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Sonntag, 28. November 2021

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Dirigent Peter Eötvös, Copyright: SWR/Marco Borggreve

Dirigent Peter Eötvös, © SWR/Marco Borggreve

Fusioniertes SWR Symphonie Orchester in Freiburg

Ein Anfang

Nach dem berechtigten, nachvollziehbaren Lärmen, mit dem die beiden SWR-Orchester aus Stuttgart sowie Baden-Baden und Freiburg unter lautstarken Protesten seiner Anhänger untergingen, bot der Sender nun einiges mediale Tschingdarassabum auf, um das erste Konzert des schwäbisch-badischen Fusionsklangkörpers namens SWR Symphonie Orchester in die Öffentlichkeit zu tragen. Wann gab es das zum letzten Mal, wenn überhaupt, dass das Eröffnungskonzert im Fernsehen, im Radio und im Internet übertragen wurde? Nun sagt medialer Rummel beileibe noch nichts über die Qualität des Inhalts aus; aber auch hier darf man sagen: Ein Anfang ist gemacht, und der fiel durchaus passabel aus. Freilich, wenn zwei hochklassige Orchester zu einem verschmelzen (müssen), wird kein Zweitligaklangkörper herauskommen. Bis die Ansammlung an Musikern zu einem wirklichen Kollektiv zusammenwächst, bei dem der eine weiß, was der andere tun wird, wird einige Zeit vergehen; das lässt sich nicht vermeiden. Aber ein guter Anfang ist gemacht.

Das Debüt des SWR Symphonie Orchesters, geleitet vom Komponisten und Dirigenten Peter Eötvös, vereinte in seiner ersten Hälfte die beiden Programmschwerpunkte der beginnenden Spielzeit: Werke der finnischen Komponistin Kaija Saariaho und Gustav Mahlers. Zwischen beiden gibt es auf ersten Blick bis auf das Moment der Klangsinnlichkeit, die bei beiden eine zentrale Rolle spielt, erst einmal wenig Verbindendes. Bei Peter Eötvös, einem Ordner, Sortierer und Organisierer am Pult, rückten beide aber doch aufgrund des gleichbleibenden Zugangs von Eötvös zusammen. So wenig er bei Saariaho an der puren Leuchtkraft des Klangs interessiert war (die ihre Musik durchaus haben kann), so stark betonte er in Mahlers 'Adagio' der Fragment gebliebenen Sinfonie Nr. 10 die harten Schnittkanten der Musik. Beides erschien somit ein wenig gegen den Strich gebürstet, ob aus interpretatorischem Kalkül oder dem derzeitigen Klangvermögen des Orchesters geboren, muss unentschieden bleiben. In Saariahos 'Cinq Reflets' für Sopran, Bariton und Orchester, einem Auszug aus ihrer Oper 'L’Amour de loin', wusste vor allem Bariton Russell Braun zu begeistern, der die Sehnsuchts- und Verzückungsverse einer fernen Liebe zu dichten Linien webte. Vor allem das Moment des Eingebildeten in dem imaginären Liebesduett ('Songe') fand eindringlichen Ausdruck, und auch das an dritter Stelle stehende 'L’Amour de loin' gelang eindringlich und innig. Demgegenüber wirkte die Gestaltung der Sopranistin Pia Freund etwas unstet in der Stimmgebung, der Ausdruck des Leidens ('Outremer') eher von außen eingebracht als textgezeugt, was gestalterisch in wenig eingebundenen, harsch klingenden Spitzentönen seine Parallele fand. Das 'Adagio' aus Mahlers Zehnter dann in einer betont nüchternen Deutung, fernab jeder expressiven Übersteigerung. Dieser mitunter harte, kantige Zugang blieb einiges, was dieser Satz an Ausdrucksdimensionen zu bieten hat, schuldig. Allerdings zeigte sich die Bratschengruppe zu Anfang in sehr guter klanglicher Abstimmung und mit fein abgedunkeltem Klang - ein Aufblitzen der klanglichen Potentiale dieses Orchesters, die es in Zukunft bestimmt weiterentwickelt. In seinem Element schien Eötvös vor allem da, wo Mahler einen tänzerischen, etwas schnippischen Ton anschlägt. Hier konnte der Dirigent die rhythmische Bewegung, die ihm vor allem am Herz liegt, mit Lust herausmodellieren lassen.

