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Dienstag, 12. Dezember 2017

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Calaf (Leonardo Caimi) & Turandot (Jennifer Wilson), Copyright: Tom Schulze

Calaf (Leonardo Caimi) & Turandot (Jennifer Wilson), © Tom Schulze

Puccinis 'Turandot' an der Oper Leipzig

Science-Fiction-Dystopie

In einer gewaltigen Inszenierung ging am vergangenen Wochenende am Opernhaus Leipzig Giacomo Puccinis letztes Bühnenwerk als erste Opernpremiere der Saison über die Bühne. Mit dem Gewandhausorchester Leipzig gelingt Dirigent Matthias Foremny durch flotten Zug, klaren Klang und - wo angebracht - dramatisch zugespitzte Ausbrüche eine mitreißende Gesamtinterpretation. Regisseur Balázs Kovalik beehrte das Haus erneut nach seiner 'Frau ohne Schatten' vor über zwei Jahren, mit dabei wieder Heike Scheeles Bühnenbild und Sebastian Ellrichs Kostüme. Für das stimmungsvolle Licht zeichnete Michael Röger verantwortlich.

Hochtechnisierte Barbarei

Die Ausstattung hat es in sich. Kovalik versetzt das Geschehen in ein futuristisches absolutistisches Reich: ein Konstrukt aus bespielbaren weißen Waben erstreckt sich über die volle Bühnenhöhe, die Untertanen sind ganz in schwarz mit Sonnenbrillen und Kapuze jeglicher individuellen Identität beraubt, die Soldaten mit Spiegelvisier und phallisch anmutenden Hightech-Stäben bereit jeden, der aus der Reihe tanzt, auszuschalten. Es ist eine Welt, in welcher trotz technischem Fortschritt barbarische Rituale an Mitmenschen an der Tagesordnung sind. Der Mandarin, kraftvoll von Sejong Chang gegeben, repräsentiert die unterdrückte und fehlgeleitete Masse. Die Bevölkerung selbst wankt zwischen Mitleid und Mordlust, immer der Angst gegenwärtig das nächste Opfer der brutalen Herrschaft zu werden. Niemand schreitet ein, wenn der junge Prinz von Persien (Hans Müller) noch im Kindesalter hingerichtet wird. Chor und Extrachor der Oper Leipzig liefern eine musikalische Top-Leistung, die für präzise und wohlbedachte Einstudierung durch Alexander Stessin spricht. Besonders erfreulich auch die Spielfreude und das szenisches Engagement, wie man es bei Opernchören leider viel zu selten sieht. Solch ein Mitgehen macht großes Inszenieren erst möglich.

Willkommen in der schönen neuen Welt

Vater Timur und Dienerin Liù finden sich in dieser Einheitsmasse wieder. Unter ihrer Uniformierung kommt ein grünes klassisches Gewand zum Vorschein; es verweist auf ihre Herkunft aus einer anderen Welt, aus einer anderen Zeit. Sie stehen in einer – sicherlich auch nicht fehlerfreien – Tradition mit moralischen Werten, bilden den Gegenpol zum totalitären System, das sich seine Tradition selbstsüchtig zurechtlegt. Randall Jakobsh liefert einen mächtigen Timur ab, wenn manchmal der Ton auch etwas tief im Hals sitzt. Olena Tokar geht voll auf in der Rolle der Liú und zeigt stimmliche Flexibilität auf höchstem Niveau. Manchmal geraten ihr die Höhen etwas scharf, doch dann stellt sie wieder den Glanz mit imponierender Leichtigkeit her.

Verkommene irre Führung

Die skrupellos opportunistischen Aristokraten Ping, Pong und Pang jammern einer Welt nach, in der sie ihre Reichtümer und Ländereien noch auskosten konnten, genießen dabei aber Bad, Massage und Opium in klassischen Chinesischen Räumen. Stimmlich beeindruckt besonders Jonathan Michie als Ping mit seinem herrischen und klangvollen Bariton; ihm gesellen sich listig Sergei Pisarev als Pong und Keith Bold als Pang zur Seite. Der Kaiser Altoum, durch eine große Goldstatue geehrt, ist nicht der gewohnte Schwächling, vielmehr driftet er allmählich lachend in den Wahnsinn ab. Martin Petzold verleiht der Figur glaubhaft die neuen Facetten.

Schrei nach Liebe

In diesem Umfeld aufgewachsen, begegnet uns eine emotional instabile und wankelmütige Turandot. Schon ihr rotes Kleid spricht gegen die herkömmliche Deutung als Eisprinzessin. Die Klagen des Volkes lassen sie durchaus nicht kalt, die Verzweiflung, aus der sie handelt, wird von Anfang an klar gezeichnet. Durch den geheimnisvollen Schleier scheint Unsicherheit und Liebesbedürftigkeit hindurch. Jennifer Wilson gibt eine temperamentgeladene und stimmgewaltige Turandot ab. Auch wenn ihr ständiges Töne-Anschleifen stört, meistert sie diese hochdramatische Partie beeindruckend. Selbst über volles Orchester und Chor donnern noch ihre Spitzentöne. Etwas Schwierigkeiten in der Durchschlagskraft hat jedoch Hausdebütant Leonardo Caimi als unbekannter Prinz Calaf, wenn das Orchester ins Fortissimo crescendiert. Sein Klang ist aber immer kraftstrotzend und dennoch geschmeidig, wird nie scharf, nie trocken und bleibt daher ein durchwegs genussvolles Hörerlebnis. Caimi gibt die Figur als klassischen verliebten Helden, nicht blind für sein Umfeld, aber in der Erscheinung stets selbstbestimmt mit klarem Ziel vor Augen. In einem Spiegelkabinett finden die Rätsel statt, die Turandot erlösen, es ermöglichen endlich erkannt, endlich besiegt und endlich geliebt zu werden, Liebe zu erfahren, die von ihr in ihr selbst widergespiegelt wird. Diese Auflösung bringt die sowieso stetig schwankende Prinzessin vollkommen aus der Fassung.

Ein Opfer für bessere Zeiten

Die zentrale Szene, die letzte Szene aus Puccinis Feder, der Tod der Liú, wird von Kovalik in gebührender Schlüsselfunktion eingearbeitet. Olena Tokar beweist in ihrem Schlussgesang nochmals außerordentliche Qualitäten, berührt tief anmutig in ihrer Darstellung, steigt auf zum heimlichen Star des Abends und wird groß vom Publikum gefeiert. Timur begräbt mit ihr sein grünes Gewand, die Hoffnung hat gesiegt, Blut musste fließen, und die Terrorherrschaft ist zerschlagen. Denn Turandot sieht durch Liú erstmals, zu welchen Opfern Liebe fähig ist. Die "Niederlage" Turandots ist schließlich die Befreiung der Bürger aus der Verblendung. Der Mandarin mordet stellvertretend für das Volk den verrückten Kaiser. Alle setzen die trübenden Brillen ab und blicken optimistisch in eine ungewisse Zukunft.

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Kritik von Theo Hoflich

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Turandot: Oper in drei Akten

Ort: Oper,

Werke von: Giacomo Puccini

Mitwirkende: Matthias Foremny (Dirigent), Balazs Kovalik (Inszenierung), Christian Petzold (Solist Gesang), Olena Tokar (Solist Gesang)

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