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Mittwoch, 23. Oktober 2019

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Pletnev, Copyright: Südwestdt. Konzertdirektion Stuttgart Erwin Russ

Pletnev, © Südwestdt. Konzertdirektion Stuttgart Erwin Russ

Das Russian National Orchestra in Stuttgart

Leuchtende Farben

Zu einem rein russischen Abend lud die Reihe "Meisterkonzerte" gestern im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle ein. Unter seinem Gründer und Leiter Mikhail Pletnev begann das seit 1990 bestehende Russische Nationalorchester das Programm mit Schostakowitschs 'Festlicher Ouvertüre' op. 96. Deren von wuchtiger Klanggestik geprägte Anlage verlangt besonders dem scharfkantigen Blech hohe Intonationspräzision ab, die das Ensemble schon hier eindrucksvoll vorführte.

Solistische Defizite

Es folgte Rachmaninows d-Moll-Konzert op. 30. Wenn ein Dirigent sich perfekt in den Solopart hineinversetzen kann, dann einer wie Pletnev, der zu seiner aktiven (leider beendeten) pianistischen Karriere, während derer er auch mehrmals mit Recitals in Stuttgart gastierte, selbst zu den besten seiner Zunft gehörte. Zu einer entsprechend einfühlsamen Begleitung führte er sein Orchester. Verschleppte Tempi, übertriebene Artikulation oder getrübte Einsätze gab es nicht. Als Solist konnte mit Seong-Jin Cho der Sieger des vorjährigen Warschauer Chopin-Wettbewerbs gewonnen werden, der allerdings – um es gleich vorweg zu nehmen – nicht hielt, was seine Meriten versprachen. Dass er über technische Zweifel weitgehend erhaben ist, bewies der junge Koreaner zwar, doch schon die einleitenden Oktav-Klänge des Kopfsatzes intonierte er exemplarisch eher farblos und undifferenziert. Auch im weiteren Verlauf blieb sein Spiel relativ eindimensional, dynamische Kontraste waren allenfalls dann zu hören, wenn er sich, etwa in der opulenten Gestik der Ecksätze, gelegentlich einmal aus der klanglichen Deckung heraus wagte. Im lyrisch-kantablen, leisen Bereich blieb er hingegen vieles schuldig; melodische Phrasen wirkten oft unterkühlt und trocken. Hinter beispielsweise dem exzellenten Rachmaninow-Spiel eines Daniil Trifonov blieb er vergleichesweise weit zurück, und bei der Zugabe spielte der hoch dekorierte Warschau-Preisträger Chopins As-Dur-Prélude op. 28/17 klar ein bis zwei Ligen unter ausgewiesenen Chopin-Spezialisten wie (wiederum mit an erster Stelle zu nennen) Trifonov, Blechacz, Sokolov, Zimerman oder Anderszewski – um nur in der Gegenwart zu bleiben.  Man hätte sich, kurz gesagt, statt des jungen Koreaners Pletnev in seinen besten pianistischen Zeiten an den Flügel zurückgewünscht.

Glänzendes Arrangement

Nach der Pause bewies das Russische Nationalorchester in Tschaikowskys 'Schwanensee'-Suite op. 20a erneut, dass es ein Klangkörper von besonderer Qualität ist. Das lag erstens an der gelungenen, von Pletnev selbst angefertigten Bearbeitung: Im "umgekehrten" Fall eines Klavierarrangements der Orchesterfassung des 'Nussknackers' hatte er sein Transkriptionstalent in der Vergangenheit schon gezeigt; hier nun erwies sich sein immenses Orchestrierungsverständnis. Zweitens an den hervorragend eingespielten Musikern, die mit hörbarer Spielfreude und viel agogischer Flexibilität die bunt instrumentierte Pletnev-Version in ihren vielgestaltigen Farben zum Leuchten brachten. Warm timbrierte Streicher unter Führung des solistisch glänzend aufgelegten Konzertmeisters, statisch aufgeladene Perkussionselemente und homogen verschmelzende Holz- und Blechbläser lieferten alle Facetten der Partitur von zerbrechlicher Melodik bis zu explosiven Knalleffekten. Als Zugabe gab es nochmal fulminant gespielten Schostakowitsch.

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Kritik von Thomas Gehrig

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4. Meisterkonzert: Russian National Orchestra

Ort: Liederhalle,

Werke von: Dimitri Schostakowitsch, Sergej Rachmaninoff, Peter Tschaikowsky

Mitwirkende: Mikhail Pletnev (Dirigent), Russian National Orchestra (Orchester)

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