler das Hineingehen in den Tod aber auch den Übergang in die Ewigkeit bedeutet, gerät nichts wirklich zum Abschluss. In der Scherenschnittbeleuchtung des Schlusses (Neumeier zeichnet für sämtliche Elemente der Aufführung verantwortlich, also auch für Bühnenbild, Licht und Kostüme) bewegt sich das Ensemble in Zeitlupe ewig weiter, und wie zur Verdeutlichung wiederholen auch Hélène Bouchet und Alexandr Trusch ihre letzte gemeinsame Bewegung noch einmal.

Lassen sich während der sechs Sätze, die bekanntlich Vertonungen von sechs Gedichten aus Hans Bethges Sammlung "Die Chinesische Flöte" sind, die bekannten Gesten und Figuren aus Neumeiers Bewegungsrepertoire beobachten, entsteht doch auch wieder der Eindruck einer ganz originären Choreographie, die längst nicht nur abstrakt ist, sondern sich ab und zu ganz direkt am Text orientiert. So sinkt das Ensemble im 'Trinklied' bei "Dunkel ist das Leben, ist der Tod" schon mal zu Boden, im zweiten Satz dringt bei "Sonne der Liebe" ein Lichtstrahl von oben durch, der das tanzende Paar bestrahlt. In 'Von der Jugend' tragen die mit asiatisch angehauchten Kostümen bekleideten Tänzer Teeschalen (aus Porzellan?) und in 'Von der Schönheit' springen wie aufs Stichwort die "schöne[n] Knaben" herbei. Von einem reinen Handlungsballett ist man jedoch weit entfernt, auch wenn sich die von Alexandr Trusch verkörperte Figur durchaus als Held bezeichnen ließe, der mal als Beobachter, mal als aktiver Gestalter das Leben erlebt. Diese gelegentliche Erdung auf das allgemein Verständliche hin tut dem Ballett jedoch nur gut. Hat man es doch mit der getanzten Version einer Liedsinfonie zu tun, die auch noch live aufgeführt wird.

Mit Orchestermusik, Gesang und Tanz hat man also gleich drei simultan ablaufende Kunstformen vor sich, von denen nur der Gesang direkt "Sinn ergibt", während die beiden anderen Elemente mit dem Text interagieren können, es aber nicht müssen. Denn wie schon Neumeier im Programmheft verlauten lässt: "In dieser Welt der Musik, der Poesie und der Choreografie kann es im Grunde keine präzise beschreibbaren menschlichen Figuren geben." Am besten ist man also wohl beraten, wenn man die Gleichzeitigkeit der Kunstformen einfach wahrnimmt und genießt, ohne dabei ständig verstehen zu wollen. Das Schöne wird als im wahrsten Sinne des Wortes - nicht nur, aber auch - zum Selbstzweck. Dies zumal das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter Simon Hewett einen lupenreinen, farblich schimmernden Mahler hinlegt, der sich wirklich hören lassen kann. Klaus Florian Vogt und Michael Kupfer-Radecky tun als Sänger links und rechts neben der Bühne hinter ihren Pulten ein übriges. Wobei Vogt textverständlicher deklamiert und selbst im 'Trinklied vom Jammer der Erde' wenig angestrengt wirkt. Kupfer-Radecky nimmt dafür mit kehliger Schwere ein und erfasst den tragischen Tonfall in 'Der Abschied' anrührend. Herzlicher Applaus.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Das Lied von der Erde: Ballett von John Neumeier

Ort: Hamburgische Staatsoper,

Werke von: Gustav Mahler

Mitwirkende: John Neumeier (Bühnenbild), John Neumeier (Choreographie), Simon Hewett (Dirigent), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg (Orchester)

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