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Donnerstag, 26. November 2020

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Szenenfoto, Copyright: Bettina Stöß

Szenenfoto, © Bettina Stöß

Essener Neuinszenierung des 'Barbiere'

Wenn Theaterfiguren ihre Haltung verlieren

Gioacchino Rossinis komische Oper 'Il barbiere di Siviglia' ist eine vom Teatro Argentina in Rom in Auftrag gegebene Karnevalsoper und spielt in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Eine Musik, die von Belcanto und motorischer Bewegungsenergie lebt, eine Geschichte, die Gesellschaftskomödie und Situationskomik in den Vordergrund rückt: Immer wieder durchkreuzt das Faktotum Figaro die Heiratspläne des Dr. Bartolo, ersinnt neue Projekte, wie der als Student verkleidete Graf ins wohlbehütete Haus gelangen könnte. Zunächst singt er seiner jungen, reichen Schönen ein Ständchen in der Nacht. Dann bittet er als betrunkener Soldat um Aufnahme. Und im zweiten Akt wagt er sich sogar als Gesangslehrer und Stellvertreter des korrupten Basilio ins Haus, um Rosina mit seinen Entführungsplänen vertraut zu machen. Doch Dr. Bartolo ist auf der Hut. Er interpretiert die verwirrenden Verstrickungen als unehrenhafte Machenschaften des Grafen Almaviva. Die schöne Rosina ist entsetzt. Aus Protest willigt sie in eine Heirat mit Bartolo ein, die Entführungsabsicht fliegt auf, die Polizei wird gerufen. Um einer Verhaftung zu entgehen, gibt sich der vermeintliche Student als Graf Almaviva zu erkennen. Am Ende sind alle zufrieden, weil der reiche Graf jeglichen Verdruss mit Geld zu befrieden weiß.

Jan Philipp Glogers differenzierte, sehr ästhetische Inszenierung, die jüngst im Aalto-Theater in Essen Premiere feierte, setzt auf klassische Mittel der italienischen Komödie. Alles ist auf die unermüdliche Bewegungsenergie, Wiederholungen und rhythmischen Wechsel der Musik abgestimmt. Neben überzeichneten Gesten und Haltungen, die Commedia dell’Arte-Figuren in Erinnerung rufen, zeigt Gloger erstarrte Bilder oder erweitert die Szene zu ausgetüftelten, zeitlupenartig bewegten Gruppenchoreographien. Schnell wechseln solch ästhetisch erzählte Situationskomiken. Aber was ist eigentlich, wenn Theaterfiguren übergangslos die Haltung verlieren und unerwartet aus dem Rahmen zu fallen scheinen? Wenn Aggressivität um sich greift, die Gefühle deformieren. So gehen gleich in der ersten Szene am Ende die Musiker auf den Grafen los, um ihren Lohn einzufordern und ihn - den Text konterkarierend - im wahrsten Sinne des Wortes bis aufs Hemd auszuziehen. Auch Dr. Bartolo verliert die Fassung. Er, der ewig Getäuschte, Misstrauische und Besitzergreifende, schlägt sein zur Braut erkorenes Mündel sogar.

Gloger inszeniert die komische Rossini-Oper als vordergründig zeitloses Gesellschaftsspiel mit Geld und Figaro als Dirigenten. Von Bariton Georgios Iatrou meisterlich gesungen und gespielt greift er gleich zu Beginn der Ouvertüre auf leerer, offener Bühne selbstsicher und -verliebt zum Taktstock, um sodann unterschiedlich große, entfernt an das Logo einer großen deutschen Bank erinnernde Transportkisten heranzukarren. Die Protagonisten entsteigen ihnen wie ferngesteuerte Marionetten. Einheitlich mit blonden Perücken ausgestattet und von Marie Roth in schlichte rollenspezifische Kostüme gesteckt beginnt ein fantasievolles, hintersinniges Spiel mit großen, kleinen, offenen, geschlossenen, als Geschenk verpackten Kisten.

Ben Baur hat die Bühne für den Auftritt Rosinas in ein spitz zulaufendes Kisteninneres verwandelt. Karin Strobos, die die reiche, in rotes Kleid und Geschenkband gewickelte blonde, selbstbewusste Schöne verkörpert, verzaubert auch stimmlich. Belcanto vom Feinsten, in denen die nicht enden wollenden Verzierungen, Koloraturen und Läufe verspielt und von leichter Hand gezeichnet wirken. Etwas weniger elegant, manchmal geradezu stürmisch stimmliche Höhen erklimmend gibt sich Juan José de León als witziger Graf Almaviva. Virtuos, dramatisch und flexibel gestaltend überzeugt Bassbariton Baurzhan Anderzhanov als überforderter Dr. Bartolo nicht nur in seiner Wutarie 'A un dottor della mia sorte'. Tijl Faveyts ist der dämonische, mit dem Keyboard als Waffe drohende, opportunistische Don Basilio.

Auch die Ensembles, vor allem das 'Zitti, Zitti, piano, piano' gegen Ende der Oper perlen wie kleine, eilende Meisterstücke dahin. Unter der Leitung Giacomo Sagripantis spielen die Essener Philharmoniker spannungsvoll und sinnlich gestaltend. Transparent, dynamisch und rhetorisch differenziert wird Rossinis Achtel- und Sechzentel-Uhrwerk mal spritzig leicht, mal temperamentvoll vor Augen geführt.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Il barbiere di Siviglia: Opera buffa in zwei Akten von Gioacchino Rossini

Ort: Cafe Nova,

Werke von: Gioacchino Rossini

Mitwirkende: Philharmoniker Essener (Orchester)

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