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Sonntag, 20. Oktober 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

'Don Giovanni' an der Semperoper Dresden

Glanz und Verwüstung

Mit einer Inszenierung von Andreas Kriegenburg schließt die Sächsische Staatsoper Dresden den Mozart-Da Ponte-Zyklus ab. 2014 wurde bereits 'Cosí fan tutte' vom mehrfach ausgezeichneten Ausnahmeregisseur an der Semperoper gegeben. An Bord sind erfreulicherweise erneut Bühnenbildner Harald B. Thor und Lichtdesigner Stefan Bollinger, die eine langjährige Zusammenarbeit mit Kriegenburg pflegen. Das Dreierteam schuf unter anderem die phänomenale Inszenierung zu Zimmermanns 'Die Soldaten' in München, welche von der "Opernwelt" zur Produktion des Jahres 2014 gewählt wurde.

Ausgefallene Führung

Schon in der Ouvertüre wird klar, dass Dirigent Omer Meir Wellber keine gewöhnliche Interpretation anstrebt. Enorme dynamische Vielfalt, schnelle Tempi und pfiffige Wechsel ziehen sich durch den ganzen Abend. Die Sächsische Staatskapelle folgt ihm dabei präzise bis ins letzte Detail, während Sängerinnen und Sänger von der ungewohnten Art immer wieder überrumpelt werden, doch Wellber gelingt es jedes Mal in kürzester Zeit, das Ensemble wieder einzufangen. Dass überhaupt so schnell bemerkbar wird, wenn etwas nicht ganz zusammen ist, liegt am überaus transparenten und klaren Klang. Viele sonst verschwommene Kleinigkeiten sind mit exakter Schärfe herausgearbeitet.

Zwei Seiten einer Medaille

Die Beine übereinander geschlagen sitzen junge Frauen wie Hühner auf der Stange im Wartebereich zu einem Modellcasting. Durchs Fenster sieht man die Skyline einer modernen Metropole und Leporello geht genervt die Mappen der Bewerberinnen durch. Ob die Agentur Don Giovannis wirklich irgendwelche Aufträge vermittelt, ist zu bezweifeln, jedenfalls reicht sein Ruf und Charme, um Scharen von hübschen Girls anzulocken und auch an ihn zu binden, denn sie folgen ihm auf jeden Wink. Beeindruckend wechselt das Bild – hervorragende Arbeit des Bühnenbildners Harald B. Thor: Das Agenturbüro fährt hoch, und darunter öffnen sich heruntergekommene Katakomben. Dreck ist an den Wänden, Pfützen erstrecken sich über den Boden und umgestürzte Kreuze im Hintergrund weisen auf einstige Moralvorstellungen hin. Die dort gefeierten dekadenten Trinkgelage, Festschmäuse und Partys bekräftigen noch den Zustand des offensichtlichen Verfalls. Eine Welt wird gezeichnet, in der durch Reichtum und Fortschritt eigentlich alles möglich wäre, würde nur mit den Mitteln verantwortlicher umgegangen werden.

Dubioser Großstadt-Don

Auf dem Gipfel dieser Welt steht der ausgiebig lebende Don Giovanni. Nach außen gibt er sich elegant und zuvorkommend; ist er mit Leporello allein, verhält er sich anstößig und proletenhaft. Lucas Meachem überzeugt in seiner Gesamtdarstellung und beeindruckt mit seiner potenten, aber auch warmen, samtigen Stimme, mit der er wundervoll durch sein 'Deh vieni alla finestra' Regung in die verkaterte Festtagsgesellschaft in seinem Loft bringt. Ein hübsches Detail dabei ist die Mandolinen-Begleitung auf der Bühne durch eins seiner Party-Girls. Kriegenburg arbeitet eine sehr ausführliche Entwicklung Don Giovannis heraus, lässt ihn immer mehr durchdrehen. Der Mord am Komtur wirkt als Katalysator und führt zum sowieso unaufhaltsamen physischen und psychischen Zusammenbruch.

