> > > > > 27.10.2016
Sonntag, 26. Mai 2019

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Katia Pellegrino (Norma), Copyright: Matthias Jung

Katia Pellegrino (Norma), © Matthias Jung

Bellinis 'Norma' in Essen

Ambivalenz der Gefühle

Die erste Neuinszenierung der Spielzeit 2016/17 des Aalto-Opernhauses in Essen gilt 'Norma' von Vincenzo Bellini in einer schlichten, fast konzertant anmutenden Inszenierung von Tobias Hoheisel und Imogen Kogge. Hauptelement des abstrakten, Kreise und gerade Formen verbindenden Bühnenbildes sind im Vintage-Stil weiß-blau gestrichene, hoch aufragende, bewegliche Bretterzäune. Sie unterteilen den Bühnenraum in öffentliche und private Räume, ermöglichen mitunter wunderbar romantisch geheimnisvoll ausgeleuchtete Auf- und Abgänge der Protagonisten und schaffen Raum für im Proszenium versteckte, ein neues szenisches Ereignis einleitende Bühnenmusik. Hinter einem auf einer Drehbühne installierten Halbrund verbirgt sich ein kleiner Hügel. Tempelwächter häufen zu Beginn der ersten Szene ein paar Steine, die mit einem metallisch schillernden Becken gekrönt werden – Symbol für Altar und Heiligtum der Mondgöttin Irminsul.

Schlicht auch die funktionale Kostümierung. Zeitlos, archaisch und kultisch geprägt stellt sich das geordnete Gesellschaftsgefüge der Gallier dar. Sie warten auf ein göttliches Zeichen, um gegen die Besetzungsmacht der Römer aufzubegehren, doch Druidin Norma gebietet Ruhe. Für sie, die den römischen Prokonsul Pollione liebt, gibt es keine eindeutigen Antworten und Lösungen. Zwei Kinder sind Zeugnis dieser geheim gehaltenen Liebe, über die Norma in bittersüßer Melancholie sinniert, während Pollione sich unsterblich in die junge Druidin Adalgisa verliebt hat.

Auch sie ist von ambivalenten Gefühlen zerrissen. Während sie recht schnell auf die Liebe verzichten will, sich für Geborgenheit und Freundschaft entscheidet, scheint Norma, erschrocken vor sich selbst, in Hass und Aggression zu ersticken, um sodann in menschlicher Größe sich selbst zu opfern, am Ende widersinnig und irrational mit einem sich zu ihr bekennenden Pollione in den Tod zu gehen.

Essen zeigt diese schonungslose Offenbarung und Auseinandersetzung widersprüchlicher Gefühle in romantisch ausgeleuchteten, mit Licht und Schatten geheimnisvoll spielenden Szenen. Und die dramatische Sopranistin Katia Pellegrino versteht es, mit langsamen Tempi, Kraft und leichtem Vibrato, wendig in Rezitativ und Arie die Zerrissenheit einer psychisch starken, gereiften Norma vor Augen zu führen. Mezzosopranistin Bettina Ranch stellt lyrisch gefärbt und anrührend die junge Adalgisa dar, während Gianluca Terranova einen kraftvollen Pollione verkörpert.

Deutlich wird in dieser Inszenierung, wie stark Bellini in seiner 1831 in Mailand uraufgeführten Tragödie in größeren, musikalischen Zusammenhängen komponiert. Vor allem in den Ensembleszenen führen Chor-, Gesangssolisten und die Essener Philharmoniker unter der Leitung des jungen, 2016 als bester Nachwuchsdirigent mit dem Opera Award ausgezeichneten Dirigenten Giacomo Sagripanti die Kunst der musikalischen Steigerung und Entwicklung vor Augen – eine Dramaturgie der Leidenschaften, die die Essener Philharmoniker kontrastreich wechselnd  und kunstvoll verknüpft schon in der Ouvertüre in Szene setzen: Auf trockene, kurze, martialische Akkordschläge folgen rhythmisch federnde Leichtigkeit und melancholisch gefühlige melodische Bögen – ein transparenter Klanggenuss durch und durch.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Norma: Tragische Oper in zwei Aufzügen von Bellini

Ort: Cafe Nova,

Werke von: Vincenzo Bellini

Mitwirkende: Philharmoniker Essener (Orchester)

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