> > > > > 03.06.2016
Samstag, 17. November 2018

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Ensemble, Copyright: Matthias Heyde

Ensemble, © Matthias Heyde

Die lustigen Weiber von Zaufke/Lund sind zurück

'Letterland': Original Cast in Concert

Ausverkauft! Restlos! Alle Vorstellung! Es ist schon staunenswert, wie die Musiktheaterwerke von Komponist Thomas Zaufke und Librettist/Regisseur Peter Lund an der Neuköllner Oper Berlin regelmäßig zu Publikumsrennern werden: charmant-intelligente Musicals ‚Made in Germany‘ als Alternative zu den großen, oft seelenlosen Stage-Entertainment-Produktionen, aber auch als Alternative zu den Opern-Recycling-Versuchen, die sonst den Spielplan der Neuköllner Spielstätte bestimmen. Nun ist das zehn Jahre alte Erfolgsstück 'Letterland' zurückgekehrt für fünf Vorstellungen mit dem Original Cast von 2006. Und dieser Cast – ehemals alles Studenten der UdK Berlin, an der Peter Lund Professor ist – hat inzwischen groß Karriere gemacht, was viele treue Fans angelockt hat. Sie wollten Lucy Scherer aus 'Tanz der Vampire', Helena Blöcker aus 'Mamma Mia' oder Jörn Linnenbröker aus 'Tschitti Tschitti Bang Bang' in jenen Rollen erleben, mit denen damals deren Weg an die deutsche Musical-Spitze losging. Entsprechend gab es nach dem letzten Ton der Musik sofort stehende Ovationen und Jubel, wie man ihn in den routiniert ablaufenden Stage-Entertainment-Produktionen kaum erleben wird, bei denen alle gleich zurück in den Bus müssen, um wieder nachhause gefahren zu werden.

Schlag‘ nach bei Shakespeare

'Letterland' ist eine moderne Version von Shakespeares ‚Die lustigen Weiber von Windsor‘, nur dass Sir John Falstaff hier Erwin Kannes heißt und ein arbeitsloser Aussteiger mit Bierbauch, Aldi-Schlappen und Trainingsanzug ist, der die Damen in einem Vorstadtwohnblock à la Marzahn in Unruhe versetzt (Bühne: Jürgen Kirner). Das Update funktioniert perfekt, besser als bei vielen Opernproduktionen, wo krampfhaft versucht wird, Verdis oder Nicolais Meisterwerke zwangsweise in eine moderne Zeit zu verlegen, wo sie nur begrenzt hinpassen. Lund hat das Shakespeare-Original so bearbeitet, dass es als Gegenwartskomödie bis ins kleinste Detail funktioniert, und Thomas Zaufke hat dazu eine Musik geschrieben, die zu Beginn an Burt Bacharach erinnert, aber in diesem einfachen Sieben-Mann-Orchesterarrangement nicht wirklich an die Eleganz Bacharachs herankommt. Der Swinging-Sixties-Stil wirkt auch etwas fremd, weil die Outfits der Darsteller – im Cindy-von-Mahrzahn-Look (Kostüme: Daria Kornysheva) – wenig mit Bacharach zu tun haben. Echte Proll- oder Schlagermusik schreibt Zaufke aber dankenswerterweise auch nicht. Und die Diskrepanz hat auch ihren Reiz, weil sie die Figuren in eine Art idealisiertes Niemandsland rücken, das zeitlos wirkt. Sprich: Man merkt 'Letterland' sein Alter nur dort an, wo die Figuren sich Briefe schicken, statt sich per Smartphone Textnachrichten zu senden.

Angekündigt ist die Wideraufnahme der Originalproduktion als ‚In Concert‘ - das trifft es aber nicht. Denn die Musikpulte werden gleich in der ersten Nummer beiseite gestellt, und danach wird gespielt, was das Zeug hält. Die neugewonnene Reife aller Darsteller tut dem Stück gut. Denn diese lustigen Weiber sind in der gealterten Version als Mit-Dreißiger glaubhafter in ihrer Midlife Crisis als junge Studenten um die 24 es je sein können. Sie haben sich auch als Typen weiterentwickelt und sind dadurch als Ensemble der Gegensätze interessanter geworden: Helena Blöcker als alleinerziehende Mutter Marie-Luise Reich, die mit ihrem Kühlschrank nachts Selbstgespräche führt, Jörn Linnenbröker als eifersüchtiger Ehemann Thomas Flut, der ständig seinen fitnessgestählten Körper in weißen Unterhosen zeigen muss, mit Lucy Scherer als Ehefrau Melanie, die mehr will als Sex als Sportersatz. Besonders toll hat sich als Bühnentype Benjamin Eberling in der Falstaff-Rolle des Erwin Kannes entwickelt. Im Gegensatz zu den meisten glattgebürsteten Sixpack-Musical-Darstellern ist er eine Charaktererscheinung, die ich mir im Genre hierzulande öfter auf der Bühne wünschte. Wie Eberling die Damen der Siedlung reihenweise rumkriegt, indem er mit ihnen wahlweise Tango oder Walzer tanzt, hat große Klasse. Und selbst halbnackt in weißer Unterhose wahrt er seine autoritäre Ausstrahlung, die gepaart ist mit einer wunderbar durchdringenden Baritonstimme.

