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Donnerstag, 21. Januar 2021

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(v.l.) Aron Gergely (Schwan), Jessica Muirhead (Elsa), Daniel Johansson (Lohengrin), Copyright: Forster

(v.l.) Aron Gergely (Schwan), Jessica Muirhead (Elsa), Daniel Johansson (Lohengrin), © Forster

Zur Neuinszenierung des 'Lohengrin' in Essen

Herrschaft und Liebe

'Lohengrin', zweiter Akt, vierte Szene: Ein verunsichertes Volk ohne politische Führung scheint endlich seinen Retter, den geheimnisvollen Schützer von Brabant, gefunden zu haben. Der Beginn der Szene zeigt die Vorbereitungen der Hochzeit von Elsa und Lohengrin, einen der äußeren und inneren Höhepunkte der mutigen, vielschichtigen Essener 'Lohengrin'-Inszenierung Tatjana Gürbacas. Vielstimmige Chöre und das gewaltige Orchester verbreiten Jubel und festliche Stimmung. Noch bevor Braut Elsa die Bühne betritt, breitet sich der gigantisch lange Brautschleier wie ein Mantel des Vergessens über die Köpfe aus. Detailliert choreografierte, sanft wiegende Massenszenen führen vor Augen, wie alle mithelfen, ihre Hände ausstrecken und förmlich danach dürsten, zu feiern, um für kurze Zeit Probleme und Sorgen vergessen zu können. Und wenn plötzlich die Stimmung kippt, Ortrud und Telramund auftreten und die dramatische Spannung steigt, erstarrt die Masse in verlangsamter Bewegung, zeigt gebeugt, in Gesten und Mimik seine Verunsicherung.

Wie sehr Regisseurin Tatjana Gürbaca es versteht, den Nerv der Zeit zu treffen, zeigen die von Buhs und Bravi und Standing Ovations gemischten Reaktionen im Anschluss an die Premiere. Mit Empathie, analytischem Scharfsinn und dramaturgischem Geschick setzt sich die Regisseurin mit Richard Wagners rezeptionsbelastetem Werk auseinander, richtet ihr Augenmerk vor allem auf die Heldinnen der Oper und zeigt in der Vermischung von privat und öffentlich eine Gesellschaft im Umbruch.

Alles erstrahlt zunächst in nüchternem Weiß. Marc Weeger verdichtet Bühne und Spielfläche zu einer steil ansteigenden perspektivisch ausgerichteten Treppe, deren hohe Stufen verspielt mit kleiner Kirche und rechteckigen, hell erleuchteteten Mini-Gebäuden bestückt sind. Hier wird angeklagt, verhandelt, gewartet, gejubelt, geschlafen. Ein Politisches und Privates vermischendes Experimentierfeld, das sich im zweiten Akt perspektivisch öffnet und als Theaterkulisse zu erkennen gibt.

In Gürbacas spannender 'Lohengrin'-Inszenierung ist der Schwan ein Kind. Lang ersehnt und vom Volke auf Händen getragen, kommt es schließlich auf der unteren Stufe an. Mal liegend, mal Partei ergreifend, begleitet es überwiegend stumm das Geschehen, schreit auch mal dazwischen oder sitzt zwischen den Eheleuten.

Zugleich lenkt die Regisseurin das Interesse auf die Protagonistinnen Elsa und Ortrud. Elsa verspricht ihrem geheimnisvollen Retter nicht nur die Ehe, sondern auch die Herrschaft über Brabant. Widerspenstig lässt sie sich zu Beginn als Gefangene, des Brudermordes Angeklagte, vorführen. Blutrot gebrandmarkt als Mörderin und Hexe, erinnert ihr Büßergewand zugleich an einen Laborkittel. Ihr Vertrauen ist nur scheinbar blind. Beherzt und desillusioniert scheut sie sich im dritten Akt nicht, vor einer endgültigen Bindung die entscheidenden Fragen zu stellen. Wagemutig steckt sie Lohengrin den Dolch zu, um Kritiker Telramund zu töten. Heldenhaft setzt sie schließlich ihrem Leben ein Ende. Auch Ortrud, der Silke Wilrett Frisur und Berufskleidung von Angela Merkel gegeben hat, holt die politische Situation auf den Boden der Tatsachen zurück, verdeutlicht einen notwendigen Perspektivwechsel, schürt Misstrauen und verfolgt Machtinteressen.

Ganz im Kontrast dazu das farbenreiche, dynamisch nuancierte Klangbild der Musik. Wunderbar, wie die Zuschauer zu Beginn des ersten Aktes durch von den Rängen spielende Bläser aus dem Rausch sinfonischer Ouvertürenpoesie zurückgeholt werden, wie die Essener Philharmoniker unter der Leitung Tomás Netopils plastisch und bewegt in Tempo und Dynamik die musikalische Dramaturgie Wagners zum Leuchten bringen. Dazu ein homogen klingender, dynamisch differenzierter und brillant spielender Opernchor. Passend besetzt sind auch die Gesangssolisten. Almas Svilpa überzeugt als bassbaritonal gefärbter König Heinrich. Jessica Muirhead ist mit klangvollem, leicht vibrierendem, lyrisch-dramatischem Sopran eine junge Elsa von Brabant. Katrin Kapplusch verkörpert eine dramatisch aufleuchtende, selbstbewusste Ortrud. An ihrer Seite ist Bariton Heiko Trinsinger ein kraftvoller, vollmundiger Friedrich von Telramund, während Daniel Johansson den Part des Lohengrin übernimmt.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Lohengrin: Romantische Oper von Richard Wagner

Ort: Cafe Nova,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Tomás Netopil (Dirigent), Tatjana Gürbaca (Inszenierung), Philharmoniker Essener (Orchester), Almas Svilpa (Solist Gesang), Katrin Kapplusch (Solist Gesang), Heiko Trinsinger (Solist Gesang)

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