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Mittwoch, 17. Juli 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

'Salome' an der Semperoper in Dresden

Prinzessinnen-Alptraum

Es ist die achte 'Salome'-Neuinszenierung in Dresden seit ihrer Uraufführung an der Semperoper vor 111 Jahren. Diesmal versucht sich Regisseur Michael Schulz an dem seit seiner Entstehung für Furore sorgenden Stoff. Den Taktstock hält Omer Meir Welber in der Hand; er zaubert die gewaltigsten, erschütterndsten Klänge aus dem Orchester. Und Strauss' Musik kommt ja vom Orchester her, sie lebt von harmonischen und disharmonischen Wendungen und Entwicklungen, von schwärmerischer Klangmalerei mithilfe des unerschöpflichen Pools an Instrumentenfarben und von den immer wiederkehrenden und variierten Motiven. Doch tragen Welber und die Sächsische Staatskapelle an einigen Stellen dann zu dick auf, sodass Sängerinnen und Sänger kaum mehr gegen diese Klangwand ankommen.

Kein Kindheitstraum

Ein in zartes rosa gekleidetes Kinderzimmer: Salome sitzt auf ihrem Prinzessinenbett zwischen ihren Spielsachen, Narraboth im Teddybärenkostüm, die beiden Soldaten als Toystory-Cowboyfigur und Nussknacker (Kostüm: Renée Listerdal). In einem skurrilen Traum verarbeitet sie die Ereignisse am Hof, sie erzwingt die Begegnung mit dem Außenseiter Jochanaan, der sie so sehr fasziniert, tritt sogar aus ihrem Zimmer in die Dunkelheit hinaus, um den Fremdling zu umgarnen. Der Tod des Teddys Narraboth, kräftig und ambitioniert von Daniel Johansson gegeben, markiert schließlich den endgültigen Abschied Salomes von ihrer Kindheit.

Als Salome erwacht, stürmt schon der ganze Hofstab in ihr Zimmer, umringt sie und setzt sich einfach neben sie aufs Bett, Hauptmann Narraboth hat tatsächlich Suizid begangen und fällt tot aus ihrem Kleiderschrank. Zu allem Überfluss vergnügt sich Mutter Herodias mit ihrem Lustknaben zwischen den Sachen ihrer Tochter. Privatsphäre gibt es an diesem Hof, zumindest für die junge Prinzessin, offensichtlich nicht.

Das Prinzesschen, die Rabeneltern und Co.

Die junge unschuldige Salome, wie sie uns hier anfangs begegnet, ist ganz nach Strauss' Vorstellung, strich er doch genau die Sätze aus Oskar Wildes Vorlage, welche Salome irgendwie vulgär oder obszön erscheinen ließen. Jennifer Holloway, die ihr Debüt in der Titelpartie feierte, macht sich in dieser Salome-Interpretation hervorragend, zumal es ihr nicht nur gelingt, eine kindliche Erscheinung abzugeben, sondern auch einen zarten und immer schönen Stimmklang zu bewahren. Dennoch hat sie dabei ausreichend Kraft und Dramatik, um diese schwierige Partie zu bewältigen.

Lance Ryan beweist als Stiefvater Herodes agile Darstellung und stimmliche Durchschlagskraft. Nur zögerlich werden seine Befehle von den Untergebenen aufgenommen, die Autorität hat den paranoiden Herrscher schon lange verlassen. Lustversessen und trunksüchtig gibt daneben Christa Mayer Königin Herodias. Mit bissigen Tönen und herrscherlicher Stimmgewalt weist sie zynisch ihren Mann zurecht.

Wie sorgfältig an diesem Haus die zahlreichen Nebenrollen ausgesucht werden, macht sich besonders deutlich an der Besetzung Georg Zeppenfelds als ersten Nazarener. Der Ausnahmebass macht den kurzen Auftritt zu einem kleinen Höhepunkt des Abends und hält jedem in Erinnerung, dass Jochanaan mit seiner Prophezeiung nicht allein dasteht. Aber auch die anderen Partien, wie die beiden Soldaten (Martin-Jan Nijhof und Luciano Batinić), der Page (Christina Bock) oder die fünf Juden, brillieren stimmlich und darstellerisch auf voller Linie.

