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Freitag, 14. Dezember 2018

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Tobias Kehrer (Osmin), Matthew Newlin (Belmonte), Copyright: Thomas Aurin

Tobias Kehrer (Osmin), Matthew Newlin (Belmonte), © Thomas Aurin

'Entführung aus dem Serail' an der Deutschen Oper

Kaum berauschende Regie

Für die neue 'Entführung' hat das Haus in der Bismarckstrasse einen international tätigen Schauspielregisseur engagiert. Rodrigo García, der 2011 bereits in Berlin an der Schaubühne inszenierte und mit seinem Stück 'Golgota Picnic' aus demselben Jahr für großes Aufsehen sorgte, wagt sich mit Mozart erstmals ans Musiktheater. Die Musik in seine Neuinszenierung einzubinden, gelingt dem argentinischen Theatermacher dabei leider kaum. Es wird eine brüchige Geschichte erzählt, die unzusammenhängend mit schöner Musik von Mozart gespickt ist. Generalmusikdirektor Donald Runnicles interpretiert fein und delikat; er schafft es weitgehend, sein Orchester zu zügeln, um den Leuten auf der Bühne Raum zu verschaffen.

Den Truck an die Wand gefahren

Schon in der Overtüre zeigt eine Video-Einspielung, welchen Stil García diesem Werk überstülpt: jung, cool und abgedreht. Das Gefährt der beiden Protagonisten ist ein gewaltiger Monstertruck, mit dem Belmonte in Begleitung von zwei sich just ausziehenden Frauen ankommt, offensichtlich an einem Ort, wo Frauen vom rüpelhaften Osmin eingefangen werden. Die vorwiegend gesprochene Sprache des stark abgeänderten Textes ist American English, das mit vielen "Fucks" möglichst Coolness ausstrahlen soll, sich aber immer wieder in infantiler Sinnlosigkeit verliert. Wenn ein mittelmäßiger Gag gemacht wird, wird dieser gleich mehrmals wiederholt: "And I said: What the fuck is happening... and Blonde sais: What the fuck is happening... and Konstanze said: What the fuck is happening", berichtet Pedrillo, und es wird ein Video gezeigt, wie er mit den zwei Mädels im Park sitzt und als Gipfel der Absurdität von einem UFO weggebeamt wird. Die Sprechtexte erscheinen zunehmend so, als wären sie von einem Besucher der High School geschrieben. Zusätzlich wurde noch der Live-Filter Masquerade, kurz MSQRD, eingebaut, mit dem die Gesichter verfremdet projiziert werden. Während bei Opernabenden das Publikum oft erst nach einiger Zeit lockerer wird und sich sichtlich amüsiert, nehmen die anfangs noch zahlreichen Lacher hier stetig ab.

Erfrischendes Quartett

Die Besetzung dieser Premiere besteht durchweg aus jungen, spielfreudigen Talenten; nicht wenige waren Stipendiaten an der Deutschen Oper, einige sind nun fest im Ensemble. Kathryn Lewek, inzwischen auf der ganzen Welt gefragt, kehrt nach drei Jahren zurück, nun als Konstanze. Energisch und leidenschaftlich in Darstellung und Gesang und mit glanzvollen Höhen bringt sie das Publikum zur Begeisterung, auch wenn bisweilen die Intonation etwas eingetrübt ist. Ihr gelingt es, der Rolle eine charakterreiche Dominanz und eine humoristische Seite abzugewinnen. Den Geliebten Belmonte gibt Matthew Newlin aus dem Ensemble nicht ganz so konstant über die lange Partie, aber mit Strahlkraft und musikalischer Agilität. Als feierlauniger Kumpane Pedrillo überzeugt der Ensembleneuling James Kryshak mit kernigem Gesang, besonders wenn er mit E-Gitarre in der Hand seine Ballade 'Im Mohrenland gefangen war' präsentiert. Sein Blondchen, von Siobhan Stagg gegeben, zeigt graziös schönen Klang und Musikalität. Auch wenn hier und da Ungenauigkeiten passieren, werden besonders im wundervoll komponierten Quartett die musikalischen Vorzüge eines jungen, motivierten Ensembles deutlich.

Breaking Bassa

Störenfried Osmin ist mit Tobias Kehrer besetzt, der mit einem vollmundigen Timbre aufwarten kann. Seine angenehm knarzige Tiefe steht für seinen Ausnahmebass, während die Höhen oft etwas flach werden, was in der Buffo-Rolle des Osmin kaum stört. Inszeniert ist er als Karikatur zwischen Rambo und Gorilla; er macht Belmonte und Pedrillo das Leben schwer. Und wie bekommen die beiden Kerle die Gunst "der" Bassa Selim - hier von einer Frau gegeben? Indem sie für sie ein Drogenlabor einrichten und Crystal Meth herstellen! Zwanghaft versucht García, mit allen Mitteln skandalös zu sein. In der Sprechrolle von Bassa Selim kann Annabella Mandeng nur teils überzeugen. Zu eingeengt wird sie von den abstrusen Vorgaben, ob sie nun Basketball spielend "Ich liebe dich" in verschiedensten Sprachen teilnahmslos Konstanze an den Kopf wirft oder kalt und plötzlich die Gefangenen freispricht, die gerade noch ihren Palast in Flammen gesetzt haben. Einzig den letzten Sätzen kann man noch ein wenig Schlüssigkeit abgewinnen: Jede Geschichte geht weiter, und in Bassa Selims Version kommen die vier zurück, denn wo könnte es auf der Welt schöner sein als in diesem Lustpalast?

Am Ende fehlt der Sinn

Dass diese Inszenierung nicht funktioniert, hat absolut nichts mit den Wagnissen und Brüchen zu tun, nichts mit dem vermeintlich so skandalösen Zeigen von Exzess, vulgärer Sprache und Nacktheit. So etwas schockt auch Konservative im Jahr 2016 nicht mehr wirklich - genau das versucht aber die Inszenierung erfolglos. Einige lustige, teils auch kreative Einfälle machen ganz einfach noch kein schlüssiges Konzept. Der Grund fürs Missglücken ist schlichtweg der fehlende Bezug zum Material, ganz explizit: zur Musik. Vielleicht hat Rodrigo García seinen ersten Versuch auf dem Operngebiet selbst aufgegeben, denn das Regieteam erscheint beim Schlussapplaus nicht auf der Bühne. Und als das Publikum dies merkt und der schwarze Vorhang herunterkommt, peitscht ein Sturm von Buhs durch den Saal.

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Kritik von Theo Hoflich

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Die Entführung aus dem Serail: Singspiel in drei Aufzügen von W. A. Mozart

Ort: Deutsche Oper,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Chor der Deutschen Oper Berlin (Chor), William Spaulding (Chorleitung), Donald Runnicles (Dirigent), Orchester der Deutschen Oper Berlin (Orchester)

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