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Freitag, 15. Dezember 2017

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Claudio Sgura, Marco Berti, Chor der Hamburgischen Staatsoper, Komparserie , Copyright: Hans Jörg Michel

Claudio Sgura, Marco Berti, Chor der Hamburgischen Staatsoper, Komparserie , © Hans Jörg Michel

Calixto Bieito inszeniert Verdis 'Otello'

Neue Sicht auf einen Opern-Klassiker

Die Inszenierungen des katalanischen Regisseur Calixto Bieito bieten immer wieder Anlass zum Überdenken bisheriger Deutungsmuster. Was er aber an der Hamburger Staatsoper an Verdis oft zum Kostümschinken verkommener Oper 'Otello' demonstrierte, war schlichtweg atemberaubend. Bieito verortet das Geschehen in einem düsteren lebensfeindlichen Hafengelände mit einem kolossalen giftgelben Kran im Mittelpunkt. Otello ist kein Außenseiter, sondern auch erfolgreicher Unternehmer. Im Vordergrund eine wohlhabende, moralisch degenerierte Gesellschaftsschicht, die sich alles leisten kann, im Hintergrund die Verlierer dieser Ordnung. Da werden nebenbei Menschen aufgehängt, Frauen vergewaltigt, gemordet und Otello stirbt am Ende an einem lapidaren Herzinfarkt.

Das, was Calixto Bieito in Hamburg ablieferte, ist keine Routine-Produktion eines Reißers, sondern eine großartige, ernste Deutung, durchaus im Brecht’schen Sinne und zugleich eine eindringliche Legitimation des Phänomens Oper. Denn während auf der Bühne (Susanne Gschwender) unhaltbare gesellschaftliche Zustände vorgeführt werden, erreicht die Musik eine diametral ausgerichtete emotionale Dimension. Dass dies so eindringlich möglich war, liegt daran, dass mit Marco Berti ein Otello gefunden wurde, der das zugleich glutvolle wie lyrische Paradox seiner Rolle glaubwürdig umsetzte. Berti bewältigte die außerordentliche Ausdrucksspannweite der Rolle, ohne aber in puren Schöngesang zu verfallen. Exzellent auch Svetlana Aksenova. Sie gestaltete eine stimmmächtig-visionäre und gleichzeitig samtweich-kraftvolle Desdemona. Ihre Interpretation des "Liedes von der Weide" und das "Ave Maria" gehörten zu den emotionalen Höhenpunkten dieser Inszenierung; wunderbar leicht gelangen ihr zarteste Piano-Abtönungen. Claudio Sgura lieferte einen überzeugenden Jago, ohne übertriebene Schwärze, der von Akt zu Akt immer mehr zu einem dämonisch gesteigerten Drahtzieher wird.

Das vortrefflich homogene Solistenteam verband sich mit Paolo Carignanis intensiver Auslegung der Partitur. Er setzte weniger auf den großen theatralischen Effekt, sondern mehr auf Innenspannung, strukturelle Logik und genau entwickelter innerer Dramatik.

Der Chor (Eberhard Friederich) und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg überzeugten ohne Abstriche. Die Staatsoper Hamburg präsentierte mit dieser Inszenierung nicht nur einen beachtlichen Standard, sondern lieferte wieder einmal den Nachweis, dass Verdi-Opern auf der Bühne eigentlich nur dann hinreichend funktionieren können, wenn sie von einem gescheiten Regisseur einstudiert werden. Dass dabei der kulinarische Opernliebhaber auch auf seine Kosten kommen kann, bewies diese mutige Inszenierung, die zeigte, dass diese Verdi-Oper noch immer aktuell ist. Besser kann eine Aufführung zur Wiederbelebung eines Meisterwerkes kaum beitragen, und man darf die Verantwortlichen an der Hamburger Oper dazu beglückwünschen, diese Inszenierung des Theater Basel nach Hamburg geholt zu haben. Überaus lesenswert auch der Aufsatz über das Tragische und Otello im Programmheft von Johannes Blum.

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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Otello: Oper von Giuseppe Verdi

Ort: Hamburgische Staatsoper,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Chor der Hamburgischen Staatsoper (Chor), Paolo Carignani (Dirigent), Calixto Bieito (Inszenierung), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg (Orchester), Marco Berti (Solist Gesang)

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