Lässiger Mitläufer

Weitaus weniger macht sich eine Entwicklung bei Leporello bemerkbar, der eher ein kumpelhaftes Verhältnis zu seinem Chef pflegt. Die Beschwerden über die schlechte Behandlung kommen eher beiläufig, und auch wenn er mal in Rage gerät, wird er schnell wieder cool. Mit Hut und Brille fügt er sich äußerlich ins Klischee eines Hipsters, der lässig am Rande steht und kommentiert, im Vergleich zu seinem Herren aber auch immer eine Dosis Anstand bewahrt. Guido Loconsolo strahlt genau diese Lässigkeit aus, auch stimmlich ist ihm keinerlei Anstrengung anzumerken, doch die Höhen kommen nicht immer so stabil. Sein wunderbarer Stimmklang und seine ruhige Art machen ihn aber zum geeigneten Komplizen für diese Inszenierung.

Der moderne Adel

Das Edelpaar Donna Anna und Don Ottavio markieren die wohlsituierten Bürger, die harmlosen und eher braven "rich kids". Peter Sonn präsentiert einen Tenor mit Knall, aber auch Zärtlichkeit und mischt feinfühlig einen jugendlich, aber starken Klang – ideal für die Partie des Don Ottavio. Maria Bengtsson gelingt eine verzaubernde Donna Anna, auch wenn sie anfangs nicht ganz reinkommt. Die Arie im zweiten Akt erntet durch unfassbare Flexibilität und einem ins Herz dringenden Piano grandiosen Applaus. Auch Aga Mikolaj als Donna Elvira bereichert das Solistenensemble mit ihrer feuergeladenen Stimme, dramatischer Gestaltung und ihrer begeisterten Spielfreude. Ihre Gefühlsschwankungen gegenüber Giovanni sind durchweg klar definiert.

Das Bauernbrautpaar

Masetto ist eher der Gangster-Typ, der gern auf dicke Hose macht, ohne wirklich mächtig zu sein. Gesanglich ist der junge Bassbariton Evan Hughes, vor kurzem noch als Leporello an der Komischen Oper zu erleben, durchaus kräftig-fulminant und eine hervorragende Wahl. Seine Braut Zerlina ist überhaupt nicht das scheue, leicht einzuschüchternde Mädchen, wie man es sonst so oft sieht; zwar hat sie eine etwas naive, kindliche und verspielt-neugierige Ader, jedoch spielt sie geradezu mit Don Giovanni, als dieser sie zu verführen versucht. Auch stimmlich kommt da keine zarte Bauernmagd zum Vorschein. Christina Bock macht mit dunklem Timbre und Kraft einen gefestigten und selbstsicheren Eindruck. Doch durch den immer manischer werdenden Don Giovanni wird letztlich selbst Zerlina verängstigt und aus der Fassung gebracht.

Katharsis im Endstadium

Leider ist Michael Eder als Komtur für die Premiere ausgefallen, laut der Internetseite wird er jedoch die kommenden Vorstellungen singen. Die Sächsische Staatsoper weiß aber, wen man als Backup einplant und bringt Georg Zeppenfeld, der mit seinem gewaltigen und erschütternden Bass durch Mark und Knochen dringt und so das episch inszenierte Finale zu einem vollkommenen Erlebnis macht. Der Komtur ganz in weiß wird begleitet von den ehemaligen Geliebten, in dunkle Tücher gehüllt, unter denen sich auch Donna Elvira befindet. Krämpfe in der Brust sind die Vorankündigung von Giovannis Tod und schließlich wird er von seiner ewigen egozentrischen Sucht nach Rausch, mit der er so viel Leid angetan hat, eingeholt. Das fantastische Schlussbild (dessen Beschreibung an dieser Stelle bewusst ausgelassen wird) erfährt die Krönung durch das Donnern des Chors aus den obersten Seitenlogen und das genial gestaltete Licht von Stefan Bollinger, wie es in der ganzen Inszenierung brillant unterstützt. Auch wenn kaum ein Ansatz im Überbau dieser Inszenierung wirklich neu ist, schafft das Regieteam eine großartige Umsetzung mit durchaus neuen Deutungen der Figuren und schlichtweg umwerfenden Bildern. Wer nach Dresden kommt, sollte sich das nicht entgehen lassen!

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Kritik von Theo Hoflich

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Don Giovanni: Dramma giocoso in zwei Akten

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Harald B. Thor (Bühnenbild), Omer Meir Wellber (Dirigent), Andreas Kriegenburg (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Aga Mikolaj (Solist Gesang), Peter Sonn (Solist Gesang), Maria Bengtsson (Solist Gesang), Georg Zeppenfeld (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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