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Mittwoch, 26. Februar 2020

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Almerija Delic (Dritte Dame), Morgan Moody (Papageno), Emily Newton (Erste Dame), Joshua Whitener (T, Copyright: Björn Hickmann, Stage Picture

Almerija Delic (Dritte Dame), Morgan Moody (Papageno), Emily Newton (Erste Dame), Joshua Whitener (T, © Björn Hickmann, Stage Picture

Zur Neuinszenierung der 'Zauberflöte' in Dortmund

Zauberhafte Fantasy- und Disneywelten

Sprechende Augenbrauen, angegrauter Oberlippenbart und zurückgekämmtes Haar mit leichten Geheimratsecken. Offener Blick. Einladende Gesten. Erstmals erscheint dieser sympathisch wirkende, väterliche Mann in der Ouvertüre. Zu den dreimal wiederholten Akkorden, die man aus der Sarastroszene des ersten Finales kennt, streicht er versonnen über einen verlassenen, ebenso golden durchwirkten Pelzmantel.

Noch begreift man nicht, dass ein jovialer, väterlich zugewandter Sarastro das Symbol der Eingeweihten in den Händen hält, mit dem er Tamino und Pamina nach bestandenen Prüfungen in sein Reich aufzunehmen gedenkt. Und dass Stefan Huber, der für die Dortmunder Neuinszenierung der 'Zauberflöte' verantwortlich zeichnet, in der Figur des Sarastro auf den amerikanischen Filmproduzenten Walt Disney anspielt, lässt sich leider nicht aus der Inszenierung herleiten, sondern das erfährt man erst aus dem Programmheft.

225 Jahre sind seit vergangen, seit die 'Zauberflöte', Mozarts letzte, große Oper, erstmalig aufgeführt wurde. Ein kontrastreiches, widersprüchliches Werk, das Improvisationstheater, große italienische Oper und deutsches Singspiel, Märchenzauber, feierliche Freimaurerweisheiten und lockere Sinnesfreuden vereint. Nach Stefan Huber wird Tamino von den drei Damen an-, nicht ausgezogen. Als Pfadfinder wird er sich den aufregenden, manchmal gefährlichen Abenteuern stellen. Folgt man Hubers Interpretation, so bleibt von Schikaneders Konglomerat ein überschäumender, manchmal ironisch überzeichneter Kostüm-, Fantasy- und Disneyzauber übrig.

Ein paradiesischer Baum, Augen, die drachenähnliche Schlange, aus deren weit aufgerissenen Maul die Königin der Nacht die Bühne betritt, eine Orient und Okzident vereinende Stadtkulisse, die später zur Geisterbahn mutiert - Schritt für Schritt versteht es Kostüm- und Bühnenbildner José Luna, das Publikum immer wieder neu zu verzaubern. Bunt bemalte Wände verschwinden lautlos, rauschen von oben, unten oder von der Seite heran oder führen – um 180 Grad gedreht – eine ägyptische Pyramidenlandschaft vor Augen. Die eindrucksvolle Lichtregie Florian Franzens ergänzt mit immer neuen, farbenprächtigen Akzenten.

In den fantasievollen Kostümen vereinen sich Opern- und Disneywelt. Papageno ist ein fellbestückter Naturbursche, dessen Kopfbedeckung und Matrosenhemd an den selbstgefälligen Donald Duck erinnern. Pamina wird im Hause Sarastro in ein Petticoat unterfüttertes, rosafarbenes Prinzessinnenkleid gesteckt. Ihre Mutter, die Königin der Nacht, erinnert eher an eine dunkle, zarte Zauberfee als an eine rachedürstige, fleischfressende Spinne. Auch die drei Damen sind geflügelte Disneyprinzessinnen; eine von ihnen hat Minnies rote Schleife im Haar. Monostatos, weiß geschminkt, trägt große schwarze Mickeymouseohren und rotseidene Pluderhosen. Ironisch überzeichnet die drei mit Engelsflügeln ausgestatteten Knaben; sie erinnern mit ihren dicken Bäuchen und Tierköpfen an die drei kleinen Schweinchen Pfeifer, Fiedler und Schlau.

So scheinbar multikulti, so kunstvoll berauscht und comicartig in Spannung gehalten, verblassen die aus heutiger Sicht frauenfeindlichen und rassistischen Textpassagen. Unkommentiert bleiben auch die wenig transparenten Freimaurerweisheiten. Ein kleiner Lichtblick bleibt: Tamino und Pamina, die nach bestandenen Prüfungen in den glitzernden Pelzmantel gehüllt werden und nun zum Kreis der Eingeweihten gehören, streifen kurzentschlossen Prinzessinnenkleid und Pfadfinderkostüm ab und verlassen Hand in Hand die Bühne.

Musikalisch präsentieren Chor, die Dortmunder Philharmoniker und ein stimmig besetztes Solistenensemble eine historisch informierte Aufführung mit kontrastreicher, ausdrucksstarker, differenzierter Tempogestaltung. Transparent und textverständlich bis in die Nebenstimmen sind vor allem die Ensembles ein musikalischer Genuss. Ein besonderes Lob gilt den drei Knaben Joshua Krahnefeld, Vincent Schwierts und Nick Esser, die meisterlich auch die schwierigen, polyphonen Partien darbieten. Marie-Pierre Roy ist eine hell timbrierte, leicht vibrierende, dramatische Königin der Nacht, die dynamisch und tempodifferenziert ihre erste Aktionsarie zu gestalten weiß und deren Rachearien-Koloraturen wie feine Nadelstiche gesetzt sind. Ashley Touret führt mit klangvoller, lebendig verzierenden Ausgestaltung der Melodie die Gefühlswelten Paminas vor Augen. Joshua Whitener ist der schlank geführte, wohltönende, jugendliche Abenteuerer Tamino. Morgan Moody ein tiefgründiger, brustig schillernder Papageno, während Karl-Heinz Lehner den in die Jahre gekommenen Sarastro verkörpert.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Die Zauberflöte: Große Oper von Wolfgang Amadeus Mozart

Ort: Theater / Opernhaus,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Dortmunder Philharmoniker (Orchester)

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