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Sonntag, 15. September 2019

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Plakatmotiv "Il cappello di paglia die Fireze", Copyright: Pedro Malinowski

Plakatmotiv "Il cappello di paglia die Fireze", © Pedro Malinowski

Nino Rotas 'Florentiner Hut' im Revier

Love is in the air

Mit einer schwungvollen, pointenreichen Inszenierung erinnert das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier (MiR) an den eher aus Fellini-Filmen bekannten Opern- bzw. Operettenkomponisten Nino Rota und seine 1955 in Palermo uraufgeführte musikalische Farce 'Il cappello di paglia di Firenze' (Der florentiner Hut). Sonja Trebes, die für die MiR-Inszenierung verantwortlich zeichnet, stellt dem quirligen Pasticcio in deutscher Erstaufführung Rotas Minioper 'La scuola di guida' (Die Fahrschule) voran, eine unterhaltsame Romanze zum Thema Liebe, die Rota 1959 für das Festival von Spoleto komponierte und die 2010, von Bruno Moretti orchestriert, für die Bühne wiederentdeckt wurde. Zu tänzerisch federnden und mitunter leicht swingenden Rhythmen führt Trebes geistreich verspottend und ironisch zugespitzt die im Wandel begriffene Liebeswelt der 1950er vor Augen. Zugleich erzählt die Minioper die eigentliche Vorgeschichte des Protagonisten, des "Cappello di Paglia". Der Hut, ein Symbol der in der Nachkriegszeit scheinbar unantastbaren, bürgerlichen Ehemoral, wird zerfetzt, weil zwei neugierig flirtende und erotische Abenteuer suchende Frauen um ihn streiten.

Auch Bräutigam Fadinard, ein Frauenschwarm, wie er im Buche steht, macht so seine Erfahrungen. Nie um eine Ausrede verlegen, versucht er noch am Tage seiner Hochzeit, sich aus dem Staub zu machen und dem tauben Onkel der Braut weiszumachen, sein Pferd habe im Wald den Florentiner Strohhut einer Dame gefressen. Ganz von Jula Reindell in strahlendes Weiß gewandet, erinnert Fadinard an Marcello aus dem Fellini-Film "La dolce vita", während ihn die zukünftige Verwandtschaft mit Stock, Gewehr und schrill glitzernden Kleidern als kleine Banditi vom Lande verfolgen. Immer auf der Suche nach einer originalgetreuen Hutkopie begegnet Fadinard den verschiedenen Gesellschaftsmitgliedern und -schichten. Dirk Beckers Bühnenbild passt sich flexibel den neuen Schauplätzen an. So lässt sich die Front des Autos aus dem Vorspiel blitzschnell in das Kopfteil von Fadinards Bett verwandeln, der Hutladen ebenso schnell in den Palast der Baronin, die Wandbilder im Hause Fadinard wechseln je nachdem, welche Gäste erwartet werden.

Es kommt zu humorvollen, aberwitzigen Szenen, etwa wenn der von der Verfolgungsjagd erschöpfte, zukünftige Schwiegervater Nonancourt im zweiten Akt seine unbequemen Lederhalbschuhe mit den Gummistiefeln des gehörnten Beaupertuis tauscht; oder wenn die schöne, lebenslustige Anaide, die ihrem Mann Hörner aufgesetzt hat und ohne Strohhut nicht nach Hause gehen will, sich ebenso wie ihr Liebhaber Emilio auszieht, um im Liebesnest Fadinards gemeinsam zu kuscheln. Dabei werden die Begegnungen immer absurder und grotesker. Und Regisseurin Trebes versteht es meisterhaft, die in der Oper angelegte Dramaturgie weiterzuführen und zuzuspitzen, neue Figuren wie den Paparazzo zu erfinden oder Nebenfiguren wie den leicht verwirrten Onkel Vézinet immer wieder einzubinden. Müde geworden taucht er unvermittelt im Jagdzimmer Beaupertuis' auf, um sich bettfertig zu machen und in das mit einem Vorhang verschönerte Hundeloch in der Zimmerwand zum Schlafen zurückzuziehen. Fadinard, der umschwärmte Junggeselle, erweist sich am Ende sogar als hilfsbereiter, einfühlsamer Zeitgenosse. Er versteht es, Beaupertuis zu trösten oder kauft seinen Schwiegervater aus dem Gefängnis frei. Kein Wunder, dass die schwangere Elena trotz mahnender Worte des Vaters Nonancourt nicht von ihm lassen will.

Spielfreudig und leicht setzen Statisterie, Opern- und Extrachor ein passend besetztes Solistenensemble und die Neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Thomas Rimes Rotas durchkomponierte, musikalische Farce 'Il cappello di paglia di Firenze' in Szene. Schnell wechselnde Rezitative werden punktuell von karikierenden Arien, anrührenden Duetten und spritzigen Ensembles unterbrochen. Anke Sieloff überzeugt als klangvolle Anaide, Bele Kumberger als jugendliche Elena, Urban Malmberg als gehörnter Beaupertuis. Auch der sehr junge Tenor Ibrahim Yesilay, der den gewandten Fadinard darstellt,  findet im Laufe des Abends zu immer mehr Selbstsicherheit.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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La scuola di guida / Il capello: Musikalische Farce von Nino Rota

Ort: Musiktheater im Revier (MiR),

Werke von: Nino Rota

Mitwirkende: Neue Philharmonie Westfalen (Orchester)

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