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Mittwoch, 23. Januar 2019

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Ivan Ludlow, Peter Lodahl, Marc Bodnar, Jochen Schmeckenbecher, Matthias Klink, Barbara Hannigan, Se, Copyright: Monika Rittershaus

Ivan Ludlow, Peter Lodahl, Marc Bodnar, Jochen Schmeckenbecher, Matthias Klink, Barbara Hannigan, Se, © Monika Rittershaus

'Lulu' an der Hamburger Staatsoper

Wiederbelebung

Christoph Marthaler hat für seine Inszenierung von Alban Bergs Oper 'Lulu' - wie so oft - eine Laborsituation geschaffen, in der die Figuren wie auf einem Schachbrett von außen gesteuert agieren. Die Personen gleiten nicht sacht über ein hedonistisches Parkett des Fin de Siècle, nein, sie sind verdinglicht bis in die letzte Faser ihres Körpers. In ihrem Drang zur vollkommenen Befriedigung gehen sie bis an den Rand der Selbstauflösung. Diese Lulu ist keine männerverschlingende erotische Femme fatale, sondern eine Frau, die in einer von Männern dominierten Welt zum Opfer wird, weil sie sich stets anpasst: ‚Ich habe nie etwas Anderes sein wollen, als man von mir verlangte‘. Nur in lichten Momenten fordert sie Verständnis: ‚Mensch sieh mich an!‘

Tödliche Bedrohung und innere Leere

Gleichzeitig liegt etwas blind Zerstörerisches im Handeln dieser gesichtslosen Männer, die Lulu umkreisen. Denen der Mund offensteht, wenn diese vor ihnen ihre akrobatischen Verdrehungen vollzieht. Die Klarheit und Übersichtlichkeit dieser bis in kleinste Gesten, Gänge, Blickkontakte durchfeilten Inszenierung hatte auch das exzellente Bühnenbild von Anna Viebrock, mit der Marthaler seit Jahren zusammenarbeitet: diverse Rahmen, kaum möbliert, aber verschiedene Räume andeutend. Nur durch das im Bühnenbild angelegte Prinzip der offenen Verwandlung konnte sich die sorgfältig differenzierte, intensive Personenregie in dieser 'Lulu' so überzeugend entwickeln, bis hin zum Kulminationspunkt, wenn Lulu tot mitten auf der Bühne liegt.

Kent Nagano, der Komponist Johannes Harneit, Christoph Marthaler und Dramaturg Malte Übenauf griffen nicht zur bekannten durch Cerha vollendeten Fassung, sondern benutzten nur das Particell. Das bedeutete klanglich, dass der größte Teil des dritten Aktes nur mit Klavier und Solovioline musiziert wurde. Resultat war ein zutiefst expressiver Ausdruck bei gleichzeitiger Reduktion der klanglichen Mittel. Am Ende des Fragmentes erklingt dann Alban Bergs Konzert für Violine und Orchester quasi als Requiem für Lulu - ein genialer Einfall. Großes Kompliment an die Solistin Veronika Eberle.

Die gut durchtrainierte Sopranistin Barbara Hannigan meisterte die durch akrobatische Übung vollends schwierigen Anforderungen meisterhaft. Hervorragend Anne Sofie von Otter als lesbische Gräfin Geschwitz. Überzeugend auch Jochen Schmeckenbecher als Dr. Schön und Jack the Ripper, Matthias Klink (Alwa), Peter Lodahl (Maler), Serge Leiferkus (Schigolch) und Ivan Ludiow (Athlet).

Kent Nagano führte das Philharmonische Staatsorchester mit viel Sinn für Charaktere und Klanglichkeit in stets bewegtem, emotional gespanntem Gestus und einer Transparenz, in der viele sonst so oft verlorengehende Details deutlich wurden. Kaum Theaterdonner, dafür in stetigem Pulsieren, genau entwickelte innere Dramatik. Hörbar wurde so die faszinierende Instrumentation.

Insgesamt eine Inszenierung, die in die Tiefe geht und rundherum mehr als überzeugte, auch weil es dem Team von Christoph Marthaler, Kent Nagano, Johannes Harneit und Malte Übenauf in der Tat gelungen ist, diese Oper zu befreien von erotisierenden Männerfantasien, Strapsen usw. und zum Kern des Textes der beiden Dramen ‚Die Büchse der Pandora‘ und ‚Erdgeist‘ von Frank Wedekind vorzustoßen: die Misshandlungen von Menschen aufgrund gesellschaftlicher Zustände. Diese Inszenierung ist nicht mehr altertümlichen Rollenklischees verpflichtet, sondern der Darstellung der hoffnungslosen Suche des Individuums nach selbstbestimmter Unmündigkeit, verbunden mit sozialem Abstieg. Aktueller kann Oper nicht sein!

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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Lulu: Oper von Alban Berg

Ort: Hamburgische Staatsoper,

Werke von: Alban Berg

Mitwirkende: Kent Nagano (Dirigent), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg (Orchester), Peter Lodahl (Solist Gesang), Jochen Schmeckenbecher (Solist Gesang), Anne-Sophie von Otter (Solist Gesang), Barbara Hannigan (Solist Gesang)

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