> > > > > 15.11.2016
Freitag, 23. August 2019

Philippe Herreweghe, Copyright: Bert Hulselmans

Philippe Herreweghe, © Bert Hulselmans

Das Orchestre des Champs-Élysées in Freiburg

Meister der Zwischenlagen

Als Konzertbesucher sieht man sich manchmal in der recht merkwürdigen und überdies unbehaglichen Situation, sich Gedanken darüber machen zu müssen, wo der Unterschied zwischen einer sehr guten und einer hervorragenden Darbietung ist. Zum Beispiel jüngst bei den Freiburger Albert-Konzerten im dortigen Konzerthaus. Auf dem Programm stehen zwei Sinfonien, Mozarts späte in Es-Dur (KV 543) und Beethovens Siebte, und schon die Namen der Ausführenden bürgen für höchste Qualität: das Orchestre des Champs-Élysées unter Leitung seines Gründers und künstlerischen Leiters Philippe Herreweghe. Was anderes ist da zu erwarten als eine musikhistorisch höchst kundige und interpretatorisch runde Darbietung?

Tatsächlich wird, was Mozart angeht, alles geboten, was man sich nur wünschen kann: ein sinfonischer, aber nicht lastender Orchesterklang, einer, der schlank und blitzblank ist, der bei zügigen Tempi saubere Phrasierungen bringt und auf diese Weise die Partitur so transparent macht, wie es nur eben möglich ist. Und doch, meint man, fehlt irgendetwas. Vielleicht liegt es daran, dass ein letztes Quantum an musikalischer Inspiration mangelt, vielleicht liegt es auch an Details wie etwa dem vielleicht doch eine Spur zu schnellen Tempo im langsamen Satz, durch das die Musik sich nicht so recht entfalten kann. Wie auch später bei Beethoven wirken besonders die Bläser durch die flotte Gangart streckenweise in die Defensive gedrängt. Zwar stellt die an sich kompetente Bläsersektion schön intonierte, charakteristisch gefärbte Nuancen zur Verfügung, aber die kommen schlicht nicht immer voll zur Geltung. Fast ein Ausfall sind jene paar Takte kurz vor Schluss des ersten Beethoven-Satzes, wo die eigentlich fanfarenhaft dreinfahrenden Hörner beinahe gar nicht zu hören sind (und übrigens auch von Herreweghes Dirigat kaum mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht werden).

Allgemeiner Wirbel

Durch solche Details verdichtet sich der Eindruck, es hier eben "nur" mit einem sehr guten, keinem hervorragenden Konzert zu tun zu haben. Bis man den zweiten Satz von Beethovens Sinfonie hört. Nach der Mozart-Sinfonie überrascht das verhältnismäßig langsame Tempo, das allein schon zu bedeuten scheint: Hier geht es nicht um historisch informierte Pflichtübung, sondern um musikalische Aussage. Bereits in den ersten Takten gelingt eine so konzise wie eindringliche Charakterisierung des ganzen Satzes. Verhangen kommt der daher, würdevoll schreitend die rhythmische Keimzelle des Stücks, klanglich die Mitte haltend zwischen klarer Diktion und geheimnisvollem Flüstern. Herreweghe und das Orchestre des Champs-Élysées erweisen sich als Meister der Zwischenlagen und der musikalischen Übergänge. Wie sich da fast unmerklich das Fugato aus dem Sechzehntelwechselspiel von Geigen und Bratschen herauslöst, und wie klar und transparent, dabei aber nachgerade romantisch umflort all das gestaltet wird!

Viel wäre noch zu sagen von dieser Sinfonie, vor allem vom Finale, das wild und orgiastisch, aber nicht roh daherkommt, sondern stets auch von der noblen Kontrolliertheit zeugt, die dieses Orchester pflegt. Eine Freude zu sehen, welchen Spaß die immer präsenter werdende Bass-Gruppe an den Offbeat-Akzenten hat. Rhythmische Dynamik wird zu einem allgemeinen Wirbel entfesselt, ohne dass die Klarheit des Zugriffs den mindesten Schaden davontrüge.

Ob nun hervorragend, wie bei Beethoven, oder "nur" sehr gut, wie bei Mozart: Das Freiburger Publikum überschüttet die Ausführenden mit Applaus. Die lassen sich schließlich zu einer Zugabe bewegen – ein "weniger bekanntes Stück" laut Herreweghes launiger Ansage. Als dann der erste Satz aus Beethovens "Pastorale" beginnt, geht ein Lachen durchs Auditorium. Übrigens steigert sich das Orchester hier nochmals, was Wärme und Plastizität der Interpretation angeht. Nicht viel fehlte, und man wünschte, die Musiker hätten nach der Zugabe noch einmal von vorne angefangen.

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Kritik von Gero Schreier

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Albert-Konzerte Freiburg: Konzerthaus-Zyklus 3. Abend

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Ludwig van Beethoven, Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Philippe Herreweghe (Dirigent), Orchestre des Champs Élysées (Orchester)

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