Irgendetwas fehlt

Apropos Stimmen: Auch wenn 'Letterland' keinen großen Hit-Song enthält und musikalisch in Einzelteile zerfällt, die manchmal zusammenhanglos (und musikalisch austauschbar) wie eine Revue vorbeirauschen, gibt es doch etliche wunderbare Momente, in denen man stimmlich brillieren kann. Einer dieser Momente ist Melanies Lamento über die verlorene Jugend und Unschuld, 'Ich wollte immer nur tanzen', der andere das melancholische Duett Malu/Anna 'Irgendetwas fehlt' über die Liebe, der alle nachjagen und die nur wenige finden. In all diesen Nummern fiel mir auf, dass offensichtlich keiner der UdK-Studenten im Studium gelernt hat, wie man einen schönen, unangestrengten Ton in der oberen Mittellage produziert. Alle Sänger verfallen sofort ins "Belting" und schreien die Spitzentöne, so dass sie verzerrt und unattraktiv klingen. Vor allem auch: angestrengt. Was den manchmal elegisch dahingleitenden Liedern viel von ihrer Wirkung nimmt. Scheinbar ist das eine Besonderheit der UdK-Gesangspädagogen, denn mir ist das auch bei vielen anderen Studenten aufgefallen. Man merkt es auch bei den beiden Neuen im Ensemble, die gerade ihr Studium beendet haben: Kiara Brunken in der Hosenrolle des Oliver und Katharina Beatrice Hierl als Mistress Quickly, die hier Kimberley Schnell heißt. Auch sie sind beide darstellerisch und tänzerisch hervorragend, als Typen scharf gezeichnet und einnehmend (Hierl mit einem Quäntchen Julia-Roberts-Charme, Brunken als pubertierender Punk), aber sobald die Gesangslinien höher rutschen, merkt man die Mühe – die man nicht merken sollte. Das lösen anglo-amerikanische Musical-Darsteller besser. Es täte dem Berliner Musical-Nachwuchs gut, sich da am Broadway oder West End zu orientieren.

Mikros und Missverhältnisse

Unterstützt wird dieser stimmlich schwierige Eindruck dadurch, dass seltsamerweise die Mikrophone der Sänger nicht richtig eingestellt waren. Jedenfalls konnte ich in der ersten Reihe – mit den Solisten zwei Meter vor mir – ihre Stimmen teils nicht hören, weil das hinter der Bühne sitzende Orchester so laut war, speziell das penetrante Schlagzeug (musikalische Leitung: Hans-Peter Kirchberg). Durch dieses Missverhältnis von Gesang und Begleitung wurden auch die schönen Burt -Bacharach-Anklänge kaputt gemacht, und teils konnte man den brillanten Lund-Text nur schwer verstehen.

Aber das Schöne an der Aufführung ist: Sie überzeugt trotzdem. Das liegt an der enormen Energie, die alle Darsteller einbringen (auch Martin Schäffner als Kalle = Fenton, Maria Kempken als aufgetakelte Sandy Deutschmann, hier eine Gegenspielerin von Nannetta/Anna, genannt Anna Reich, gespielt von Anne Hoth). Die Tanzsequenzen sind furios, choreographiert von Neva Howard, mit einer hinreißenden Stepp-Einlage von Brunken/Kempken. Mag sein, dass sie für einen Punk und eine Barbie-Beauty in Pink anachronistisch ist, aber schön ist sie trotzdem.

Als Sommernachtstraumunterhaltung in Neukölln ist die Aufführungsserie unwiderstehlich. Als Shakespeare-Adaption eine interessante Ergänzung zu den bewährten Opernklassikern. Und als Klassentreffen des Abschlussjahrgangs 2006 ist 'Letterland' sicher einmalig. Bitte mehr davon!

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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