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Donnerstag, 19. September 2019

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Das SWR Symphonieorchester im Konzerthaus Freiburg, Copyright: SWR/Wolfram Lamparter

Das SWR Symphonieorchester im Konzerthaus Freiburg, © SWR/Wolfram Lamparter

Das SWR Symphonieorchester in Freiburg

Farbenreiche Anverwandlungen

Für sein zweites Abokonzert hat sich das fusionierte SWR Symphonieorchester als übergeordnetes Thema die Anverwandlung von Historischem auserkoren. In der raumgreifenden ersten Konzerthälfte hatte die kompositorische Anverwandlung den Fluchtpunkt Carl Maria von Weber, in dessen f-Moll-Konzertstück für Klavier und Orchester galt sie in Bezug aufs Sujet der damals beliebten Ritterromantik; der zweite Teil griff mit Strawinskys 'Petruschka' auf historische Traditionen der Commedia dell’arte sowie zur Entstehungszeit bereits vergangene russische Volksgebräuche wie das Jahrmarktstreiben zurück. Als Lotse für den Weg mit altem Material auf neuen Spuren wurde der russische Dirigent Dima Slobodeniouk eingeladen – eine vortreffliche Wahl, forderte er doch das Orchester zu glanzvoller Leistung heraus und sorgte mit ausdrucksvoller und präziser Schlagtechnik für die notwendige Sicherheit.

Wüsste man nicht, dass es sich um denselben Klangkörper (allerdings bei der riesigen Menge an verfügbaren Musikern freilich in anderer personeller Zusammensetzung) wie im ersten Abokonzerte handelte, so hätte man auch auf ein anderes Orchester tippen können. Denn um wie viel vitaler, differenzierter, kerniger, energischer und zwingender präsentierte sich das SWR Symphonieorchester an diesem Abend unter der Leitung von Slobodeniouk. Hindemiths 'Sinfonische Metamorphosen nach Themen von Carl Maria von Weber' ging das Orchester mit hörbarer Lust am rhythmischen Schwung an und brachte Hindemiths farbenreiche Instrumentierung mit kräftig aufgetragenen, dicken Pinselstrichen zum Leuchten. Schon hier zeigte sich die Präzision, Durchschlagskraft und formidable Abstimmung der großartigen Blechbläsersektion, die an diesem Abend ein ums andere Mal die Aufmerksamkeit auf sich zog – nicht aber durch rüde Attacke, sondern durch fein abgestimmte Beiträge und glanzvoll-intensive, fokussierte Auftritte.

Slobodeniouk sorgte für rhythmische Straffheit, hielt aber das Orchester, gerade auch in den präsenten und wendig agierenden Holzbläsern sowie den sehnig gespannten Streichern zu feiner Farbgebung und erstaunlich runder Phrasierung an. In der Herausarbeitung atmosphärischer verschatteter Momente ('Andantino' mit formidablen Holzbläsern) wie auch der gespannten Marschrhythmik im letzten Satz blieben keine Wünsche offen. Natürlich lässt sich dieses Stück auch ein wenig durchsichtiger angehen oder manches noch kantiger präsentieren, doch das Gesamtbild von Slobodeniouks Deutung erwies sich als schlüssig.

Dieser positive Eindruck setzte sich in Strawinskys selten zu hörendem 'Capriccio' für Klavier und Orchester sowie dem Konzertstück f-Moll op. 79 von Carl Maria von Weber fort. Beide sind unterhaltsame, kurzweilige Stücke, die in ihrem Tonfall jedoch weit voneinander entfernt sind: hier Strawinskys motorisches Rasseln und perkussive Schneidigkeit, dort Webers virtuoses Rankenwerk, das manch lyrische Zartheit überwölbt. Der Pianist Alexei Volodin entschied sich dafür, die Distanz zwischen beiden schrumpfen zu lassen. Er rückte Weber mit virtuoser Silbrigkeit und straffer Reduktion auf "rhetorische" Elemente in der langsamen Einleitung in Richtung Strawinsky. Damit überging er allerdings feinere Farben und atmosphärische Abstufungen, ohne die das Konzertstück substanzloser erschien, als es eigentlich ist. Die feinere Zeichnung holte Volodin dann in der agogisch äußerst freien Chopin-Zugabe nach.

Seine technische Leistungsfähigkeit zeigte das SWR Symphonieorchester dann in Strawinskys 'Petruschka' (Originalfassung 1911). Von minimalen Abstimmungsschwierigkeiten in den ersten paar Minuten abgesehen entwickelte es in den scharf geschnitten Kontrastabschnitten packende rhythmische Zugkraft und rührte die großartig orchestrierten Farbmischungen kräftig an. Hier schlug Solobodeniouk einen Bogen zum Anfang: Er ließ den tänzerisch schwingenden Soloauftritten (der oftmals herausgeforderten Soloflöte gebührte an diesem Abend ein dickes Lob) genug Raum für schmiegsamen Bewegungen ohne Taktkorsett, entwickelte aber die rhythmisch gezackten Abschnitte mit lustvoller Vehemenz. Das Blech leistete mit weich vorgetragenen Linien und resoluter Bissigkeit Vortreffliches, wobei ihnen die charakterstarken Holzbläser kaum nachstanden. Auch das Volkstümliche gelang wunderbar schlicht, wo es angebracht ist, und mit deftiger Bodenständigkeit, wo solche am Platze war. Es entstand der Eindruck, als folge das Orchester Slobodeniouks ausdrucksstarken und klar führenden Gesten mit eifriger Hingabe – eine im positiven Sinn gespannte Atmosphäre, die in begeistertem Beifall aufgelöst wurde. Dem nächsten Gastspiel von Solobodeniouk darf man mit großer Freude entgegenblicken.

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Kritik von Dr. Tobias Pfleger

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Abonnementkonzert 2: SWR Symphonieorchester

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Paul Hindemith, Igor Strawinsky, Carl Maria von Weber

Mitwirkende: Dima Slobodeniouk (Dirigent), SWR Symphonieorchester (Orchester), Alexei Volodin (Solist Instr.)

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