Der intellektuelle Außenseiter

Schon beim ersten Auftritt Jochanaans wird deutlich, dass hier kein verschmutzter, heruntergekommener Gefangener steht. Auch in dieser Lage liest er noch und arbeitet an seinen Lehren weiter, obwohl er ständig gedemütigt und von den Soldaten herumgeschubst wird. Diese schlichte und hoffnungsvolle Art kennzeichnet ihn noch stärker als Gegenpol zum dekadenten und desperaten Königspaar. Markus Marquardt bringt die Figur überzeugend und stimmlich solide auf die Bühne, teils fehlt der Glanz in den Höhen etwas, was aber auch als Entkräftung durch die Gefangenschaft entschuldigt werden kann.

Tanz der sexy Sechs

Den berüchtigten Schleiertanz vollführen sechs Burlesque-Tänzerinnen stellvertretend in einer aufreizenden, aufwendig gestalteten Choreographie von Koko La Douce – sie lassen dabei alle Hüllen fallen. Zahlreiche Lichtwechsel des hauseigenen Lichtdesigners Fabio Antoci schaffen betörende Stimmungen und mit dem Goldlametta zusammen wird so das Kinderzimmer zum Bordell. Salome integriert sich mal in den Tanz, jedoch nur, um mit kindischen Grimassen zu kommentieren. Sie wendet sich an Jochanaan und beschenkt ihn mit Rosen, was diesen nur noch mehr entrüstet.

Kein Kinderwunsch

Diese Abweisung, nun nicht nur Traum, sondern Realität, verleitet Salomes im Zeitraffer heranwachsendes Gemüt zur schaudervollen Forderung nach Jochanaans Kopf. Herodes versucht die Prinzessin noch auf die väterliche Art davon abzubringen, nimmt sie auf den Schoß und redet ihr gut zu, doch das stachelt sie geradezu an. Aus dem anfänglich noch vagen Wunsch wird spätestens dann Gewissheit, als sie sieht, wie sehr sie den Tetrarchen damit in den Wahnsinn treibt, und durch das ständige Wiederholen dieses Wunsches gleitet sie selbst in den Wahnsinn. Sie tritt erneut heraus aus ihrem Zimmer, und ein Abgrund tut sich auf zu ihrer alten Welt. Der Henker Jochanaans ist jener Lustknabe, Sünde und Laster der Mutter. Nach der Rückkehr legt Salome behutsam den Kopf und ein rotes Kleid neben sich ins Bett. Alle Unschuld ist verloren. Der Tetrarch lugt für den letzten Befehl an den Henker aus dem Kleiderschrank: Man töte dieses Weib!

Resümee

Musikalisch gelingt an der Semperoper wieder einmal ein ganz großer Wurf, was sich vor allem in einem hervorragenden Ensemble zeigt. Teils ist nur der ungebändigte Orchesterklang etwas zu gewaltig, um diesen ausgezeichneten Stimmen Platz zu lassen. Schulz' Inszenierung betont das Groteske und Extreme, was nicht nur offensichtlich in der Musik, sondern auch in Text und Handlung steckt. Salome wird als Kind gezeichnet, das ohne Jugend, ohne Adoleszenz direkt in die Welt der Erwachsenen gerät. Auch wenn in der langen vierten Szene die Erzählung etwas verwaschen wird, ist besonders Salomes Traum in den ersten drei Szenen und dessen Verwebung mit der Realität äußerst bedacht und intelligent angelegt.

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Kritik von Theo Hoflich

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Salome: Musikdrama in einem Aufzug von Richard Strauss

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Omer Meir Wellber (Dirigent), Michael Schulz (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Georg Zeppenfeld (Solist Gesang), Markus Marquardt (Solist Gesang), Christa Mayer (Solist Gesang), Lance Ryan (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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