Die zweite Konzerthälfte brachte eine deutliche Steigerung zur ersten. Es zeigte sich auch da recht klar, woran dieser vereinte Klangkörper in Zukunft zu arbeiten haben wird. Aber der Eindruck, den er hinterließ, machte den bereits recht hoch liegenden Startpunkt der weiteren Arbeit deutlich. Das Violinkonzert Nr. 2 von Peter Eötvös, entstanden 2011/12 und im folgenden Jahr überarbeitet, spielt in seinem Titel 'DoReMi' mit dem Namen der Widmungsträgerin Midori. Setzt man sich allerdings der mit Hochspannung versehenen Deutung der Solistin Patricia Kopatchinskaya aus, lässt sich nur schwer eine andere Deutung vorstellen. Die ungemein feinnervige, jede musikalische Regung in körperliche Spannung übersetzende Solistin brachte in das Konzert eine theatrale Komponente ein, die der Zugänglichkeit des Werks und der emotional-expressiven Kommunikation mit dem Publikum unbedingt guttat. Kopatchinskaya fasst Eötvös‘ Musik als musikalische Gesten auf und formt die musikalischen Ausdruckscharaktere mit höchster Intensität. Vergleicht man ihre Deutung mit der jüngst auf Tonträger erschienenen Interpretation der Widmungsträgerin, fällt auf, dass in Midoris Zugang der große Zusammenhang des dreisätzigen Werks betont wird; das Stück wirkt kompakter und geschlossener. Patricia Kopatchinskaya dagegen lädt selbst die kleinste Geste mit vibrierender Energie auf und entfacht einen lebhaften, auch mimisch intensiven Dialog mit dem Orchester. Wunderbar ihre Zwiesprache mit der Solobratsche, die aus diesem Stück Musik eine kleine Szene machte: Der Bratscher gibt sich zunächst unbeeindruckt von den ungestümen Impulsen der Solovioline, doch nach und nach willigt er in das Spiel ein und lässt sich von den Kapriolen mitreißen. Dies so bezwingend mit theatraler Vitalität aufzuladen, braucht eine Solistin, die sowohl mit allen Wassern gewaschen ist, sich tief in die Musik und ihre Ausdrucksfacetten hinein gräbt – und ein Orchester, das dieser Energiequelle mit ebensolcher Lust begegnet. Und das SWR Symphonie Orchester ließ sich mitreißen.

Diesen Schwung nahm es in Belá Bartóks Konzertsuite 'Der wunderbare Mandarin' mit. Hier gab es fulminante Soli (Klarinette, Posaune) zu hören. Auch da blieb Eötvös der rhythmisch präzise Taktgeber und Abschattierer mit kleiner Geste, und das Orchester antwortete mit rhythmischer und klanglicher Vehemenz. Insgesamt blieb diese Deutung auf der sicheren Seite, ohne zu intensive Lockreize des Mädchens zu setzen. Doch ist es dem Orchester zu verdenken, dass es sich zum Ende der schieren rhythmischen Impulsivität hingibt, statt die Untertöne hervorzukehren? Zündender Abschluss eines guten Einstands. Das Publikum zeigte sich freundlich, wenn auch nicht entzückt, die Beifallsstürme dürfen noch warten. Aber sie kommen bestimmt.

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Kritik von Dr. Tobias Pfleger

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SWR Symphonie Orchester: Das erste Konzert

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Gustav Mahler, Kaija Saariaho, Péter Eötvös, Béla Bartók

Mitwirkende: Péter Eötvös (Dirigent), SWR Symphonieorchester (Orchester), Pia Freund (Solist Gesang), Russel Braun (Solist Gesang)

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