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Samstag, 17. November 2018

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Anett Fritsch (Mrs. Alice Ford), Rudolf Karasek (Royal/Statisterie), Heidelinde Sedlecky (Royal/Stat, Copyright: Herwig Prammer

Anett Fritsch (Mrs. Alice Ford), Rudolf Karasek (Royal/Statisterie), Heidelinde Sedlecky (Royal/Stat, © Herwig Prammer

Antonio Salieris 'Falstaff' im Theater an der Wien

Finale in der Zaubershow

Salieri konnte mit dem Erfolg seines am 3. Januar 1799 am Wiener Kärtnertortheater uraufgeführten 'Falstaff' zufrieden sein: Bis 1802 folgten 25 Reprisen. Allein die Tatsache, dass Ludwig van Beethoven bald nach der ersten Vorstellung 10 Variationen für Klavier über das Duett 'La stessa, la stessissima' komponierte, zeigt, wie populär Salieris Stück einst war. Doch dann erlitt dieser 'Falstaff' dasselbe Schicksal wie Giovanni Paisiellos 'Barbiere di Siviglia' und Gioacchino Rossinis 'Otello'. Ein genialerer Komponist widmete sich dem gleichen Sujet und hatte noch dazu ein dem heutigen Geschmack besser entsprechendes Libretto zur Verfügung. Natürlich hatte Salieris Textdichter Carlo Prospero Defranceschi auch gar nicht im Sinn, eine möglichst Shakespeare-getreue Opernversion des Stoffs zu erstellen und glich schon die Struktur des Librettos den Konventionen der Opera buffa an. Er strich noch dazu das junge Liebespaar Fenton und Anne vollständig und fügte für Alice Ford außerdem noch eine Szene hinzu, in der sie vorgibt, Deutsche zu sein, um sich bei Falstaff noch interessanter zu machen.

Musikalisch gesehen hat es Salieris Ritter nicht verdient, so in Vergessenheit zu geraten, denn die Partitur zählt sicherlich zu den originellsten Schöpfungen des Komponisten. Das zeigt sich in der prägnanten musikalischen Personenführung ebenso wie in der gelungenen Mischung von Buffa- und Seria-Elementen, darüber hinaus auch in der bemerkenswerten Instrumentation. Auch war der Komponist in diesem acht Jahre nach Mozarts Tod entstandenen Werk bemüht, größere Szenenkomplexe zu schaffen, anstatt auf die althergebrachte Abfolge isoliert stehender Nummern zu vertrauen.

René Jacobs am Pult der Akademie für Alte Musik Berlin ist erfolgreich bemüht, den Detailreichtum differenziert und gleichzeitig auch schroff herauszuarbeiten. Während im Orchestergraben Sensibilität angesagt ist, herrscht auf der Bühne oberflächlicher Klamauk, der die Musik in den Hintergrund zu drängen droht: Torsten Fischer, der am Theater an der Wien schon wenig überzeugend bei Cherubinis 'Médée' sowie bei Glucks 'Telemaco' Regie führte, erweist sich diesmal als Freund des derben Brachialhumors: Seine "Merry wives of Windsor" verkörpern den aktuellen Windsor-Clan, in dem er das Ehepaar Slender zu Prinz Charles und Camilla Parker-Bowles macht und Mrs. und Mr. Ford zu William und Kate mutieren. Und natürlich darf die Queen höchstpersönlich mit ihrem Prinzgemahl nicht fehlen, wenn auch nur in stummen Rollen. Da wäre es natürlich langweilig, nicht auch bei Falstaff und seinem Diener Bardolfo die Assoziation zu einer allseits bekannten Persönlichkeit herzustellen. Man findet sie leicht erkennbar in Form der Stummfilm-Figuren Stan und Olli.

Herbert Schäfers Bühnenbild zeigt zunächst einen weißen Raum, der sich durch die verschiebbare Rückwand beliebig verkleinern lässt. Durchaus originell wäre der Einfall, Falstaff statt in die Themse geräuschvoll in ein Bassin voller Plastikkugeln zu kippen, würde dieser Gag im zweiten Teil nicht zu einem von der Musik ablenkenden Selbstzweck, in dem alle möglichen Figuren darin verschwinden und wieder auftauchen. Und da die Konstellation  Falstaff–Bardolfo immer wieder an Don Giovanni und Leporello erinnert, nimmt Falstaff in seiner Szene mit Alice seinen Theaterbauch ab und wird so zum ernsthaften Verführer. Auch die Bestrafung des Schwerenöters erfolgt bei Fischer Lichtjahre vom Libretto entfernt, in dem ihn der Regisseur in einer Zaubershow zersägen lässt.

In der Titelrolle bleibt Christoph Pohl kaum in Erinnerung: Sein Bariton klingt eher spröde und nur gelegentlich geschmeidig, was umso mehr auffiel, da mit dem Kanadier Robert Gleadow als Bardolfo eine deutlich qualitätvollere Stimme zu hören ist. Der eigentliche musikalische Hauptakzent des Werks liegt auf dem Ehepaar Ford: Annett Fritsch verkörpert den Idealtyp der Singschauspielerin, der die zahllosen Koloraturen genauso wenig Mühe bereiten wie das graziöse Schreiten in ihren Highheels. Maxim Mironov erwarb sich in den letzten Jahren einen guten Ruf als Interpret von den Tenorpartien Gioacchino Rossinis, wobei das hart klingende obere Register den Gesamteindruck auch dieses Mal wieder trübte. Deutlich weniger Chancen zur Profilierung gewährt Salieri dem zweiten Ehepaar, was man nicht unbedingt bedauerte, beginnt doch Alex Pendas Stimme bereits unüberhörbare Probleme mit dem Registerwechsel aufzuweisen, und Arttu Katajas trockener Bariton empfiehlt sich kaum für größere Aufgaben. Deutlich besser gefiel Mirella Hagen in der kleineren Rolle des Dienstmädchens Betty.

Man würde dem Werk auch nach dem diesjährigen Shakespeare-Gedenkjahr gerne wieder begegnen, dann aber lieber in einer weniger aufdringlichen Regie.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Falstaff: Opera comica in zwei Akten von Antonio Salieri

Ort: Theater an der Wien,

Werke von: Antonio Salieri

Mitwirkende: Herbert Schäfer (Bühnenbild), Arnold Schönberg Chor (Chor), Erwin Ortner (Chorleitung), René Jacobs (Dirigent), Akademie für Alte Musik Berlin (Orchester), Arttu Kataja (Solist Gesang), Alex Penda (Solist Gesang), Maxim Mironov (Solist Gesang), Christoph Pohl (Solist Gesang)

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