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Montag, 24. Februar 2020

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Lucian Krasznec (Faust), Eleonore Marguerre (Marguerite), Copyright: Thomas Jauk / Stage Picture

Lucian Krasznec (Faust), Eleonore Marguerre (Marguerite), © Thomas Jauk / Stage Picture

'Faust' von Charles Gounod in Dortmund

Meisterlich die Inszenierung, brillant der Gesang

Marguerite ist schwanger. Sie erscheint in eine graue Decke gehüllt. Mit zerzaustem Haar und wirrem Blick legt sie den weiten Weg aus den Tiefen der Bühne zurück. Anrührend und überwältigt von Einsamkeit, Sehnsucht, Trauer und Verzweiflung scheint sie sich immer wieder zu vergewissern: 'Il ne revient pas' (Er kommt nicht zurück).

In John Fulljames' einfühlsam und brillant erzählter, anspielungsreicher Tragödie ist Marguerite nicht allein. Faust sucht ihre Nähe, umklammert kniend ihren Bauch. Ausdrucksvoll gespielt von David N. Koch zeigt Fulljames Faust als gebrechlichen, kranken, des Lebens müde gewordenen alten Mann, der in der ersten Szene immer wieder von dem als Krankenschwester verkleideten Mephisto gehindert wird zu sterben. Die Erinnerung hält ihn wach. Und Fulljames versteht es meisterhaft, das Geschehen zu kommentieren, mitunter Gesprochenes einzufügen, die Perspektive des von Gewissensnöten geplagten, Versöhnung und Aussöhnung suchenden Kranken mitfühlend und spannungsreich vor Augen zu führen.

Lucian Krasznec verkörpert den jungen Doktor Faust. Mit lyrischem Schmelz und kopfstimmig gefärbtem, verführerischem Stimmklang verzaubert er das Publikum. 'Ich spüre, wie die Liebe nach mir greift' erinnert sich der Alte, während er zur letzten Strophe der Arie 'Salut demeure chaste et pure' seines jungen Alter Ego niederkniet und 'mein schlechtes Gewissen zerreißt mich' spricht.

Magdalena Gut hat die Bühne in ein an einen Bunker mit kreisförmigen Öffnungen erinnerndes Seelengefängnis verwandelt. Zu den dramatischen Klängen der Introduktion ergießen sich Nebelschwaden aus bullaugenförmigen, seitlichen Öffnungen. Weiße, umwölkte Luftballonsträuße künden von karnevalesken Volksfesten.

Eleonore Marguerre ist die Traumfigur Marguerite par excellence. Ob klangvoll leicht vibrierend oder schlank und verzückt, ob dynamisch aufblühend oder sich in den höchsten Höhen ins Pianissimo zurücknehmend - die Sopranistin weiß die Protagonistinnenrolle unnahbar anrührend und nuancenreich zu charakterisieren. Nach der verzaubernden Schmuckarie besteigt das romantisch anmutende Liebespaar im gemeinsamen Duett die Baumkrone und entschwindet samt Baum himmelwärts, während der alte Faust weint und zitternd am Boden liegt.

Tänzerische Leichtigkeit, gefühlvolle Tiefe – Motonori Kobayashi und die Dortmunder Philharmoniker gestalten transparent und dynamisch ausgefeilt. Ebenso überzeugend ein auch schauspielerisch und choreographisch glänzender Chor. Karl-Heinz Lehner ist ein klangvoller, mit baritonaler Tiefenschwärze ausgestatteter Mephisto, der im 'Couplet vom goldenen Kalb' mit Geldscheinen um sich wirft.

Julia Kornackas Kostüme deuten mit bunten Glitzerhütchen und -federboa karnevaleske Feierlaune an. Sehr stimmig wie alles, auch die Masken und verblassten Soldatenkostüme das Wechselspiel der subjektiven Erinnerung, die Vermischung von Traum und Wirklichkeit spiegelt.

In der Gefängnisszene kehrt Fulljames zum Ausgangsbild zurück. Ausgesöhnt fassen sich Faust und Marguerite an die Hände. Zu Trommelwirbel und apotheotischem Chorgesang zieht Marguerite ihr Prinzessinnenkleid aus und entschwindet in das strahlende Licht des Bühnenprospekts. 'Christus ist auferstanden' singt der Chor. Die Hinterwand schließt sich. Zu gedämpft ausklingender Musik sieht man den alten Faust erlöst vom Tode am Boden liegen.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Faust (Margarethe): Oper von Charles Gounod

Ort: Alter Weinkeller,

Werke von: Charles Gounod

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