> > > > > 29.10.2016
Sonntag, 20. Oktober 2019

Dorothea Maria Marx (Marie) in Smetanas "Verkaufter Braut", Copyright: Thomas Jauk

Dorothea Maria Marx (Marie) in Smetanas "Verkaufter Braut", © Thomas Jauk

Hannover spielt die 'Verkaufte Braut' von Smetana

Musikalisch ein Genuss

Wie gewohnt erwartet den Besucher der Staatsoper Hannover ein musikalischer Genuss. Allen voran glänzt Dorothea Maria Marx als "verkaufte Braut" Marie. Virtuos und wandelbar zeigt sie sich, bringt mühelos wechselnde Stimmungen zum Ausdruck bis hin zur Trauer um die vermeintlich verratene Liebe im dritten Akt. Vergleichsweise sanft singt ihr Geliebter Hans, Tenor Robert Künzli. Seine Stimme hat Kraft, vor allem aber Schmelz. Strahlender klingt sein Bühnenbruder Tivadar Kiss als Wenzel – andere Schule. Ein wunderbarer Buffo-Bass ist Shavleg Armasi als Kezal, vermittelt er doch den etwas schmierigen Kuppler schon rein vokal glaubhaft.

Selbst kleine Rollen wie die der Tänzerin Esmeralda, Wenzels Auserwählter, sind gut besetzt. Ylva Stenberg singt sie mit klarem, leichtem und beweglichem Sopran. Maries Eltern schließlich werden von den Veteranen Stefan Adam und Brigitte Hahn souverän verkörpert. Schließlich ist da das Niedersächsische Staatsorchester mit seiner mühelos-schwungvollen, von Benjamin Reiners geleiteten Interpretation der Partitur, in der besonders die Holzbläser mit ihren zahlreichen lyrischen Einsätzen glänzen.

Der Chor (Einstudierung: Dan Ratiu) trägt ebenso viel ebenso zur folkloristischen Atmosphäre bei wie der "Bewegungschor", eine Tanztruppe (Choreographie: Matthias Brühlmann) in trachtenähnlichen Kostümen (Sabine Schröder). Wer nach all dem glaubt, hier die Kritik einer neuen Inszenierung der 'Verkauften Braut' von Bedrich Smetana zu lesen, der irrt. Zumindest teilweise. Zwar steht diese Oper auf dem Spielplan, und auch das Programmheft nennt diesen Titel, wenngleich es als Librettisten neben Karel Sabina auch den Dirigenten Benjamin Reiners und den Regisseur Martin G. Berger nennt. Das könnte sich noch auf die Übersetzung beziehen, denn die Texte sind in aktuelles Deutsch umgedichtet. Statt des bekannten Textes "Weiß ich doch eine, die hat Dukaten", singt Kezal hier zum Beispiel: "Ich kenne eine, die hat echt Kohle".

Andere Textänderungen sind jedoch durch die Inszenierung bedingt, denn es wird eben nicht die 'Verkaufte Braut' gespielt, sondern "heimatneuerleben.de". Das verrät schon das Plakat über dem Portal der Staatsoper, das dort jeden Abend die jeweils gespielte Produktion anzeigt. Damit hat das Regieteam beim Namen genannt, was bei vielen Produktionen getarnt wird: Häufig werden ja bekannte Stücke angekündigt, die man dann auf der Bühne gar nicht wiedererkennt. Was in diesem Fall dabei herausgekommen ist, formuliert Michael Dries in der Rolle des Tobias Micha am Ende vorsichtig: "Man könnte sagen: eine Oper". Könnte man, muss man aber nicht, denn die Musik wurde beherzt gekürzt (so gibt es etwa fast keine Rezitative mehr), während jede Menge gesprochener Text extra für dieses neue Stück geschrieben wurde, ein komplett neues Libretto. Solche neuen Texte, aus dem Schauspiel ja nicht mehr wegzudenken, sind im Musiktheater noch die Ausnahme.

Inhaltlich geht es um eine Show, die im Hannoveraner Opernhaus spielt, produziert von der fiktiven Firma Prolocal. Der erhobene moralische Zeigefinger: Prolocal-Mann Fabian Springer (Schauspieler Fabian Gerhardt), eine neu erfundene Figur, gibt sich zwar überaus tolerant, schließlich wollen er und seine Kollegen sich aber doch am liebsten gegen alles Fremde abschotten und die heimatliche Vereinsmeierei pflegen. Am Ende läuft Wenzel, noch im (aus der originalen Handlung übernommenen) Bärenkostüm Amok und metzelt die gesamte Hochzeitsgesellschaft (bzw. das Prolocal-Team) mit dem Maschinengewehr nieder. Zuvor bleibt die Handlung so lustspielhaft, wie man es auch bei einer 'Verkauften Braut' hätte haben können, eher noch ein paar Umdrehungen alberner. Das Premierenpublikum ist geteilter Meinung, das Regieteam wird bejubelt und ausgebuht.

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Kritik von Jan Kampmeier

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Die verkaufte Braut: Singspiel von Bedrich Smetana

Ort: Staatsoper,

Werke von: Bedrich Smetana

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