> > > > > 15.11.2016
Samstag, 14. Dezember 2019

Ingolf Wunder, Copyright: Bartek Sadowski

Ingolf Wunder, © Bartek Sadowski

Der Pianist Ingolf Wunder in Stuttgart

Im virtuosen Grenzbereich

Die Geschichte vom Erfolg Ingolf Wunders erinnert unweigerlich an die des jungen Ivo Pogorelich, den der demonstrative Boykott des prominenten Jury-Mitglieds Martha Argerich aus Protest gegen sein Ausscheiden in der Vorrunde des 1980er-Chopin-Wettbewerbs über Nacht bekannt machte. An gleicher Stelle in Warschau belegte Wunder 2010 zwar einen äußerst achtbaren zweiten Platz, auch ihn hatten jedoch – wenn auch unter weniger skandalumwitterten Umständen – Experten und Publikum als eigentlichen Sieger gesehen, und auch er war es, der am Ende statt der offiziellen Gewinnerin den lukrativen Plattenvertrag erhielt.

Große klangliche Geste

Wie auch Pogorelich mehrmals im Lauf seiner wechselvollen Karriere war auch Wunder gestern Abend in der Stuttgarter Liederhalle zu Gast. Zu Beginn wirkte sein Spiel im Kopfsatz von Mozarts B-Dur-Sonate KV 333 bei betont verhaltenem Tempo noch etwas nervös, spätestens im Mittelsatz stellte er aber mit weit geschwungenen, in sich ruhenden melodischen Bögen unter Beweis, dass er bei weitem nicht nur Chopin kann. Perlende Alberti-Bässe und luftige Skalen verliehen dem 'Allegretto' spielerische Eleganz, wenngleich Wunders Mozart-Spiel nicht immer die viel beschworene, gleichzeitig aber so schwer zu greifende Leichtigkeit besaß.

In Beethovens 'Eroica-Variationen' zeigte er von den Anfangs-Oktaven an Mut zur großen klanglichen Geste, die sich, ohne aufgesetzt zu wirken, auszahlte und den sinfonischen Charakter im Spiel mit stilistischen Formen und Motiven bis in die polyphonen Sphären präzise traf.

Klare Konturen

Nach der Pause wurde schnell klar, dass Wunder nicht zufällig mit seinem erklärten Lieblingskomponisten Chopin für die besagten Wettbewerbsschlagzeilen sorgte. Mit hoher Anschlagssensibilität formte er in den beiden Nocturnes op. 9/1 und 2 fein schattierte Kantilenen, die bewegten Mittelteile behielten bei aller Vollgriffigkeit klare Konturen. Lyrischen Tiefgang auf höchstem technischem Niveau besaß die Polonaise-Fantasie op. 61, mit der er damals in Warschau den Publikumspreis abgeräumt hatte.

Virtuosen Glanz versprühte schließlich Liszts 'Hexameron' G 392 in all seinen Variationen und Schwierigkeitsstufen im physisch-technischen Grenzbereich, in denen Wunder sich sicher bewegte und trotz derer es ihm gelang, die musikalische Spannung durchgehend hochzuhalten. Das beeindruckte Publikum verblüffte er mit drei ausladenden Zugaben, anhand derer er den zeitlichen Bogen wieder rückwärts von der Spätromantik zur Wiener Klassik spannte: von Chopins Polonaise op. 53, in der er sich auch auf Hochgeschwindigkeitsniveau im Gegensatz zu so manchem der ganz Großen nahezu keine falschen Tönen erlaubte, über Mozarts eigenwillig phrasierte, spannend nonkonformistisch gedeutete d-Moll-Fantasie KV 397 bis hin zu einem fulminanten Schlussfeuerwerk im Finalsatzes aus Beethovens "Waldstein-Sonate“. All das ist umso beachtlicher, als Wunder erst im Alter von 14 Jahren die Violine gegen das Klavier eintauschte. Und der Beweis dafür, dass Adam Harasziewicz als einer seiner Mentoren und seines Zeichens selbst ehemaliger Gewinner Recht behalten sollte, als er ihn damals überredete, überhaupt erst am Chopin-Wettbewerb teilzunehmen.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Meisterpianisten: 2. Abend: Ingolf Wunder

Ort: Liederhalle,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, Frédéric Chopin, Ludwig van Beethoven, Franz Liszt

Mitwirkende: Ingolf Wunder (Solist Instr.)

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