> > > > > 07.09.2003
Dienstag, 1. Dezember 2020

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Liederhalle Stuttgart, Copyright: Pjt56

Liederhalle Stuttgart, © Pjt56

Mahlers Zweite als protestantischer Schauer

Gemeinsam atmen

Ein Orchester ist eine höchst sensible Persönlichkeit. Wer selbst noch nie in einem Chor gesungen oder in einem Orchester gespielt hat, der wird schwer nachempfinden können, was es heißt, mit vielen Musikern als Individuum zu fühlen, bildhaft gesprochen zu atmen. Da kommen Leute mit unterschiedlichsten musikalischen Vorstellungen zusammen, um zu einer Interpretation zu finden. Diese Annäherung ist ein langer Prozess und es wäre vermessen zu erwarten, ein Ensemble wäre nach wenigen Wochen bereits vollendet in der Lage gemeinsam zu atmen.

Nach Jahren solistischen Übens im stillen Kämmerlein, bedeutet es besonders für junge Orchestermusiker eine große Herausforderung, sich harmonisch in einer Hundertschaft einzufinden. Helmuth Rilling hat vor zwei Jahren mit der Gründung des Festivalchors und Orchesters des Europäischen Musikfests Stuttgart jungen Musikern aus aller Herren Länder zwischen 18 und 28 die Möglichkeit zu dieser Erfahrung gegeben. In diesem Jahr stand am Ende der zweiwöchigen Probenphase ein wahrhaft großer Brocken auf dem Programm: Gustav Mahlers gigantische 2. Symphonie (Auferstehungssymphonie).

Nun ist Rilling nicht gerade als Dirigent ausladender Orchesterwerke bekannt. Als Chordirigent und als Leiter großer Oratorien genießt er eine verdient hohe Anerkennung. Doch auch bei Mahler wirkte er souverän, dirigerte auswendig mit exaktester, fast pedantischer Schlagtechnik. Ruppig dreinfahrend ließ er den ersten Satz in den Celli losbrechen, von ungestümer Urgewalt waren auch die Fortissimo-Ausbrüche, in denen die ausgezeichneten Blechbläser majestätisch über den Streicherklang triumphierten. Rilling stellte diesen Urgewalten aber nicht jene labilen Stimmungen im Piano oder Mezzoforte gegenüber, in denen Mahler der schwärmende, zweifelnde auch zynische Komponist des ,fin de siecle' ist. Neben Sentimentalitäten und Kitsch blieben somit auch Schmelz und Doppelbödiges in Rillings Interpretation außen vor.
Ein Mahler im Geist des Protestantismus. Bisweilen klang diese Symphonie zwar erfrischend ungewohnt, doch drohte im Banne der auftrumpfenden Stellen vieles andere zu glatten Zwischenmusiken abzusteigen. Obwohl die jungen Musiker, besonders die Violinen und die Holzbläser sehr sauber spielten, hätte man sich gerade letztere sanglicher, schwärmerischer gewünscht. Nicht einmal dem ,Urlicht' erlaubte Rilling eine überirdisch weltferne Schönheit. Iris Vermillion verfolgte klar hörbar den gegenteiligen Ansatz. Mit ihrer sattdunklen, warmen Altstimme favorisierte sie im Gegensatz zum Orchester, das schon die ersten Worte kühl und schnell kommentierte, eine langsam innige, kontemplative Darstellung. Dieser Widerspruch zwischen Vorwärtswollen und Verweilen machte den Satz klebrig und spannungsarm. Schade.

Doch trotzdem, zum Schluss der Symphonie war er da, der Schauer. Dieser wundervolle Schauer, der sich beim Eintritt des Chores ankündigt und zum orgiastischen Höhepunkt dem ,Aufersteh'n; ja aufersteh'n' steigert. Der klangvolle, intonatorisch genaue Festivalchor war mit seinen 80 Personen vielleicht noch ein wenig zu klein, um hier gegen das Tamtam-, Pauken- und Bläsergeschmetter anzukommen. Der helle, schlanke Sopran von Letizia Scherrer trug hingegen bezaubernd über die Klangmassen.

Und der Atem? Der gemeinsame Atem, den gerade Mahler in all seinen agogischen Spannungen so selbstverständlich fordert, am Ende - dort wo alle zu einem glaubhaften, schaudervollen Auferstehungshymnus zusammenkommen - war er spürbar.

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Kritik von Dr. Thomas Vitzthum



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Europäisches Musikfest Stuttgart 2003 : Mahler: 2. Symphonie Dirigent: Helmuth Rilling

Ort: Liederhalle,

Werke von: Gustav Mahler

Mitwirkende: Helmuth Rilling (Dirigent), Iris Vermillion (Solist Gesang), Letizia Scherrer (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Musikfest Stuttgart

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