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Dienstag, 20. August 2019

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Innenansicht Laeiszhalle Hamburg, Copyright: Michael Ruff

Innenansicht Laeiszhalle Hamburg, © Michael Ruff

Eschenbach dirigiert Bruckner

Nordlichter

Trotz des traditionell spätherbstlichen Hamburger Sommers gibt es im August nicht viele Möglichkeiten, Anton Bruckners Neunte Sinfonie in d-Moll zu hören. Und wenn dann noch ein internationales Projektorchester aus jungen Musikern wie das Schleswig-Holstein Festival Orchester unter Leitung des ausgewiesenen Bruckner-Dirigenten Christoph Eschenbach zu hören ist, ist eine volle Laeiszhalle garantiert. Eschenbach kombiniert Bruckner gerne mit Werken der Wiener Klassik. Und so war es auch dieses Mal. Dass es sich bei Joseph Haydns Sinfonie D-Dur Hob. I:104 ebenfalls um eine letzte Sinfonie handelt, auch noch in der Dur-Tonart, täuschte jedoch nicht darüber hinweg, dass beide Programmpunkte wenig gemeinsam hatten – von Eschenbachs konservativem Ansatz abgesehen.

Das Orchester des Schleswig-Holstein Musik Festivals legte von Beginn an eine kontrollierte Strenge an den Tag, die vor allem in den Streichern bewunderswert war. Der Charakter eines erweiteren Prüfungskonzertes (alle Mitglieder dürfen nicht älter als 26 Jahre sein) war hier nicht vorhanden. In der dynamischen Akzentuierung klangen vor allem die Streicher vorbildlich, die Holzbläsersoli im 'Andante' und 'Menuetto' konnte man sich einrahmen und an die Wand hängen. Sogar das Paukencrescendo im 'Menuetto' wirkte extrem ausgefeilt. Insgesamt klang dieser Haydn wohl mindestens so gut wie im Abokonzert eines A-Orchesters.

In eine andere Welt entführte nach der Pause Bruckners Neunte. Auf etwa die doppelte Größe angewachsen, war dem Klangkörper die Nervosität dann doch anzumerken, ein derartiges sinfonisches Monstrum an der Schwelle zur Moderne bewältigen zu müssen. Auf dem Weg zum katastrophenhaften Tutti-Hauptthema standen die Orchestergruppen eher nebeneinander, als ein großes Ganzes zu bilden. Im riesenhaften Satzverlauf klangen gerade die von Bruckner gewollt dissonanten Tutti-Stellen verschwommen und an den Rändern zerfasert. Bratschen und Celli wirkten gegenüber den ersten und zweiten Geigen weniger präsent. Man konnte prinzipiell zwar spüren, wo es hingehen sollte, und Eschenbachs charakteristischer Zugriff war auch zu hören, jedoch wirkte der Gesamtklang zu wenig eingeschliffen und letztendlich unfertig.

Wiederum beispielhaft plastisch klangen im Scherzo dann die zum stampfenden Hauptthema hinführenden Pizzicati. Wirkten die ersten beiden Sätze so, als müsste man sich noch warm spielen, war man im 'Adagio' dann quasi auf Betriebstemperatur angelangt. Die letzte, fast schon clusterartige Tutti-Dissonanz brannte sich nachhaltig ins Gehör, auch weil Eschenbach sie überdurchschnittlich lange aushielt, wie um zu zeigen, wozu dieses Orchester in der Lage ist. Schade nur, dass es erst in der dritten Halbzeit soweit war. Am Ende Standing Ovations.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Schleswig-Holstein Festival Orchester: Christoph Eschenbach

Ort: Laeiszhalle,

Werke von: Anton Bruckner, Joseph Haydn

Mitwirkende: Christoph Eschenbach (Dirigent)

Detailinformationen zum Veranstalter Schleswig Holstein Musik Festival

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